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09. Januar 2010

"Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen"

BZ-INTERVIEW mit Schauspieldirektorin Viola Hasselberg über ihre Familiensaga, über die eigene Erziehung und wie sich Erziehung allgemein verändert hat.

  1. Viola Hasselberg Foto: kunz

Viola Hasselberg, Schauspieldirektorin am Theater Freiburg, hat mit 17 Bürgerinnen und Bürgern zwischen zehn und 80 Jahren das Stück "Familienkonferenz" erarbeitet. Frank Zimmermann sprach mit der 41-jährigen Regisseurin über das ungewöhnliche Mehrgenerationenprojekt.

BZ: Was reizt Sie denn am Thema Erziehung so sehr?
Viola Hasselberg: Ich glaube, dass das im Moment ein brennendes Thema ist. Es gibt heute ganz viele, sich zum Teil widersprechende Erziehungsmethoden, die alle auf ein Kind einwirken. Früher war Erziehung mehr oder weniger einem System geschuldet, das mit Autoritäten zu tun hatte, heute sind die Erziehungsmaximen weit weniger eindeutig. Neben dem gesellschaftlichen Hintergrund hat mich das Thema aber auch persönlich interessiert: Ich habe selbst eine fünfjährige Tochter und befinde mich im Spagat zwischen meinem Beruf und meiner Rolle als Mutter, zudem lebt mein Partner nicht in derselben Stadt. Damit verbunden sind eine Reihe komplexer Probleme. Gleichzeitig habe ich mich gefragt: Wie viel weiß ich eigentlich von dem, was mich zu dem gemacht hat, was ich geworden bin? Was weiß ich über die Erziehung meiner Eltern? Wie haben sie meine Erziehung erlebt? Und wie sah das in der Generation davor aus? Ich wollte das systematisch anschauen – im Zusammenhang und historisch über mehr als 100 Jahre.

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BZ: Wie sind Sie vorgegangen?
Hasselberg: Wir, die Bühnenbildnerin Viva Schudt und ich, haben zunächst eine Reihe von Interviews in unserem engsten familiären Umfeld geführt. So konnten wir auch Tabufragen stellen. Wobei mein eigener Vater sich zunächst geweigert hat, mit mir über meine Erziehung zu sprechen. Tabus tauchen ganz schnell auf bei Fragen wie: Hat mir meine Erziehung wirklich geholfen oder hat sie mich traumatisiert? Andere Tabus sind beispielsweise Sexualität und wie Autorität durchgesetzt wurde. Wir hatten daneben auch Quellen von Menschen zur Verfügung, die nicht mehr leben, in Viva Schudts Familie beispielsweise ein Tagebuch der Ururgroßmutter. Und in meiner Familie gibt es ein Kriegstagebuch meines Onkels, der 1945 im Schützengraben Dinge aufgeschrieben hat, von denen ich nicht für möglich hielt, dass man sie in so einer extremen Situation aufschreibt. Er hat sich damals wirklich Gedanken über den Untergang des Deutschtums und der deutschen Kultur gemacht. Das war sein moralisches Erziehungsgebäude, das in der Horrorsituation Krieg zusammenbrach.
BZ: Was haben Sie mit all dem Interviewmaterial gemacht?
Hasselberg: Wir haben alle Interviews transkribiert. Am Ende hatten wir ein ziemlich dickes Buch, das sich alle Teilnehmer des Projekts in einem Workshop gegenseitig vorgelesen haben. So haben wir die Geschichten noch einmal gemeinsam erlebt und diskutiert und dann eigene Geschichten der Gruppenmitglieder hinzugefügt. Das ergab eine sehr lebendige und zum Teil unheimlich kontroverse Diskussion. Denn wir kamen auch zu der Frage, ob früher alles besser war oder nicht doch heute alles besser ist. Da ist man auch aneinander geraten. Danach haben Viva Schudt und ich aus diesen Texten und den ersten Improvisationen ein Stück gemacht.
BZ: Inwieweit fließt die Erziehung, die man selbst als Kind genossen hat, in die Erziehung der eigenen Kinder ein?
Hasselberg: Ich glaube, dass man seiner Herkunft und der damit verbundenen Erziehung nicht entkommen kann. Selbst wenn man sich vornimmt, die Dinge anders zu machen als die Eltern, sind deren Erziehungsmaximen immer noch vorhanden und werden weitertransportiert. Das merkt man auch, wenn man die Familiengeschichten systematisch betrachtet: Oft gingen die Erziehungsmethoden von einem Extrem ins andere, und in der dritten Generation gab es dann eine Synthese dieser Extreme.
BZ: Und wie war das bei Ihnen?
Hasselberg: Ich habe eigentlich eine gute Erziehung genossen, die mir heute noch hilft. Es gibt aber schon auch bestimmte Teile, die ich gar nicht mag, zum Beispiel den Umgang meines Vaters mit Autorität. Ich erinnere mich an Sätze wie "Du gehst jetzt nicht aus dem Haus!" oder "Darüber diskutiere ich nicht mit dir!", obwohl ich mich damals schon alt genug fand zu diskutieren. Das mache ich bei meinem Kind definitiv anders, hoffe ich.
BZ: Ist Erziehung heute komplexer?
Hasselberg: Ja, sie ist komplexer geworden und mehr Teamwork, weil es nicht mehr den einen Übervater, sondern verschiedene Einflüsse gibt, die oft gleichwertig nebeneinander stehen. Dabei ist es wesentlich, sich abzustimmen und sich nicht gegenseitig den schwarzen Peter zuzuschieben: Die Eltern sagen gerne, die Lehrer müssen das machen, und die Lehrer sagen, sie können nicht alles geradebiegen, was die Eltern vorher verbockt haben. Der Spruch "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen" trifft mehr denn je zu.

Autor: fz