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13. März 2010
"Hingucken und zuhören"
BZ-INTERVIEW mit Carmen Bremer vom Verein Wendepunkt zu Missbrauch – und zu Aufklärung.
Seit Wochen funktioniert das Thema Missbrauch an Schülerinnen und Schülern in diversen schulischen Einrichtungen quasi als medialer Selbstläufer. In Freiburg gibt es mit dem Verein "Wendepunkt" eine der wenigen – und mit 21 Jahren auch eine der ältesten – Beratungsstellen gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. Julia Littmann sprach mit Carmen Bremer, Leiterin von Wendepunkt und zudem Sozialpädagogin und Gestalttherapeutin, über diverse Mythen und Missverständnisse im Zusammenhang mit Missbrauch.
BZ: Waren die Enthüllungen und Vorwürfe, die in den vergangenen Wochen in Sachen Missbrauch laut wurden, in irgendeiner Weise überraschend für Sie?Carmen Bremer: Überraschend ist für uns eigentlich nur, dass das erst jetzt kommt. Wir wissen von dieser Situation seit 21 Jahren – sonst gäbe es uns nicht. Das will nur niemand hören. Im übrigen hätte das Thema an vielen Stellen hochkochen können. Jetzt ist es bei den katholischen Internaten hochgekocht und bei der Odenwaldschule.
BZ: Nun wird ja aber in der Öffentlichkeit auch genau das als "typisch" eingestuft – und im wesentlichen auch vergangenen Jahrzehnten zugeordnet.
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BZ: Gibt es aktuelle Zahlen und Zusammenhänge für den Missbrauch an Kindern?
Bremer: Aktuell muss man davon ausgehen, dass jedes vierte Mädchen und jeder siebte Junge missbraucht wird. Und um auch das gleich klarzustellen: Nur etwa zehn Prozent dieser Fälle – so nicht nur unsere, sondern auch die bundesweite Statistik – werden von "Fremdtätern" verübt. Das heißt 90 Prozent geschehen im Nahbereich. Etwa die Hälfte davon im häuslichen Nahbereich, die andere Hälfte im sogenannten weiteren Nahbereich, sprich Kita, Schule, Verein, Kirche und so weiter. Diese 90 Prozent der Missbrauchsfälle sind in der Regel auf Dauer ausgerichtet, das heißt, sie bedürfen einer Beziehung. Ganz vertrackt: Es wird da häufig auch "Gutes" transportiert. Zum Beispiel Zuwendung und Aufmerksamkeit.
BZ: Wenn man die Berichte über Missbrauchserfahrungen liest, haben Kinder offenbar kaum eine Chance aus solchen Beziehungssituationen heraus einen Missbrauch zu erkennen und zu reagieren?
Bremer: Das Kind hat es auf jeden Fall extrem schwer. Die ersten Übergriffe sind für ein Kind häufig gar nicht als "irgendwie schräg" identifizierbar. Und: In der Regel sind Täter oder Täterin ja Personen, denen nicht nur das Kind, sondern denen auch die Eltern vertrauen. Je angesehener eine solche Person ist, desto schwieriger ist es für das Kind, was zu sagen.
BZ: Womit müssen Kinder ausgestattet sein, um sich gegen Missbrauch wehren zu können?
Bremer: Na, sie müssen auf jeden Fall – egal wie klein sie sind – wahrgenommen und gehört werden. Sich wehren und beschweren braucht Mut – und den schöpft man aus einem guten Selbstwertgefühl. Und unerlässlich ist wirklich eine gute angemessene Sexualaufklärung, die Kindern auch ermöglicht, im Ernstfall eine Sprache zu finden für ihr Missbehagen. Auf beides zielt übrigens auch unser Präventionsangebot für Grundschulklassen.
BZ: Können Eltern denn eigentlich jetzt noch ihre Kinder guten Gewissens scheinbar "geschützten" Räumen und Veranstaltungen aussetzen?
Bremer: Unbedingt: Ja! Vertrauen ist für uns alle ganz wesentlich. Wir können nicht allem und allen mit Misstrauen begegnen. Wohl aber kann uns der "Hype" um Missbrauchsfälle dafür sensibilisieren, dass das ein gesellschaftliches Problem ist, dem wir uns alle stellen müssen. Und im Zusammenleben unbedingt hingucken, zuhören, Kinder ernst nehmen. Das klingt so simpel, aber es erscheint bei den vorliegenden Zahlen und nach der Erfahrung in unserer Beratungsarbeit als unschätzbar wichtig. Völlig kontraproduktiv für einen lehrreichen gesamtgesellschaftlichen Prozess ("wie gehen wir eigentlich mit den Schwachen um?") hingegen ist die Diffamierung einzelner Gruppen oder Einrichtungen.
Autor: lit
