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13. November 2010 16:57 Uhr

Nahostkonflikt

Freiburger Palästina-Ausstellung eröffnet

Die größte Aufregung hatte es schon vor Beginn gegeben: Die umstrittene Palästina-Ausstellung war von der Stadt Freiburg erst zu-, dann zunächst wieder abgesagt worden. Am Freitag wurde sie nun eröffnet.

  1. Ausstellungseröffnung in der Stadtbibliothek. Foto: Michael Bamberger

  2. Die Darstellung des Konflikts hatte für Streit gesorgt.

Alles verlief weniger spektakulär als erwartet: Nur etwa 30 Anhänger der "Initiative sozialistisches Forum" protestierten friedlich gegen die Ausstellung "Die Nakba. Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948", die am Freitag in der Stadtbibliothek Freiburg eröffnet worden war. Dabei hatte es noch in der Woche zuvor enormen Wirbel um die Ausstellung gegeben.

Oberbürgermeister Dieter Salomon hatte zum Entsetzen der Veranstalter vom "Café Palestine" entschieden, dass sie nicht in der Stadtbibliothek stattfinden darf. Sie sei zu einseitig pro-palästinensisch, berücksichtige israelische Positionen zu wenig. Das Freiburger Verwaltungsgericht ordnete schließlich an, dass die Ausstellung doch in der Stadtbibliothek gezeigt werden darf.

Hoffnung auf Sachlichkeit in der Debatte

Auch die Eröffnung selbst ging ohne hitzige Debatten vonstatten. Veranstalterin Gabi Weber hatte um eine sachliche Auseinandersetzung gebeten. "Die Ausstellung ist sehr wichtig, weil sie das schreckliche Leiden der Palästinenser in den Jahren nach der Staatsgründung Israels dokumentiert", sagte Schirmherrin Hedy Epstein, die vor 86 Jahren in Freiburg geboren wurde und in Kippenheim aufwuchs. Als sie acht Jahre alt war, gelang der Jüdin die Flucht nach England, ihre Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Heute lebt sie in den USA. Seit vielen Jahren setzt sie sich für die palästinensische Bevölkerung in Israel und den besetzten Gebieten ein.

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Im Zuge der Staatsgründung Israels wurden nach Angaben der UNO 750.000 Palästinenser zu Flüchtlingen. Die Palästinenser und die umliegenden arabischen Staaten hatten sich dem Beschluss der UNO widersetzt, dass Juden und Palästinensern zwei eigene Staaten auf dem Territorium des historischen Palästina erhalten sollen.

Auch Johannes Reiner, Vorsitzender des Freundeskreises Freiburg-Tel Aviv findet es richtig, dass die Ausstellung in Freiburg gezeigt wird. "Es ist gut, dass die Palästinenser Gelegenheit erhalten, ihre Sicht des Konflikt darzulegen", meint er. Auch die israelische Seite habe ja bereits die Möglichkeit gehabt, ihre Position darzustellen. "Die mündigen Freiburger können nun entscheiden, wie sie zu diesem Konflikt stehen."

Streit zwischen Historikern

Gleichwohl hat Reiner beim Rundgang durch die Ausstellung Kritikpunkte gefunden. So setze man sich zu wenig kritisch mit den umliegenden arabischen Staaten auseinander, etwa mit Jordanien. Im Zuge des Krieges, der nach Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948 ausbrach, hatte sich Jordanien das gesamte Westjordanland einverleibt (bis 1967) und dabei wenig Rücksicht auf die Palästinenser genommen.

Und noch eine weitere kritische Anmerkung Reiners: Auf den Tafeln wird der sogenannte Plan D erwähnt. Diesem Plan zufolge wollten die jüdischen Untergrundorganisationen die lokale arabische Bevölkerung aus den den Juden zugesprochenen Gebieten vertreiben, sollten die Araber Widerstand leisten. Laut Reiner gibt es seriöse Wissenschaftler, die bezweifeln, dass dieser Plan je in die Tat umgesetzt wurde.

Ingrid Rumpf, die die Ausstellung konzipierte, verweist allerdings darauf, dass es unter Wissenschaftlern auch genau die gegenteilige Position gebe. Die in ihrer Heimat Israel umstrittenen "neuen Historiker" zählen dazu. Nach Öffnung der israelischen Archive in den 80er Jahren gelangten sie zu dem Ergebnis, dass die palästinensische Bevölkerung gezielt vertrieben wurde. In zahlreichen Büchern wird zudem belegt, dass jüdische Untergrundkämpfer noch vor der Staatsgründung mehrere Massaker in palästinensischen Dörfern anrichteten. Allein in dem Dorf Dair Yassin sollen 250 Männer, Frauen und Kinder getötet worden sein.

Vom Vorteil einer einseitigen Darstellung

Trotz seiner Kritik findet Reiner, dass sich die Ausstellungsmacher darum bemüht haben, seriös zu arbeiten. So belegen sie zahlreiche ihrer Thesen mit Quellen renommierter Geschichtswissenschaftler. Auch der Freiburger Historiker Hermann Schwendemann, der zum Thema Israel-Palästina-Konflikt forscht, bescheinigt der Ausstellung Seriosität. Die genannten Vorgänge basierten im wesentlichen auf historischen Fakten.

Man hätte aus seiner Sicht allerdings auch die Lage der Juden zum damaligen Zeitpunkt in die Ausstellung mit einbeziehen können. Nach dem Holocaust waren zahlreiche Schiffe mit Holocaust-Opfern aus Europa in Richtung Palästina unterwegs. Sie brauchten dringend eine Heimat.

Insgesamt findet Schwendemann die einseitige Darstellung aber nicht unbedingt von Nachteil: "Pointierte Darstellungen regen zur Debatte an und das ist positiv", meint er. Gutes Beispiel sei die Wehrmachtsausstellung in Deutschland, die ihrerseits für heftige Debatten gesorgt hatte.

Hintergrund I: Freiburg muss Palästina-Ausstellung stattfinden lassen

Hintergrund II: Freiburg muss Palästina-Ausstellung zulassen

Autor: Annemarie Rösch