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08. Juni 2016 20:55 Uhr

Strafprozess

Fahrerflucht in Freiburg: Wollten Polizisten ihren Kameraden schützen?

Zwei junge Polizeibeamte einer Spezialeinheit deckten einen Kollegen nach einer Trunkenheitsfahrt, bei der ein Motorradfahrer starb. Nun stehen sie selbst in Freiburg vor Gericht.

  1. Verurteilter MEK-Beamter Timo A. Foto: dpa

Er hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt in jener Sommernacht vor zwei Jahren. Walter Veeser (62), erfahrener Hauptkommissar in Freiburg, erinnert sich als Zeuge noch gut. Er hatte eine Fußstreife den Unfallort absuchen lassen, einen Hubschrauber mit Infrarot mobilisiert, Handy-Ortung in Auftrag gegeben, "extrem viel gemacht", aber – "nichts, negativ": Der Mann, den er suchte, blieb unauffindbar.

Nur den Wagen hatte man. Der stand schwer beschädigt an der Leitplanke der Autobahn zwischen Freiburg-Mitte und -Nord. Und dahinter, von dem Tiguan an die Böschung katapultiert, lag die Harley-Davidson. Ihr Fahrer hat den Aufprall des Wagens, der da im Dunkeln auf der rechten Spur mit mindestens 50 Stundenkilometern mehr herangeschossen kam, nicht überlebt. Es war Klaus H., Industriemeister aus dem Elztal, auf dem Heimweg von der Disko. Er wurde 55 Jahre alt.

Zu Fuß war der unfallflüchtige Polizeibeamte getürmt

Der Unfallflüchtige, den sie suchten, das erfuhren Veeser und seine Ermittler bald, war ein Polizeikollege. Was sie nicht wussten: Er blieb deshalb unauffindbar, weil er bei einem Kameraden untergeschlüpft war. Zu Fuß war der heute 33-jährige Timo A. vom Unfallort über Leitplanken und Äcker getürmt, hatte sich – nach einem Hilferuf per Handy – in einem Gewerbegebiet abholen lassen, in der Wohnung eines Kollegen in Freiburg die Nacht verbracht und sich erst am Mittag gestellt.

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Der Unfallfahrer selbst ist rechtskräftig verurteilt und muss demnächst die Haft antreten. Seine Revision hat das Oberlandesgericht vor Kurzem verworfen. Zwei Jahre Gefängnis warten auf den Mann aus Schutterwald wegen Trunkenheitsfahrt mit Todesfolge und Fahrerflucht. Den Polizeidienst muss er quittieren, den Beamtenstatus ist er los. Doch seit diesem Mittwoch stehen auch zwei seiner Kollegen vor Gericht – wegen Beihilfe zur Unfallflucht und versuchter Strafvereitelung.

Ein Korpsgeist scheint im Gerichtssaal zu wehen

Die beiden 32-Jährigen machen einen gepflegten Eindruck – breite Schultern modische Frisuren und Bärte, weiße Kragenhemden. Doch sie bleiben stumm, sie lassen ihre Anwälte sprechen, Klaus Malek und Christian Rode, zwei Branchenpromis. Im Publikum sitzen Freunde, man winkt und lächelt einander zu. Ein Korpsgeist scheint auch in diesem Gerichtssaal zu wehen. Denn es ist nicht irgendeine Dienststelle, der sie alle angehören, es ist ein MEK, eines der Mobilen Einsatzkommandos der Landespolizei, zuständig für die Bekämpfung von Schwer- und Bandenkriminalität.

Ein Sommerfest der MEK-Dienststelle Umkirch war es, bei dem das Verhängnis in der Nacht zum 1. August 2014 seinen Ausgang nahm. Es gab Musik, Grillwürstchen und vor allem – genug zu trinken. Irgendwann am Abend ließ sich ein fürsorglicher Kollege, der fand, Timo A. sei bereits fahruntüchtig, dessen Autoschlüssel geben; tragischerweise den falschen. Dann war A. doch unterwegs und das Verhängnis nicht aufzuhalten.

Verteidiger halten Vorwürfe für "abwegig"

Aber Beihilfe? Verdunklung? Strafvereitelung? Die Vorwürfe des Anklägers gegen die beiden jungen Beamten halten die Verteidiger für "abwegig", ja, ihrem empörten Tonfall zufolge für fast skandalös. Im Gegenteil, so Rode: Es sei "rechtlich, sittlich und menschlich geboten" gewesen, dass Kollegen in dieser Lage einander beistehen. Sie verlangen Freispruch.

Dem Unfallflüchtigen in einer solchen Nacht Obdach zu geben, habe ihm ja nur ermöglichen sollen, dass er sich anderntags mit sauberer Kleidung, im Beisein seiner Familie und eines Anwalts der Polizei stellt. Rode lässt sich vom MEK-Chef Arnold Hackenjos ausdrücklich bestätigen, dass MEK-Beamte "wegen der Gefährlichkeit ihrer Arbeit ein besonderes Vertrauensverhältnis" verbinde. Auch habe man befürchten müssen, dass A. sich etwas antut. Hackenjos ließ vorsorglich in Umkirch die Waffenkammer bewachen.

Verteidiger: Freund sollte aus dem Verkehr gezogen werden

Oberstaatsanwalt Matthias Rall dagegen sieht die Motivlage der Kollegen von Timo A. ganz anders als die Verteidiger. Es sei ihnen darum gegangen, den Freund für ein paar Stunden "aus dem Verkehr zu ziehen", um den Abbau des Alkohols abzuwarten, bevor er sich der Polizei stellt. Als Timo A. sich neun Stunden nach dem Unfall bei Walter Veeser im Revier einfand – kurz bevor man ihn per Haftbefehl gesucht hätte –, da war Blutalkohol tatsächlich nicht mehr nachweisbar.

Aber es gibt noch andere Recherchemethoden im Zeitalter der Internetkommunikation – und so verliest die junge Amtsrichterin Herrlinger eine ganze Latte von Whatsapp-Kurznachrichten, die zwischen den Freunden hin und hergingen, in der Tatnacht und den Tagen darauf. Daraus ergibt sich, dass alle wussten, was passiert war ("ich habe im Suff einen totgefahren", schreibt Timo A. und "ich war megavoll"). Und es beweist, dass man schon kurz nach der Tat regen Kontakt miteinander hatte, was die Kollegen anfangs im Korpsgeist bestritten.

Urteil wird am nächsten Mittwoch erwartet

Auch Timo A. muss in den Zeugenstand. Er bleibt einsilbig. "Natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen, was ich denen eingebrockt habe", räumt er mit Seitenblick zur Anklagebank ein. "Aber ich habe ihnen auch gesagt, dass sie bei Aussagen keine Rücksicht auf mich nehmen müssen." Am nächsten Mittwoch wird mit dem Urteil gerechnet.

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Autor: hup