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25. November 2011
Ein jüdischer Hitlerjunge erzählt
Hauptziel Überleben: Sally Perel, dessen Autobiografie verfilmt wurde, sprach über sein absurdes Dasein als "Hitlerjunge Salomon".
Was für eine Situation: Ein jüdischer Junge sitzt im Rassenkunde-Unterricht einer "Adolf-Hitler-Schule" – unerkannt, in Todesangst. Alle lauschen gebannt, als Sally Perel, 86 Jahre alt, erzählt. Es ist seine Geschichte, zu lesen im Buch "Ich war Hitlerjunge Salomon", verfilmt als "Hitlerjunge Salomon". Auch nach knapp drei Stunden haben die Schülerinnen und Schüler der Emil-Thoma-Realschule immer wieder neue Fragen. So geht es Sally Perel überall, wo er hinkommt. Er reist vier Wochen durch Deutschland, in Freiburg hatte er mehrere Auftritte.
Wie lebt einer, der so überlebt hat wie er? In einer verrückten Doppelrolle, als Jude, der einen Hitlerjungen spielte? Salomon Perel, wie er offiziell heißt, wurde 1925 in Peine bei Braunschweig als Kind einer jüdischen Familie geboren. Die Eltern stammten aus Polen und flohen 1933 nach Lodz, 1939 wurden Sally und sein Bruder Isaak von dort nach Russland geschickt. Sally lebte erst in einem russischen Waisenhaus, später musste er wieder fliehen und geriet in die Kontrolle von deutschen Soldaten.Da fing sein Doppelleben an, das ihm sein Leben rettete: Er gab sich als Deutscher aus und nannte sich Josef Peters, Spitzname Jupp. Es war eine Spontanreaktion, sagt Sally Perel, er hatte das nicht geplant: Er wollte einfach nur überleben. Das Überleben – das war das eine, wichtige Ziel, auf das sich Sally Perel immer wieder bezieht.
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Zum Beispiel, als ihn ein Schüler fragt, ob er heute alles wieder genauso machen würde. Ja, sagt er, "sonst würde ich heute nicht hier sitzen." Das Überleben war ein Auftrag, den ihm seine Eltern übermittelt hatten. Sie selbst wurden ermordet, genau wie seine Schwester und einer der zwei Brüder.
Sally Perel, der plötzlich Jupp hieß, lebte bei den deutschen Soldaten, für die er Russisch übersetzte, später wurde er Schüler einer Adolf-Hitler-Schule in Braunschweig. Er verliebte sich in die vom Nationalsozialismus begeisterte Lena, die ihm später sagte, dass sie ihn der Gestapo ausgeliefert hätte, wenn er ihr gesagt hätte, dass er Jude war. Sally Perel hatte nachts Alpträume und trug tagsüber seine Hakenkreuz-Uniform und brüllte "Heil Hitler". Wie tief der Hitlerjunge Jupp in ihn eingedrungen war, zeigte sich, als er bei Kriegsende trotz aller Erleichterung traurig war, weil Deutschland endlich besiegt war. "Wenn du jahrelang mit den Feinden zusammenlebst, wirst du einer von ihnen", sagt er nüchtern. Er spricht über unbequeme Dinge, setzt sich damit auseinander. Das kommt gut an bei den Jugendlichen, in Freiburg wie anderswo. Für Sally Perel ist ihr Applaus "eine kolossale Erleichterung", immer wieder neu. Er gibt ihnen einen Auftrag: "Bitte überliefert das, was ich erzählt habe, weiter, an eure Kinder und Kindeskinder. Ihr seid ab jetzt auch Zeitzeugen!"
Sally Perel macht keinen Hehl daraus, dass sich manches nicht "verarbeiten" lässt. So, wie ein Erlebnis, von dem er sich wünscht, dass nie wieder jemand so etwas erleben muss: Als Hitlerjunge fuhr er im Weihnachtsurlaub, getrieben von der Sehnsucht nach seiner Familie, mit der Straßenbahn durchs Ghetto Lodz. Eines Tages sah er seine Mutter, von ihm getrennt durch den Stacheldraht. Sie erkannte ihn nicht. Davon träumt er immer wieder, auch heute noch. Über das alles geredet hat Sally Perel erst nach 40 Jahren, nach einer Herzoperation, als er sein Buch zu schreiben begann. Bis dahin war er Mitinhaber einer Reißverschlussfirma. Er lebt, genau wie seine zwei Söhne und drei Enkel, in Israel.
Autor: Anja Bochtler
