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20. Mai 2014

Feuerwerk medienwirksamer Sätze

Autor Josef Kraus referierte über "Helikopter-Eltern" / Auch Hirnforschung, Pisastudien, Schul- und Hochschulpolitik im Visier.

Sind die Zuhörer und Zuhörerinnen alle keine Helikoptereltern oder -großeltern? Betrifft sie das alles nicht, was der Referent im gut besetzten Hörsaal der Universität auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Besten gibt? Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Autor des Buches "Helikopter-Eltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung", meint, mit seinem Thema einen "Nerv getroffen" zu haben. Medienwirksam sind seine Sätze auch in Freiburg.

Immerhin erscheint laut Kraus seine Publikation innerhalb kürzester Zeit schon in der vierten Auflage und wird demnächst sogar ins Koreanische übersetzt. Der Schulleiter eines Gymnasiums bei Landshut vergisst auch nicht, in seinen Vortrag immer wieder mal diese oder jene Fernseh-Talkshow einfließen zu lassen – von Günter Jauch über Wieland Backes bis Frank Plasberg –, bei denen er schon zu Gast war. Auch in Freiburg schießt er ein Feuerwerk an medienwirksamen Sätzen ab und nimmt für sich gar nicht erst in Anspruch, ausgewogen sein zu wollen.

So breitet er vor seinem Publikum also die Karikaturen eines Elterntyps aus, deren Entsprechungen in der Realität womöglich tatsächlich der Schule und vielleicht sogar ihren Kindern das Leben schwer machen. Jene Väter und Mütter also, die "zwanghaft entschlossen sind, alles für ihre künftigen Paschas und Prinzessinnen zu tun". Die "jeden Eltern- zum Inquisitionsabend" umzufunktionieren imstande seien. Die mit ihrer "exzessiven Verwöhnungspädagogik" und einem "um sich greifenden Förderwahn" ihr ersehntes "Designerkind" zu erschaffen hofften und es als narzisstische Kränkung erlebten, wenn am Ende ein "schlaffes Selfie" ohne jeden Unternehmensgeist und Verantwortungsbewusstsein dabei herauskomme. Gewisse Hirnforscher bekommen an diesem Abend ebenso ihr Fett weg wie die OECD mit ihren Pisa-Studien, die Schulpolitik oder die Hochschulen, die auf den Zug der Helikoptereltern aufspringen würden, indem sie Studienanfänger mitsamt ihren Eltern zum Semesterbeginn einladen.

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Zuhörern fehlt bei Josef Kraus die Realitätsnähe

Das alles – im kernigen bayrischen Idiom vorgetragen – mag erheiternd sein wie weiland Franz-Josef Strauß mit seinen Kreuther Aschermittwochstiraden. Eine Diskussion allerdings kommt anschließend kaum in Gang. Nach seiner Meinung zu G 8 oder G 9 wird der Referent gefragt: Thema verfehlt, auch wenn Kraus sich ausführlich und entschieden zum "Fehler G 8" äußert. Ein wenig Realitätsnähe stellt er selbst her, als er von jenem Elternpaar an seiner Schule erzählt, das ihn ansprach, weil die Tochter in ihrer Klasse gemobbt werde. Und die gleich vorausgeschickt hätten: "Wir sind keine Helikoptereltern…".

Auf Realitätsnähe ist auch Uto R. Bonde aus. Der Landesvorsitzende des Deutschen Familienverbands bemängelt, Kraus habe die Situation berufstätiger Eltern "total ausgeblendet" und sich "populistisch" über sie erhoben statt auf Augenhöhe mit ihnen zu sprechen. Widerspruch gegen den "Rundumschlag" des Referenten kommt auch von einer Mitarbeiterin der zentralen Studienberatung an der Uni. Für viele junge Leute seien ihre Eltern wichtige Gesprächspartner. "Es ist keine Entmündigung angehender Studierender, wenn wir die Eltern an die Hochschule einladen. Da wird mir zu vieles arg über einen Kamm geschoren."

Autor: Anita Rüffer