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25. Februar 2017 16:50 Uhr

Gemeinschaft

Warum Europa für eine Familie aus Kirchzarten eine Herzenssache ist

Sie haben Wurzeln in drei Ländern: Die Familie von Lionel und Katja Macor engagiert sich für das Zusammenwachsen der Staaten in Europa – und lebt das selbst vor.

  1. Sie zeigen Flagge: Lionel und Katja Macor mit Marie und Raphael. Foto: Michael Bamberger

Gegen die Europaskepsis formiert sich jeden Sonntag eine Kundgebung auf dem Augustinerplatz: Pulse of Europe, der Herzschlag Europas, nennt sich die bundesweite Bewegung. Eine Herzensangelegenheit ist das Zusammenwachsen Europas für die Familie Macor: Der Vater ist Franzose mit italienischen Eltern, der eine Kielerin geheiratet hat. Und die beiden Kinder sprechen drei Sprachen. Die Familie sorgt sich um Europa. Vergangenen Sonntag hat Lionel Macor bei der Kundgebung spontan das Wort ergriffen. Jetzt plant er einen Lauf zwischen Neuf-Brisach und Breisach.

Freiburg ermöglicht der Familie ein grenzüberschreitendes Leben

Auf dem Auto der Macors kleben zwei Aufkleber: einer vom SC Freiburg und ein "Ich bin EU-Bürger"-Sticker". Die Familie ist ein Beispiel dafür, wie Europa zusammenwächst. Lionel Macor, 42, und seine heutige Frau Katja, 40, haben sich als Studierende in Florenz kennengelernt – 1997 war das, und beide nahmen teil am Erasmus-Programm, mit dem die Europäische Union seit 30 Jahren Auslandsaufenthalte von Studenten fördert. Sie stammt aus Kiel und studierte Jura in Freiburg. Er wurde in Paris geboren und wuchs dort auf als Sohn italienischer Eltern, die in den 50er Jahren aus Udine ausgewandert waren. Er studierte Bauingenieurwesen.

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Nach Jahren einer internationalen Fernbeziehung entschieden sie sich für Freiburg als Lebensmittelpunkt. Grund: die Grenznähe. Und die Juristin kann nur in Deutschland arbeiten. Sie ist als Fachanwältin für Familienrecht in der Kanzlei Nolte / Pustejovski tätig. Er pendelt jeden Tag zu einer Baufirma nach Mulhouse, deren Geschäftsführer und Eigentümer er ist. Inzwischen wohnen sie in Kirchzarten und ziehen im März in ihr Traumhaus.

Hauptsprache im Hause Macor ist Französisch. Der Vater spricht auch Deutsch mit italienischem Akzent, und wenn ihm ein Wort fehlt, springen ihm schon mal Marie, 5, und Raphael, 7, bei. Die Mutter beherrscht nach ihrem Auslandsjahr natürlich Italienisch und lernte im Centre Culturel Français in Freiburg auch Französisch. Zum Interview bringt die kleine Marie eine Europaflagge mit.

Grenzgänger aus demElsass wachrütteln

Die Sorge um die Zukunft Europas raubt Lionel Macor den Schlaf. "Für uns ist es selbstverständlich, in Frieden zu leben", sagt er. Die EU sei stets eine Versicherung gegen Krieg gewesen. "Wenn Marie Le Pen Präsidentin wird, geht Europa kaputt." Ihre Partei, der Front National, werde ein Referendum gegen Europa abhalten. Das dürfe man nicht zulassen. Auch Katja Macor fragt sich, was das für ihre Familie bedeuten würde. "Was würde mit der Freizügigkeit passieren? Könnte mein Mann noch hier wohnen und jenseits der Grenze arbeiten?"

Bis vor kurzem glaubte Lionel Macor, das Europa, wie wir es kennen, werde nie enden. Jetzt sei ihm bewusst geworden, dass das Konstrukt sehr zerbrechlich sei. Man müsse etwas tun und positiv über Europa sprechen, meint Lionel. Das tat er dann kurzentschlossen vor einer Woche bei der Kundgebung "Pulse of Europe" auf dem Augustinerplatz. Nachdem Oberbürgermeister Dieter Salomon seine Rede gehalten hatte, ergriff Lionel Macor das Wort. "Auch um die Grenzgänger aus dem Elsass wachzurütteln. Denn viele dort wählen Front National."

"Wir haben viel darüber geredet, was man als Einzelner tun kann", sagt Katja Macor, "uns betrifft das ja ganz direkt." Die Familie hat Angehörige in Paris, Kiel und Udine. Die Paten der Kinder sind Florentiner. Sehr bereichernd sei das, findet die 40-Jährige. "Das Essen, die Sprache, die Reisen zu Verwandten." Ihre Augen leuchten, wenn sie davon erzählt.

Anfangs, erzählt Lionel Macor, habe er sich weder in Deutschland noch in Frankreich zugehörig gefühlt. Heute fühlt er sich in beiden Ländern heimisch und macht eine ebenso eigenwillige wie positive Rechnung auf: "Eins und eins macht drei." Solcherart Vielfalt bringe die Menschheit voran.

Laufaktion vor der französischen Präsidentschaftswahl

Voranbringen will der Hobbymarathonläufer den europäischen Zusammenhalt mit einer Aktion am Donnerstag, 30. April: Unterstützt von seinem Trainer Thomas Klingenberger will er einen zwölf Kilometer langen Lauf zwischen Neuf-Brisach und Breisach organisieren.

Ort und Datum sind nicht zufällig gewählt, denn in der Gegend hat der Front National viele Anhänger, und die Stichwahl um die französische Präsidentschaft findet am 7. Mai statt. "Die Teilnehmer sollen blaue Europa-T-Shirts tragen und über die Grenzbrücke laufen – für Europa und gegen Nationalismus."
Pulse of Europe

Kundgebung am Sonntag, 26. Februar, 14 bis 15 Uhr auf dem Augustinerplatz, mit Menschenkette und offenem Mikrofon

Autor: Assiyeah Joers