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19. Februar 2014 12:28 Uhr

100 Jahre Erster Weltkrieg

Freiburger Historiker schreibt Standardwerk zum Ersten Weltkrieg

Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard hat das neue Standardwerk zum Ersten Weltkrieg geschrieben. Über dessen Ursachen, Paradoxien und bleibende Erblasten, spricht er im Interview.

  1. B-2 Doppeldecker aus dem Ersten Weltkrieg im Formationsflug Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

  2. Jörn Leonhard Foto: Rita Eggstein

BZ: Herr Leonhard, der Beginn des Ersten Weltkriegs ist 100 Jahre her – und dennoch ist das Interesse an der Geschichte dieses Krieges groß. Woran liegt das?
Leonhard: Vielen Menschen ist bewusst, dass das 20. Jahrhundert in Europa bis mindestens 1945 ein Jahrhundert der Gewalt war, dass es eine ungeheure Gewaltverdichtung in diesen Jahrzehnten zwischen 1914 und 1945 gegeben hat. Deshalb sprechen manche ja auch von einem zweiten Dreißigjährigen Krieg, diesmal nicht der Konfessionen, sondern der Ideologien. Zum Zweiten ist gerade aus deutscher Sicht der Erste Weltkrieg als eine Art von Vorgeschichte und Voraussetzung von Hitler, Drittem Reich, Zweitem Weltkrieg und Holocaust begriffen worden. Ich plädiere aber dafür, den Ersten Weltkrieg auch aus sich selbst heraus zu verstehen, nicht bloß als Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Für die anderen europäischen Gesellschaften, also die damaligen Großmächte wie Frankreich und England oder die sogenannten kleinen Staaten wie Serbien oder Belgien, ist der Erste Weltkrieg schon allein deshalb unmittelbar bewusst, weil sie in ihrer Geschichte keinen anderen Einschnitt kennen, der so hohe Opferzahlen gefordert hat.

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BZ: Auch nicht im Zweiten Weltkrieg?
Leonhard: Wenn Sie Frankreich oder England nehmen und vergleichen die Opferzahlen an Zivilisten und Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, dann ist das exorbitant unterschiedlich. Während der Somme-Schlacht sterben auf britischer Seite an einem einzigen Tag, dem 1. Juli 1917, mehr Soldaten als im Krimkrieg, im Burenkrieg und im Korea-Krieg zusammen. Schließlich schrumpft der Abstand von 100 Jahren auch deshalb zusammen, weil wir gegenwärtig entdecken, dass das 20. Jahrhundert mehr war als der Zweite Weltkrieg. Interessanterweise geschieht das auch in Deutschland, wo sich die Erinnerung an den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg bisher quasi dazwischen geschoben hatte.

BZ: Halten Sie die These für richtig, 1914 habe ein zweiter Dreißigjähriger Krieg begonnen?
Leonhard: Ich bin gegenüber dieser einfachen Kontinuität vorsichtig. Diese These legt ja nahe, dass es zwischen 1914 und 1945 ein Leitmotiv gegeben hat, dass es nach 1918 keine Alternative zur Fortsetzung der Gewaltgeschichte des Ersten Weltkriegs gegeben hätte. Da ist mir zu einseitig, zu sehr vom Ergebnis her gedacht. Bei aller Belastung, die das Kriegsende 1918 bedeutet, war es im Bewusstsein der damaligen Politiker auch eine Chance, die Nachkriegsordnung zu gestalten. 1918 war 1939 nicht unmittelbar angelegt. Der Erste Weltkrieg war mehr als die Vorgeschichte dessen, was später passierte.

BZ: Was ja auch für den Ersten Weltkrieg gilt: Seine Vorgeschichte läuft nicht zwangsläufig auf den Kriegsbeginn 1914 zu.
Leonhard: Das halte ich für sehr wichtig. Es gibt zwar seit Ende des 19. Jahrhunderts eine Verdichtung von Krisen, aber das sind häufig koloniale Reibungspunkte. Und der Krieg bricht ja nicht in den Kolonien aus, sondern an der Peripherie Kerneuropas. Diese Peripherie in Südosteuropa ist jedoch eine Krisenregion seit den 1850er, 1860er Jahren. Und es ist am Beginn der neuerlichen Krise im Sommer 1914 überhaupt nicht klar, dass aus diesem lokalen Krisenpunkt ein europäischer Krieg, ein Weltkrieg wird. Nur weil wir heute wissen, was daraus geworden ist, hat es damals nicht diese historische Sogkraft zum großen Krieg gegeben. In meinem Buch will ich weg von dieser Vorstellung: Es kam, wie es kommen musste. Wir müssen vorsichtig sein, uns solche Kausalitäten – aus dem Wissen um die Konsequenzen heraus – zuzuschneiden.

