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28. Mai 2011

Leben im Idyll

Für die Bewohner der Kartaus im Stadtteil Waldsee wird mit dem Verkauf des ehemaligen Klostergeländes die Zukunft ungewiss.

  1. Areal mit Hang zum Paradies Foto: M. bamberger

Roland Schüle ist 75 Jahre alt, er ist im Forsthaus neben der Kartaus aufgewachsen, sein Vater war der Förster und danach sein Bruder. Und so ist auch seine Nichte Eva-Maria Schüle im Forsthaus groß geworden, heute lebt sie mit ihrer Familie im alten Gasthaus der Kartaus. Roland Schüle wohnt nebenan im alten "Sägerhäusle" an der Kartäuserstraße, auf der er mal eine 100-Meter-Strecke markiert hat, ab und zu lässt er da die Familie zum Wettrennen antreten. Damals wollte er wissen, wie lange er für die Strecke noch braucht. Heute weiß er nicht, ob er noch lange in seinem Miethäusle wohnt.

Natürlich will er bleiben, keine Frage. Roland Schüle war immer an und in der Kartaus daheim. Knapp ein Jahr hat er mal in Gundelfingen gewohnt, aber das zählt nicht. Bis 2001 war er Hausmeister im Johannisheim in der Kartaus, kennt jedes Kabel, jeden Stein. Beim Spaziergang über das Areal geht er an Handabdrücken vorbei, die seine Kinder in den frischen Beton gedrückt haben, als die Mauer zum Klostergarten neu gemacht wurde. Einen alten Baum wie ihn verpflanzt man nicht.

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Im "Stromschlössle", dem alten Wasserkraftwerk, sieht er täglich nach dem Rechten. Dort steht die moderne Anlage, die das Trinkwasser nach oben ins Johannisheim und die Großküche pumpt. Und die alte Turbinenanlage, die einst die ganze Kartaus und zum Teil Littenweiler mit Strom versorgt hat. "Die ist im Prinzip noch funktionstüchtig", sagt der Elektromeister mit einem Faible für alte Geräte. Draußen, im Staubecken für die Turbinen, hat er schwimmen gelernt. "Und ich auch", sagt Eva-Maria Schüle.

Sie hätte nicht gedacht, dass sie zurück kommt. Jetzt will sie nicht mehr weg. Es ist schon fast wieder 20 Jahre her, als Eva-Maria Schüle und ihr Mann Wolfram Seitz-Schüle in die Kartaus zogen. Die beiden kümmern sich um den "Kuchlgarten", der einstigen Anbaufläche für die Klosterküche. Sie haben ein Stück Bio-Gartenkultur geschaffen, samt Engelwurz für Likör wie bei den Mönchen. Auf der Mauer liegt eine nackte Frauenfigur von Holzkünstler Thomas Rees, "ich hab’ ihr Asyl gegeben", sagt Eva-Maria Schüle beim Aufstieg durch den Garten, vorbei an den alten Klostergebäuden, aus denen das Altenheim 2008 ausgezogen ist.

Einziehen soll 2014 das "United World College", der deutsche Ableger der internationalen Internate. "Ich hab’ mich selbst mal beworben", erzählt Eva-Maria Schüle. Geklappt hat es damals nicht, das UWC-Modell findet sie nach wie vor gut, die Verbindung mit der Kartaus einen "Glückstreffer für Stiftung und Stadt". Aus dem Kräutergarten hinterm Haus kommt Isabel Volkhardt. Sie gärtnert jeden Tag nach der Arbeit. "Für Körper, Seele und Herz." Auch andere Städter helfen und lernen im Idyll, freitags steht ihnen die Gartentür offen, zudem gibt Eva-Maria Schüle Kurse für Schulgruppen. Isabel Volkhardt ist Erziehungswissenschaftlerin, kennt das UWC und findet: "Das passt hier."

