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27. Mai 2016 18:37 Uhr

Idomeni

Flüchtlingshelfer Lohmüller: "Ich habe 8000 Freunde verloren"

Der Freiburger Flüchtlingshelfer David Lohmüller hat die Räumung des Camps in Idomeni live miterlebt – weil er sich bei einer Flüchtlingsfamilie versteckte. Was er erlebt hat, erzählt er im Interview.

  1. Die Zelte in Idomeni wurden vom Bulldozer plattgemacht. Foto: David Lohmueller

  2. Der Freiburger David Lohmüller Foto: David Lohmueller

  3. „Das Camp ist leer,“ sagt David Lohmüller. Foto: David Lohmueller

  4. Die Familien hatten nur wenig Zeit, ihre Sachen zusammenzupacken. Foto: David Lohmueller

  5. Ein Junge steht an den leeren Bahngleisen in Idomeni. Noch vor wenigen Tagen waren diese besetzt. Foto: David Lohmueller

David Lohmüller ist seit Anfang April als Flüchtlingshelfer in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze involviert. Er hat die Räumung des Camps live miterlebt, weil er sich bei einer Flüchtlingsfamilie versteckte. Von seinem größten Moment der Angst und resignierten Menschen vor Ort berichtet er im Interview.

BZ: Herr Lohmüller, Sie sind direkt vor Ort. Wie sieht es im Camp gerade aus?
Lohmüller: Das Camp ist leer. Alles ist von den Bulldozern komplett plattgewalzt. Es ist unfassbar, dass hier noch vor ein paar Tagen 8000 Menschen lebten. Ich kann es noch gar nicht richtig begreifen.
BZ: Sie sind seit Anfang April im Camp, als freiwilliger Helfer. Wann haben Sie von der Räumung erfahren?
Lohmüller: Wir Flüchtlingshelfer informieren uns gegenseitig über einen Whatsapp-Chat, dort tauchten dann auch die ersten Informationen über eine Räumung auf. Außerdem hat man schon Tage vorher gemerkt, dass irgendwas passieren wird.
BZ: Was genau meinen Sie?

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Lohmüller: Unsere Arbeit vor Ort wurde zum Teil erheblich erschwert. Wir hatten kaum mehr Zugang zum Camp, um unsere Hilfsgüter und vor allem Essen ins Camp zu bringen. Zuletzt wurde dann zeitweise sogar Strom und Wasser abgestellt, sodass das Leben der Menschen noch unwürdiger wurde. Es war zwar immer knapp an der Grenze, aber man hatte das Gefühl: Die drehen den Hahn jetzt langsam zu.
BZ: Dann forderte die Polizei Helfer und Journalisten auf, das Camp zu verlassen. Was taten Sie?
Lohmüller: Eine meiner befreundeten Flüchtlingsfamilien hat mich bei sich aufgenommen. Eine kuriose Situation: Plötzlich drehte sich der Spieß um, und ich fand bei ihnen Schutz und Unterschlupf.



BZ: Waren Sie der einzige Helfer, der sich versteckt hat?
Lohmüller: Nein. Es sind noch mehr drin geblieben. Wir hatten Angst, dass die Situation eskalieren würde, wieder Tränengas eingesetzt wird und Menschen zu Schaden kommen. Wir hätten diese Informationen dann weitergeben können und auch für die Medien dokumentiert. Von meinem Platz bei der Familie hatte ich dann einen guten Blick auf die Bahngleise.
BZ: Warum war das wichtig?
Lohmüller: Die blockierten Bahngleise waren der Polizei von Anfang an ein Dorn im Auge. Wenn etwas passieren würde, dann dort.

BZ: "Die Polizeiliche Aktion ist beispielhaft verlaufen," sagte der Migrationsminister am Donnerstag. Können Sie das bestätigen?
Lohmüller: Technisch gesehen ist die Räumung gut und friedlich verlaufen. Wie eben erwähnt, ist aber im Vorfeld einiges schief gegangen. Was die Menschen hier erleben mussten, war menschenunwürdig.
BZ: Wie haben Sie den Moment der Räumung erlebt?
Lohmüller: In dem Augenblick habe ich gedacht: "Wo bist du eigentlich hier?". Ich war bei der Familie im Zelt, das plötzlich von 50 Polizisten umzingelt war. Die standen einfach da und forderten die Familie auf, jetzt das Zelt zu verlassen. Hinter ihnen stand schon der Bulldozer. Ich habe mich unter einer Decke versteckt. Dann ging es ganz schnell: Die Familie musste ihre Sachen packen und wurde zu den Bussen geführt. Ich habe mir meinen Kapuzenpulli übergeschmissen, irgendwelche Taschen und Decken getragen, um nicht aufzufallen und bin einfach mitgelaufen.