BZ: Diese Zwangsläufigkeit zum Krieg, die Sie bestreiten, verlangt nach einer großen Ursache, die es sicherlich nicht gegeben hat. Aber die von Ihnen dargestellte Vorgeschichte, die sich aus vielen kleinen Mosaiksteinen zusammensetzt – ergibt die am Ende nicht doch wieder eine gewisse Zwangsläufigkeit, weil viele kleine Ursachen ineinandergreifen?
Leonhard: Wir können nicht den einen Akteur bestimmen, der schuld ist am Kriegsbeginn, der verantwortlich ist dafür, dass der Point of no Return überschritten wurde. Es handelt sich vielmehr um ein höchst komplexes Geschehen. Das ist nicht nur das Problem der heutigen Historiker, es ist schon das Problem der Akteure selbst. Wenn Sie sich die Julikrise 1914 anschauen, sehen sie immer wieder Akteure, die überfordert sind von der Vielzahl von Informationen.

"Die großen Blaupausen, die im Moment der Krise umgesetzt werden – die gibt es so nicht."Jörn Leonhard
Oder Politiker, die in dieser Situation reagieren müssen auf Militärs, die ihnen erklären, es gebe nur noch enge Zeitfenster für die Suche nach Alternativen; wenn die versäumt würden, gerate das jeweilige Land in eine schwierige Ausgangssituation, was kriegsentscheidend sein könne. Es gibt eine politische und eine militärische Eigenlogik, es gibt viele Akteure, die in der einen Logik verwurzelt sind, aber nicht in der anderen. Deshalb müssen wir weg von der Vorstellung, dass es Personen gibt, die 1914 oder vorher einen Plan gemacht haben, den sie logisch und kohärent in die Kriegswirklichkeit umgesetzt haben. Es ist gibt eine sehr große Menge an gegenseitigen Unterstellungen und Fehleinschätzungen. Warum zum Beispiel glaubt man in der Leitung des Deutschen Kaiserreichs, dass man Großbritannien aus dem Krieg heraushalten kann? Zudem geht die politische Flexibilität zwischen den Akteuren, die das Europa des 19. Jahrhunderts geprägt hat, vor 1914 tendenziell verloren. Doch zugleich gilt: Wenn die damaligen Bündnisse zwischen der Entente einerseits und den Mittelmächten so eingefroren gewesen wären wie später die Bündnisse im Kalten Krieg, dann hätte vielleicht ihre abschreckende Wirkung funktioniert. Daraus resultiert ja die Hoffnung der Deutschen, Großbritannien könnte sich heraushalten. Und es gibt die Annahme, wenn man nur genug Druck mache, dann lenke die Gegenseite ein. Aber die großen Blaupausen, die im Moment der Krise einfach umgesetzt werden – die gibt es so nicht.

BZ: Der Historiker Christopher Clark hat mit seinem Buch zum Kriegsbeginn 1914 unter dem Titel "Die Schlafwandler" in Deutschland einen großen Erfolg. Was halten Sie vom Begriff "Schlafwandler"?
Leonhard: Ich finde Clarks Buch an sehr vielen Stellen sehr gut. Aber die Metapher seines Buchtitels stimmt nicht. Denn die Akteure sind keine Schlafwandler. Sie leiden vielmehr darunter, dass sie übersensibilisiert sind, weil es eine Vielzahl von Alarmsystemen – Nachrichtendienste, Botschafter, Militärexperten – gibt. In der Julikrise müssen sie eine Unmenge an Informationen verarbeiten, die sie häufig nicht richtig einordnen können. Dadurch gewinnen die Militärs in allen Hauptstädten ein enormes Eigengewicht. Deren Aufmarschpläne, das Denken in Zeitfenstern, der Beginn von Teilmobilisierungen schaffen einen Handlungsdruck, der nicht zum Bild des Schlafwandlers passt. Dieses Bild kommt eher der These der Zeitgenossen wie David Lloyd George nach 1918 nahe, dass Europa in einen Krieg hineingeschlittert sei, den es gar nicht wollte. Diese Erklärung stimmt aber nicht.