Wolfram Seitz-Schüle ist schon bei seinen Schafen und Lämmern, 33 seltene Skudden und Heidschnucken. Die wolligen Rasenmäher pflegen das Gelände, auf dem um- und neugebaut werden soll. Beruflich leitet er die Zukunftswerkstatt der Handwerkskammer. Wenn er an die Bauphase denkt, schätzt er, "das wird die erste Nagelprobe". Ursprünglich hat er Landwirtschaft studiert – wie seine Frau, die nach dem ersten Schreck schon optimistischer in die Zukunft blickt. Sie hofft, mit den UWC-Leuten ins Gespräch zu kommen. "Wir würden uns gerne einbringen", sagt sie, als sie mit Mann und Onkel auf der "Insel" zwischen Kartausbach und Häusern sitzt. Und zunächst gilt ohnehin: "Die kaufen uns ja erstmal mit." Ihre Mietverträge sind unbefristet.

Roland Schüle jedenfalls hat schon einen Fürsprecher: Stiftungsdirektor Lothar Böhler weiß um Bindung und Know-how. "Ich werde mich dafür einsetzen, dass man die Kompetenzen von Leuten wie ihm weiter nutzt." Die Stiftung will das Gelände behalten, aber alle Gebäude an die Robert-Bosch-Stiftung und die Firma Bosch verkaufen. Die finanzieren die Sanierung der denkmalgeschützten Gebäude, die für die Freiburger Stiftung zu teuer war. Alles in allem will Bosch 40 Millionen Euro ins UWC-Projekt stecken. Noch ist nichts unterschrieben, aber alles auf gutem Weg. "Das ist für die Jugendlichen und für Freiburg eine dolle Sache", ist Böhler überzeugt. Zudem ist die Stiftung die Sorge um die Gebäude los.

In denen ist noch Kunst untergebracht, bis 2012 das neue Depot der Stadt in Hochdorf fertig ist. Zudem ist eine Großküche drin, die das Johannisheim versorgt – das bleibt, an der Lösung für Küche und Mitarbeiter wird gearbeitet, sagt Böhler. Im Kloster befindet sich auch die Heinrich-Hansjakob-Gedenkstätte, in den Originalräumen des Dichters; im Waschhaus das Freiburger Spielmobil. Alles muss raus, diese Verträge enden spätestens am 31. Dezember 2012. Die formalen und baulichen Dinge werden in der nächsten Zeit geklärt, sagt Lothar Böhler. "Wir müssen für die Leute eine möglichst verträgliche Lösung finden."

Heinz Lebtig gießt die Geranien und Weihrauch am Bauernhof. Alle dachten, er bepflanzt die Balkonkästen nicht mehr. Seit Ostern weiß er, dass sein Pachtvertrag dieses Mal nicht mehr verlängert wird. "Es war immer klar, dass es befristet ist", sagt der 66-Jährige mit Zwirbelschnauzer bestimmt. Aber natürlich wird ihm trotzdem das Herz schwer. Seit 40 Jahren ist er mit der Kartaus verbunden, erst haben seine Eltern den Hof bewirtschaftet, 1997 übernahm er ihn. Hauptberuflich hat er ein Transportunternehmen, sonst kümmert er sich um die Wiesen, seine neun Ziegen, die Gänse, Pfauen, Zierhühner, das Schweinchen Frederik und seinen Esel Filou, auf dem die Enkel gerne reiten. Zudem hat er Pferde und ein altes Muli in Pension, auch die Besitzerinnen wussten um die Befristung, auch sie brauchen etwas Neues. Der Kartaushof soll generalsaniert werden. Heinz Lebtig hat noch Zeit, aber er sucht jetzt dann nach Ersatz, ein Hof mit drei bis fünf Hektar. "So, dass alle wieder eine Heimat kriegen – einschließlich mir."



Die Kartaus

Die Freiburger Kartause wurde 1346 als Hofstatt der Kartäusermönche gegründet. Sie gehört der Heiliggeistspitalstiftung. Das Areal ist fast so groß wie 12 Fußballfelder. Darauf stehen der Bauernhof, das frühere Gasthaus, Haus des Sägers, Kraftwerk, Waschhaus und Klostergebäude, in dem die Stiftung bis Ende 2008 ein Altenheim betrieben hat. Die denkmalgeschützten Gemäuer auf moderne Standards zu bringen, war für sie nicht rentabel, sie baute das neue Heim "Katharina Egg". In der Kartaus soll ein renommiertes, sozial engagiertes College für 200 Jugendliche aus aller Welt entstehen. Der Grundstein soll diesen Herbst gelegt werden, das College 2014 eröffnen.

Autor: Simone Höhl