"Teilweise gehen die Geflohenen aus Verzweiflung sogar zurück nach Syrien."

BZ: Was haben Sie in dem Moment gedacht?
Lohmüller: Ich hatte richtig Angst. Außerdem habe ich mich machtlos und ausgesetzt gefühlt. Es war wie eine verkehrte Welt: Plötzlich war ich derjenige, der sich versteckte, der auf der Flucht war. Zwar kann man sich niemals in die Lage der Leute versetzen, die ihr Heimatland verlassen mussten. Aber in dem Moment fühlte ich mich dieser Situation am nächsten.



BZ: Wurden die Geflohenen darüber informiert, wohin sie gebracht werden?
Lohmüller: Nein, überhaupt nicht. Sie wissen nur, dass sie in andere Camps transportiert werden. Und dort, so hört man, sei die Infrastruktur von den Neuankömmlingen überfordert. Ich habe Kontakt zu einer Familie, die acht Stunden vor dem Eingang warten musste und davon berichtet, dass es weder fließend Wasser noch Strom und Internet gibt. Es gibt viel zu wenig Platz und Zelte. Die Zustände sind dort also schlimmer als hier in Idomeni.

"Plötzlich war ich derjenige, der sich versteckte, der auf der Flucht war."

BZ: Können Sie die Stimmung, die unter den Geflohenen zur Zeit der Räumung herrschte, beschreiben?
Lohmüller: Sie waren und sind müde und resigniert. Für viele ist die Räumung ein riesiger Rückschritt. Sie haben schon so viel durchgemacht und sind psychologisch und räumlich nun noch weiter von der Grenze weg. Es herrscht Unverständnis, warum sie vor verschlossenen Türen stehen. Teilweise gehen die Geflohenen aus Verzweiflung sogar zurück nach Syrien. In ein Land, in dem Krieg herrscht. Das muss man sich mal vorstellen.
BZ: Können Sie schon in Worte fassen, was die Räumung nun bedeutet?
Lohmüller: Es fühlt sich so an, als hätte ich 8000 Freunde verloren. Idomeni war ja keine abstrakte Masse von Flüchtlingen - es sind Menschen wie Du und Ich. Als Freiwilliger gehören zur Arbeit auch die Gespräche mit den Menschen – und zu zeigen, dass sich jemand um sie kümmert. Gerade da habe ich besonders viel Dankbarkeit erfahren. Das Ende von Idomeni ist natürlich nicht das Ende für die Flüchtlinge: Sie hoffen jetzt in einem anderen Lager, dass sich die Grenze für sie öffnet.

"Mir fehlt einfach das Verständnis dafür, dass auf dem Rücken dieser Menschen Politik gemacht wird."

BZ: Wie geht es für Sie weiter?
Lohmüller: Ich muss mich jetzt erst einmal sammeln und versuchen zu verstehen, was dort passiert ist. Natürlich bin ich frustriert über dieses Ende und bin enttäuscht von der Flüchtlingspolitik Europas. Die Arbeit für mich geht jedoch weiter – auch von Zuhause aus. Ich habe mit meinem Spendenprojekt "Lighten Up Idomeni" über 15.000 Euro gesammelt und für Licht im Camp gesorgt. Außerdem haben wir mit der Hilfsorganisation IHA eine Schule gegründet – das könnte auch in einem anderen Camp klappen. Ich werde einen Fotovortrag über Idomeni machen und von meinen Erfahrungen berichten.
BZ: Wer Ihren Blog liest oder Ihrem Twitter-Profil folgt, hat ein Idomeni voller Freude und Kinder gesehen.
Lohmüller: Und das wird mich lange nicht loslassen. In Idomeni haben 5000 bis 6000 Kinder gelebt, mit denen wir jeden Tag gespielt und gelacht haben. Sie haben auf ein besseres Leben gehofft, auf eine neue Perspektive. Mir fehlt einfach das Verständnis dafür, dass auf dem Rücken dieser Menschen Politik gemacht wird. Unmöglich fand ich es, wie Idomeni als Camp der Wilden dargestellt wurde – es hat ein komplett falsches Bild vermittelt.
David Lohmüller

David Lohmüller, 41, arbeitet in Freiburg als Fotograf. Über seine Arbeit in Idomeni hat er in seinem Blog berichtet. Für das Projekt "Lighten Up Idomeni" sammelte er Geld, um den Geflohenen Licht zu spenden. Außerdem begleitete er die Eröffnung einer Schule. Weiterhin sammelt er Gelder, um die Menschen in den Flüchtlingslagern zu unterstützen.

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Autor: kut