BZ: Hängt der Eindruck, Europa sei in einen ungewollten Krieg hineingeschlittert, vielleicht damit zusammen, dass man Aufmarschpläne hatte, aber keine Kriegsziele?
Leonhard: Das ist das Paradoxe des Kriegsbeginns 1914. Es gibt eine enorme Kluft zwischen der Perfektionierung von kleinsten militärischen Rädchen, die für die Mobilisierung ineinandergreifen. Aber Reichskanzler Bethmann-Hollweg hat wie viele andere Politiker in Europa keine konkreten Ziele für diesen Krieg. Es gibt Ausnahmen wie Frankreich, das Elsass-Lothringen zurückgewinnen will. Genauer betrachtet gibt es ja nur einen einzigen konkreten Kriegsgrund, nämlich das Vorhaben Österreich-Ungarns, nach dem Attentat von Sarajewo eine Strafexpedition gegen Serbien zu unternehmen. Die Rechtfertigung dazu hat man in den meisten europäischen Hauptstädten auch anerkannt. Aber es fällt auf, dass in der Julikrise dieser konkrete Anlass irgendwann verschwindet und es sehr schnell nicht mehr um Sarajewo und Serbien geht, sondern um die Balkanregion, die miteinander verflochtenen Bündnisse, um Europa als Ganzes und über die Empires um einen globalen Konflikt.

BZ: Aber die Militärs agieren ebenfalls unlogisch, weil sie einen kurzen Krieg vorbereiten, obwohl sie wissen, dass es ein langer Krieg wird.
Leonhard: Das ist ein weiteres Paradox. Wenn man die internen Korrespondenzen von Moltke oder Schlieffen, der den deutschen Angriffsplan entworfen hat, liest, dann wird klar: Der nächste Krieg kann gar kein kurzer sein, weil die Waffentechnologie – schwere Artillerie, Maschinengewehre – dem Verteidiger ein Übergewicht gibt. Trotzdem sind Kriegswirtschaft und Kriegspolitik, die Organisation der Heimatfront nicht eingestellt auf den längeren Krieg.

BZ: Es ist aber erstaunlich, in wie kurzer Zeit diese Gesellschaften die Umstellung auf die Kriegswirtschaft hinbekommen.
Leonhard: Das zeigt, wie hochorganisiert diese Gesellschaften waren, wobei es klare Unterschiede zwischen den noch stärker agrarisch geprägten Gesellschaften im Osten und den industrialisierten im Westen gibt. Ab spätestens 1916 gibt es an der Westfront an vielen Stellen eine ununterbrochene kriegerische Produktionslinie von der Rüstungsindustrie bis in die Frontstellungen: Das erklärt, wie diese Materialschlachten möglich waren. So konnte in einer Woche Munition in einer Menge verbraucht werden, die vor Ausbruch des Krieges für mehrere Monate veranschlagt worden war. Diese Umstellung hat aber einen enormen politischen und sozialen Preis: Der nicht kriegswichtige bürgerliche Mittelstand verliert an Einfluss, während die Bedeutung der Arbeiter wächst – in Deutschland werden 1916 erstmals die Gewerkschaften anerkannt.

BZ: Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ist geprägt durch diese Materialschlachten und das Massensterben an der Front. Warum hat es dagegen keinen Aufschrei unter den Zeitgenossen gegeben?
Leonhard: Es gibt ja Krisenmomente. In den europäischen Gesellschaften Ende 1916 nimmt der innere Zusammenhalt massiv ab, und aus dieser Kohäsionskrise wird wegen der Schwierigkeiten in der Kriegswirtschaft schnell eine Legitimationskrise, insbesondere in Russland. Es ist deshalb kein Zufall, dass sich dort eine revolutionäre Situation entwickelt. Aber warum hält die Heimatfront andernorts trotzdem? Weil der Krieg einen Mechanismus produziert, der aus den Opfern resultiert: Je mehr Opfer in diesem Krieg zu beklagen sind, desto stärker setzt sich die Vorstellung durch, dass nur ein siegreiches Ende und eine große Kompensation nach dem Krieg diese Opfer rechtfertigen kann.

BZ: Warum hatte man sich so früh von der Idee eines Verständigungsfriedens trotz der festgefahrenen Kriegslage verabschiedet?
Leonhard: Schon 1915 sind die Verluste so groß, dass die Chancen für diese Option immer kleiner werden. Endgültig erledigt ist sie nach den Abnutzungsschlachten 1916. Dann kommt noch ein Aspekt hinzu, den man wegen des starken Fokus auf die Westfront lange übersehen hat: Das Deutsche Reich erreicht zwischen Mitte 1917 und März 1918 im Osten das, was man sich für den Westen erhofft hatte, einen Siegfrieden. Der Vertrag von Brest-Litowsk mit den Bolschewiki ist ein Diktatfrieden, gegen den der Versailler Vertrag in seiner Substanz sehr viel gemäßigter ausfallen sollte. Russland verliert fast alle nicht-russischen Territorien des Romanov-Reiches, und Deutschland schafft sich einen Einflussraum, der bis zu den Ölquellen am Kaspischen Meer reicht. Dadurch reift bei den deutschen Politikern und Militärs die Vorstellung: Den Siegfrieden, der hier gelungen ist, können wir auch im Westen durchsetzen.

