Familien in Südbaden

Konrad Kunze forscht 1,2 Millionen Familiennamen nach

Ulrike Sträter

Von Ulrike Sträter

Do, 30. Oktober 2014 um 00:00 Uhr

Freiburg

Wo kommen Namen her, was bedeuten sie? Diese Fragen treiben Konrad Kunze und sein Team um. Seit zehn Jahren spüren sie den rund 1,2 Millionen Familiennamen in Deutschland nach.

FREIBURG. Dem wissenschaftlichen Gehalt von Telefonbüchern geht Konrad Kunze auf den Grund – und zwar denen aus dem Jahr 2005. Damals hatten noch rund 92 Prozent aller privaten Haushalte einen Festnetzanschluss bei der Deutschen Telekom. Als ein Mann der Wissenschaft ermittelt Kunze in sorgfältiger Handarbeit, welcher Familienname in welchem Ort wie oft vorkommt. Eine Fleißaufgabe: 28 205 713 Anschlüsse ergeben im Resultat etwa 1,2 Millionen unterschiedliche Familiennamen in Deutschland – ein Forschungsfeld unermesslichen Ausmaßes.

Bis zu seiner Emeritierung 2004 lehrt Kunze an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität ältere deutsche Sprache und Literatur. Doch seine wertvollste Berufserfahrung macht er danach: "Unvorstellbar, wie fruchtbar und positiv die Zusammenarbeit dreier Generationen ist." Er selbst steht für die älteste, greift auf einen Schatz an Wissen zurück, gefolgt von seiner Mitstreiterin, Damaris Nübling, ehemals seine Studentin. "Und wenn einer Nübling heißt, weiß man, dass er aus Denzlingen stammt", spielt Kunze auf ihr gemeinsames Forschungsprojekt an, das den 75-Jährigen bis heute in sein Universitätsbüro führt – täglich. Damaris Nübling bekleidet inzwischen eine Professur am Deutschen Institut der Mainzer Hochschule. "Sie steht also an der aktuellen Front der Wissenschaft. Und dann sind da die Studenten, die mit Schwung und Ideen das Projekt so sehr bereichern."

Die perfekte Kombination also für ihre gemeinsame Aufgabe, den deutschen Familiennamenatlas. "Durch Zufall stellten wir mit den Telefonbüchern im letzten Moment ein wichtiges Kulturgut sicher, nämlich den deutschen Namensschatz in seiner statistischen und räumlichen Verbreitung", so der Professor. Fest steht: Besagter Atlas, der aus diesem Material entstand, wie auch alle Folgestudien, wären heute undenkbar. Einfach, weil die Forschungsgrundlage nicht mehr vorhanden ist. Bereits 2012 hatten mit 18 250 000 Personen nur noch rund 65 Prozent der Bevölkerung einen Festnetzanschluss, Tendenz sinkend. Immer mehr Menschen nutzen ein Handy. "Die geben aber nicht mehr preis, wo ihre Besitzer leben."

"Forschung ist hier ein höheres Rechtsgut"Konrad Kunze
Ohne Vorstellung, welche Dimension ihr neues Forschungsgebiet annimmt, beginnen Kunze, Nübling und ihre Studenten mit der Arbeit, meistern gleich zu Beginn eine juristische Hürde. Die Kunden der Telekom gaben ihre Daten weiter, um telefonisch erreichbar zu sein, nicht zu Forschungszwecken. "Die Telekom tat sich schwer, uns die Informationen zu überlassen, obwohl wir sie anonymisierten. Beispielsweise wollten wir wissen, wie viele Müller in Freiburg leben. Im Ergebnis also eine Zahl, die nichts Persönliches eines einzelnen Müller preisgibt", so Kunze. Letztlich bestätigt der Bundesdatenschutzbeauftragte in Berlin, dass die zu erwartenden wissenschaftlichen Ergebnisse ein höheres Rechtsgut darstellen als der Schutz dieser anonymisierten Daten.

Inzwischen ist der Deutsche Familiennamenatlas fertig, sieben Bände à 1000 Seiten umfasst das Werk. Das Register allein füllt einen Band, drei weitere behandeln die sprachlichen Ursprünge. "In jedem Familiennamen ist der Sprachzustand seiner Entstehungszeit konserviert", sagt der Professor, "und somit ist er eine aufschlussreiche Quelle zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Dialekte. An der Verbreitung des Familiennamens Sutter und Sautter lässt sich etwa ablesen, dass bereits vor 800 Jahren beide Begriffe den Schuhmacher im alemannischen Dialektraum bezeichneten. Und die Grenze zwischen den Sutters, die sich mit u schrieben, zu den Sautters, die das au in ihrer Mitte trugen, entspricht bis heute der Grenze zweier Dialekte", erklärt der Wissenschaftler. Zwischen 600 und 800 Jahre liegt die Entstehung der Familiennamen zurück. Davor reichte es, dass der Fritz nur Fritz hieß. Mit dem Anwachsen der Städte und ihrer Verwaltungen änderte sich das. Denn besagter Fritz musste für Rechtsgeschäfte, wie etwa dem Erstellen einer Urkunde, eindeutig zu bestimmen sein. Und so wurde aus ihm Fritz, der Sohn des Hans oder der Fritz an der Kirche. Die Grundlage der Familiennamen war gelegt. "Je öffentlicher ein Leben wird, desto eindeutiger muss es bestimmbar sein. Und das erfolgt über den Namen. Jahrtausende zuvor war das anders. Sokrates benötigte keinen Nachnamen", sagt Kunze.

"Familiennamen gründen auf fünf Motiven"Konrad Kunze
Die restlichen Bände umfassen die fünf Motive, aus denen die Namen entstanden sind. So wurden Menschen nach ihrem Vater benannt. Sie hießen dann Hans, der Sohn des Werners, woraus im Laufe der Zeit Hans Wehrle wurde. Oder der Name beschrieb ihren Wohnplatz, wie bei den Fallers, die möglicherweise an einem Wasserfall ihr Heim hatten. Der Beruf bot ein weiteres Kriterium, etwa bei Armbruster. Diese Namensträger hatten ihr Auskommen, weil sie die Waffe anfertigten oder sie nutzten. Auch die Geografie war Grundlage vieler Namen, wie bei den Duffners. Oder es waren körperliche Besonderheiten und Charakterzüge, wie bei Schätzle, die zur Unterscheidung beitrugen.

Was sich aus Familiennamen herauslesen lässt, erforschen mittlerweile Wissenschaftler in ganz Europa, alle dem deutschen Vorbild folgend. Ebenfalls fußen zahlreiche Veröffentlichungen auf der Grundlage des Familiennamenatlas. "Ein Doktorand ermittelt derzeit, wie viele Folgenamen aus Nikolaus hervorgehen", nennt Kunze ein Beispiel, "Kleiser, Klausmann, Leis, Klaas – letztlich sind es sage und schreibe mehr als 3000 Familiennamen." Doch Höhepunkt der Arbeit ist das digitale Familiennamenwörterbuch für Deutschland, das 2015 online geht. "Ein Projekt, das für die nächsten 25 Jahre angelegt ist und an der Mainzer Akademie für Wissenschaften betreut wird. Es soll alle Namen beinhalten – in ihrer Bedeutung, Verbreitung, Geschichte und Anzahl. In ein Buch wäre diese Arbeit nicht mehr zu fassen", so Konrad Kunze. Doch auch dieses Projekt greift auf die gleiche Datenbasis zurück – die Telefonbücher des Jahres 2005.

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