Hohe Quote

Ein Viertel der Freiwilligen bricht den Bundesfreiwilligendienst ab

Claudia Förster

Von Claudia Förster

Di, 11. September 2018 um 16:35 Uhr

Freiburg

Sie pflegen Senioren und Menschen mit Behinderung, schützen die Umwelt und fördern die Kultur: die Freiwilligen im sozialen Bereich. Viele brechen den Dienst vorzeitig ab – auch in Freiburg. Warum?

Freiwillige, die einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) oder ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolvieren, sind zu einer Stütze des sozialen Sektors geworden. Doch mehr als ein Viertel der Freiwilligen in Baden-Württemberg hat den BFD im vergangenen Jahr vorzeitig abgebrochen, in Freiburg waren es 22,3 Prozent.

Solch ein unvorhergesehener Abbruch bedeutet für die Einsatzstellen großen Verwaltungsaufwand und den Verlust einer erfahrenen Arbeitskraft. "Wir müssen den Ausfall dann irgendwie überbrücken und sicherstellen, dass unsere Klienten weiter versorgt werden", sagt Gerd Neumann von der Individuellen Schwerstbehindertenassistenz (ISA) der AWO Freiburg.

Doch was ist der Grund für die hohe Abbruchquote?

Die Caritas Freiburg, ein katholischer Träger für Freiwilligendienste, will zu dem Thema keine Stellung nehmen. Beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, das den BFD organisiert, werde keine Statistik über die Gründe geführt, sagt Peter Schloßmacher. In der Regel dauere ein BFD zwölf Monate, nach gesetzlichen Regelungen ist aber auch eine Dienstdauer von 6 bis 18 Monaten möglich.

"Die vorzeitige Beendigung einer Zwölf-Monats-Vereinbarung beeinträchtigt also erst einmal nicht die vollgültige Anerkennung eines BFD, sondern ist Ausdruck der freien Wahl der Dienstdauer", erklärt er. Meistens verpflichten sich die Bewerber für zwölf Monate, das gelte vor allem für Jugendliche, "die noch nicht genau wissen, wie lange sie ihren Dienst machen möchten, sich aber die Option auf ein ganzes Dienstjahr sichern möchten". Abbrüche kämen dann vor, wenn Freiwillige während der Dienstzeit die Möglichkeit bekommen, eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen.

Manche wollen sich nicht festlegen

Bei 26 beschäftigten Freiwilligen in der ISA gebe es höchstens zwei Abbrüche pro Jahr – unabhängig davon, ob BFD oder FSJ. Das komme etwa dann vor, wenn ein Freiwilliger sich für den Beruf des Pflegers entscheide und vom Ausbildungsbetrieb vorzeitig übernommen wird, sagt Neumann. "Wir legen dann niemandem mit Ausbildungsperspektive Steine in den Weg". Über andere Gründe könne er nur spekulieren, schließlich sei das Problem bei der ISA weniger ausgeprägt.



In den letzten Jahren sei ein Phänomen aber immer deutlicher zu beobachten gewesen: Freiwillige bewerben sich immer später, einige Stellen werden erst nach zwei Monaten Dienstlaufzeit besetzt, berichtet Neumann: "Es scheint für junge Leute schwerer zu werden, sich zu entscheiden." Sich nicht festlegen zu wollen und sich alle Optionen bis zum letzten Moment offenzuhalten sei typisch für die Jugendlichen dieser Zeit.

Sehr wertvolle Mitarbeiter

Trotz hohen Verwaltungsaufwands gehe die ISA darauf ein und fördere Freiwilligendienste, die von vornherein nur auf 6 Monate angesetzt sind. Immerhin profitiere die ISA auch auf lange Sicht von den Freiwilligen: Die Hälfte ihrer 47 Minijobber, die den ambulanten Pflegedienst unterstützen, seien frühere Freiwillige. "Für uns sind das sehr wertvolle Mitarbeiter: Sie kennen den Klienten, der Klient hat ein vertrautes Gegenüber – eine Win-Win-Situation", sagt Neumann.

Gerade dieser persönliche Kontakt zwischen Freiwilligen und pflegebedürftigen Menschen sei ein wichtiger Baustein, um zukünftige Pfleger, Sonderpädagogen und Sozialarbeiter für soziale Berufe zu begeistern.
Freiwilligendienst

Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) ist nach der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 aus den Strukturen des Zivildienstes entstanden und wird vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben organisiert. Menschen jeden Alters können dabei zwischen 6 und 18 Monate lang freiwillig in sozialen oder kulturellen Einrichtungen arbeiten. Träger ist der Bund, während das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) etwa von der Kirche oder dem Deutschen Roten Kreuz angeboten wird. In Baden-Württemberg leisten derzeit 5400 Menschen einen Bundesfreiwilligendienst, davon knapp 300 in Freiburg. Im Gegensatz zum FSJ steht der BFD auch Menschen über 27 Jahren offen und beinhaltet ein politisches Bildungsseminar.