BZ: Entgegen Ihrer Bewertung ist aber der Versailler Vertrag von den Deutschen damals als enorme Demütigung gesehen worden; die zum übergroßen Ballast für die Weimarer Republik wurde.
Leonhard: Versailles ist vor allem deshalb ein Trauma geworden, weil das, was im Herbst 1918 passiert, die Deutschen unvorbereitet getroffen hat. In Deutschland hatte man das Jahr zuvor nur Siegesmeldungen gehört und erwartete deshalb die Nachricht vom großen Sieg im Westen. Und dann überbringen ja nicht die Militärs die Nachricht von der Niederlage, sondern die Politiker. Ludendorff ist innerhalb von vier Wochen vom Architekten des Krieges zum Zivilisten geworden, der unter falschem Namen nach Schweden flieht. Ihm und Hindenburg gelingt es, das Ende des Krieges neu berufenen Politikern anzulasten.

BZ: Was aber die Deutschen damals ausgeblendet haben ...
Leonhard: 1919 redet man nicht über die konkrete Verantwortung von Hindenburg und Ludendorff, sondern nimmt die Dolchstoßlegende auf und damit die Erklärung für den sogenannten Schandfrieden. Was man nicht sieht: Der Versailler Vertrag nimmt Deutschland nicht den Großmachtstatus, anders als nach 1945 bleibt es ein Völkerrechtssubjekt. Und die größten territorialen Verluste erlebt in dieser Phase Großbritannien durch die Selbstständigkeit Irlands. Man muss deshalb genau unterscheiden zwischen der Wahrnehmung der Zeitgenossen und der tatsächlichen Situation.

BZ: Der Titel Ihres Buches zitiert das antike Bild der Büchse der Pandora, deren Öffnung das Unheil in die Welt entlässt. Ist diese Büchse heute wieder geschlossen, das Unheil eingefangen?
Leonhard: Diese Büchse wird in der antiken Erzählung geschlossen, bevor das, was in ihr ganz unten liegt, nämlich die Hoffnung, herauskommen kann. Mit dem Ersten Weltkrieg sind viele neue globale Gewalterfahrungen verbunden, und es wird lange Zeit brauchen, um sie einzufangen, einzudämmen, in eine stabile Friedensordnung zu verwandeln. An der Stelle stimmt die Metapher. Aber es gab nach 1918 große Hoffnungen, etwa in der Person des amerikanischen Präsidenten Woodrow und bei vielen Soldaten in den Schützengraben, die gesagt haben: Das ist der letzte Krieg, und genau dafür kämpfen wir. Ihre große Hoffnung galt einer internationalen Ordnung, die den Krieg ein für alle Mal ächten würde. Und obwohl die Friedensordnung von 1919 in den 1930er Jahren scheitert, kann man nicht sagen, dass die Hoffnung in der Büchse geblieben ist. Das Kerneuropa nach 1945 ist nicht zuletzt ein Erbe des Ersten Weltkriegs. Es gibt aber auch belastende Erbschaften, die bis heute anhalten: Das sind der Nahe und Mittlere Osten, die Kurdenfrage, der politische Islam oder die nach wie vor labile Situation in Südosteuropa.
"Die Büchse der Pandora"

ist eine große Geschichte des Ersten Weltkriegs. Jörn Leonhard geht ausführlich auf die Vorgeschichte des Krieges ein, analysiert die Handlungslogiken der Herrscher, Politiker und Militärs, verfolgt das Kriegsgeschehen und beschreibt die "Erfahrungs- und Möglichkeitsräume" an den Fronten und in den Kriegsgesellschaften. Er bezieht ausdrücklich die Ereignisse in Asien und Afrika ein und geht auf die aus aller Welt nach Europa verschifften Soldaten ein. Die kulturellen Deutungen des Krieges sind genauso Thema wie die politische Ökonomie und die Kommunikationstechnik. Leonhard zeichnet das Bild eines Maschinenkrieges, der von Extremen der Gewalt gekennzeichnet war, und fragt, warum es den Zeitgenossen nicht gelungen ist, dem Massensterben Einhalt zu gebieten.
Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. C. H. Beck, München 2014. 1158 Seiten, 38 Euro.

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Autor: Wulf Rüskamp und Thomas Steiner