In der Schule ist der Spaß inklusive

Simone Höhl

Von Simone Höhl

Sa, 29. Januar 2011

Freiburg

Gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap.

In den Schulen der Stadt gibt es neue inklusive Angebote. Und Freiburg ist eine der Regionen im Land, in denen der gemeinsame Unterricht von Behinderten und Nichtbehinderten beobachtet wird. Gestern hat Kultusministerin Marion Schick eine Schule in Weingarten besucht. Anlass für eine kleine Bilanz.

Fördern mit Trick
Die vier Buchstaben an der Tafel sind ein Rätsel: "inTa"? Tina! Ein Erstklässler in grüner Latzhose bringt die Buchstaben in die richtige Reihenfolge, reißt die Arme hoch und strahlt. Normaler Unterricht an der Adolf-Reichwein-Schule in Weingarten. Das Besondere: In der 1 a sitzen Kinder mit und ohne speziellen Förderbedarf. Wer wer ist, ist für Besucher kaum zu unterscheiden. Auffällig ist die letzte Reihe, in der Erwachsene sitzen, mitten drin Kultusministerin Marion Schick (CDU). Sie beobachtet die Stunde, sitzt bei der Freiarbeit mit auf dem Boden über den Aufgaben. "Jeder kann in anderem Tempo arbeiten", so Klassenlehrerin Anke Hecker-Natt. Für zwei Kinder ist eine Heilpädagogin da. Sonderschullehrer Johannes Schubert schaut sieben Stunden die Woche, wer sonst Hilfe braucht. Diese Schüler dürfen sich für den Nebenraum eine Eintrittskarte holen. "Genial", findet Schick. Den Trick hat sie noch nie gesehen. Freiburg ist seit dem Herbst eine von fünf Beobachtungsregionen im Land für inklusiven Unterricht. Den gibt es schon länger, zum Beispiel an der Schule in Weingarten und an Freien wie der Maria-Montessori- und der Schule Kapriole. 15 Kinder mit unterschiedlichem Förderbedarf sind im Herbst neu an Regelschulen gekommen.

Vorn mit dabei
An der Staudinger-Gesamtschule in Haslach startete erstmals eine Kooperationsklasse der Schule Günterstal: Fünf Fünftklässler mit geistiger Behinderung lernen mit ihrer Partnerklasse, wo’s nur geht. Mit dabei ist Annika Barleon, zehn Jahre alt, Down Syndrom. Anfangs gab es einen Kennlernausflug, sagt Silvia Barleon. "Zu sehen, wie unsere Tochter mit den normalen Kindern vorne mitlief, hat Spaß gemacht." Annika fühlt sich wohl. Deutsch und Mathe hat sie nicht mit den anderen, macht aber in Naturwissenschaft und gerade in Englisch mit.

Es gab auch Berührungsängste. Dabei war der Weg zur Kooperation steinig, sagt Barleon: Zwei Jahre zuvor hatten die Eltern beim staatlichen Schulamt beantragt, die Außenklasse ihrer behinderten Kinder nach der Grundschule weiterzuführen. "Wir haben keine Antwort gekriegt." Die Schule Günterstal hat selbst einen Partner gesucht, die Staudinger ja gesagt. Dann meldeten sich nur wenige für die Kooperationsklasse. Die Staudinger, sagt die Mutter, hat aufgeklärt und sich toll engagiert. Mit Erfolg. Ihr Eindruck jetzt: "Das Miteinander funktioniert."

Eigene Witze machen
Einen Run gibt es nicht. Auch Eltern Behinderter sind unsicher: Werden sie genug gefördert, ganztagsbetreut? Für die Inklusion entschieden sich die Riedels. Ihr Siebenjähriger Tilman hat Down-Syndrom und ist Anne-Frank-Schüler in Betzenhausen. "So eine Aufbruchstimmung gab es noch nie", sagt Vater Philipp Riedel. Dynamisch geht’s auch für Tilman zu – gruppendynamisch mit zwei weiteren Behinderten in der Klasse. Er soll mit anderen, aber auch mit gleichen zusammen sein, "und die eigenen Witze machen". Tilman geht begeistert zur Schule. Zwei Lehrer und eine Assistenzhilfe betreuen die Klasse. "Das ist kein Luxus", sagt Riedel. Sparen würde er beim Nebeneinander mit dem Modell Sonderschule.

Ihr sind die drei Erstklässler formal zugeordnet. Das findet Kai-Uwe Schneider falsch. "Inklusion bedeutet: alle zusammen", auch organisatorisch, sagt der Mann vom Bündnis "Eine Schule für alle", das eine inklusive staatliche Modellschule in Freiburg einrichten will. Die Anne-Frank-Schule hat Erfahrung mit gemeinsamem Unterricht: vom Projekt ISEP, das das Land auslaufen ließ. Drei der ISEP-Schüler sind nun in der 6. Klasse der Freien Christlichen Schule – "voll integriert", sagt Leiter Wolfgang Löchle.

Sorgen und Offenheit
"Alle Kinder sind verschieden", sagt Antje Reinhard. Die Vorsitzende der Freiburger Elternbeiräte findet das Modellnebeneinander gut. So gebe es für jedes das Passende. Es wird viel und emotional diskutiert über Inklusion. Rückmeldungen ans Elterngremium gibt es wenige, sagt Reinhard. Wo es Probleme gab, ging es um die Frage, was auf die Kinder zukommt, etwa als ein autistischer Schüler Unruhe in seine Klasse brachte. Oder um die Sorge, dass die Ausstattung nicht reicht. "Sonst ist die Offenheit da." Dass Eltern Behinderte in der Klasse abgelehnt haben, hat Rudolf Burgert vom städtischen Schulamt nicht erlebt.

Kosten und Mühen
Inklusion, sagt die grüne Schulbürgermeisterin Gerda Stuchlik, ist eine Herausforderung für die nächsten zehn Jahre. Die Leute müssen überzeugt werden. Und die Stadt als Schulträger muss Geld in die Hand nehmen. Das Rathaus hat gerade dem Gemeinderat einen Bericht vorgelegt. Für dieses Schuljahr zahlt die Stadt eine Assistenzhilfe für die drei Anne-Frank-Schüler, was 24 000 Euro zusätzlich kosten soll. Bis zu 26 000 Euro sind es für eine Treppenraupe und den Umbau einer Toilette in der Hofackerschule in Waltershofen, die ein Kind im Rollstuhl besucht. Dazu könnten Schülerbeförderung, Lern- und Lehrmittel kommen. Etwa 10 000 Euro kosten Akustikplatten für die neuen Reinhold-Schneider-Schüler.

Die Grundschule in Littenweiler hat nun eine Kooperationsklasse mit dem Zentrum für Hörgeschädigte in Stegen. Das kostet auch Anstrengungen. "Das ist schon ein Aufwand", sagt Rektorin Susanne Nagel-Jung. Lehrerinnen beider Seiten müssen ein Team bilden, doppelt konferieren, fortbilden, hospitieren. "Aber die Kollegen sind super zufrieden."

Heute ist Inklusion Thema bei einer Veranstaltung des Vereins "Bildung neu denken" mit dem Reformpädagogen Otto Herz. Zur Debatte stehen von 14 bis 16 Uhr im Café Velo (Stadtbahnbrücke am Hauptbahnhof) unter anderem die Fragen "was können, was dürfen, was wollen wir tun?". Eintritt frei.