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14. November 2009

Leichen im Keller

Die Freiburger Universität verwahrt ein makabres Erbe: Schädel aus der Kolonialzeit. Mit der Rückgabe hat sie es nicht eilig.

  1. Kranke, Gefallene, Gehenkte: Die Herkunft der Schädel in den Freiburger Universitätskellern ist düster. Aber rechtfertigt dieses Schweigen und Nichtstun? Foto: Thomas Kunz

  2. Versöhnungsgeste: Nachfahren der Kolonialherrn treffen 2007 Herero-Führer in Namibia. Foto: usage worldwide, Verwendung weltweit

  3. Ausgehungert: Hereros in Südwestafrika 1907 nach der Flucht vor den Deutschen Foto: Bernard  & Graefe/Kunz/dpa

Auf den ersten Blick sehen die langen Regale harmlos aus, die in einem Keller der Freiburger Universität stehen, bestückt mit sauberen weißen Kartons. In ihnen allerdings lagert ein makabres Erbe: 1600 menschliche Schädel. Sie tragen den Namen Alexander-Ecker-Sammlung. Viele Besucher sind es nicht, die den Weg in diesen kühlen, hellgelb gefliesten Raum im Kollegiengebäude II finden. Bevor die neuen Kartons angeschafft wurden, musste man wohl den Atem anhalten, denn die meisten Schädel lagen einfach offen herum. An manchen hängen Zettel, manche sind von Hand beschriftet. Unter ihnen sind auch zwölf Schädel aus der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, die während der deutschen Kolonialzeit (1884 bis 1919) beschafft wurden. Letztes Jahr waren sie – neben 47 Schädeln aus Südwestafrika, die im Medizinhistorischen Museum der Charité in Berlin lagern – Thema einer ARD-Reportage, die in Deutschland und Namibia Nachdenklichkeit, Staunen und Bestürzung hervorrief.

"Nachdem der Beitrag gesendet war", berichtet der namibische Botschafter in Deutschland, "versicherte uns der Vorstand der Charité, eine eigene Recherche eingeleitet zu haben, um die Herkunft der in ihrer Sammlung befindlichen Schädel zu bestimmen." Seine Behörde hatten Proteste und Solidaritätsbekundungen von Zuschauern und einigen deutschen Nichtregierungsorganisationen erreicht. "Darin", so der Diplomat, "wurde Empörung besonders über die Verschleppung dieser für einige Menschen in Deutschland durchaus bekannten Angelegenheit zum Ausdruck gebracht."

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In Namibia selbst lösten die Enthüllungen "Entsetzen und Unglauben" aus, erinnert sich Gertze. Im Oktober 2008 wandten sich traditionelle Führer der Herero und Nama an ihre Regierung. Sie sollte von der deutschen Regierung die Rückgabe der Schädel und die Übernahme aller damit verbundenen Kosten verlangen. Die namibische Regierung machte sich die Forderung zu eigen, richtete einen Ausschuss ein und nahm Kontakt mit der deutschen Regierung auf. Und seitdem? Laut dem Botschafter unterstützt das Auswärtige Amt zwar die Rückführung, jedoch hätten anders als die Charité weder die Universität Freiburg noch andere betroffene Institutionen mit der Botschaft Kontakt aufgenommen. "Wie der Prozess, die hier verbliebenen menschlichen Überreste in den Archiven landesweit ausfindig zu machen, weitergehen wird, hängt natürlich sehr entscheidend auch von der Bereitwilligkeit der anderen deutschen Institutionen zur Kooperation ab."

Zwar hat die Freiburger Universität 2004 auf Initiative ihres Archivleiters Dieter Speck sich nach jahrzehntelangem Schweigen und Verdrängen zu einer neuen Haltung aufgerafft und beschlossen, dass sie bei unrechtmäßig erworbenen Sammlungsstücken prinzipiell zu Rückgaben bereit sei – auf Anfrage und nach Einzelfallprüfung. Zu Rückgaben kam es bislang jedoch nicht. Im Fall Namibia engagierten sich etwa das Freiburger Friedensforum und die kolonialgeschichtliche Initiative freiburg-postkolonial.de und baten die Universität, eine würdige Rückführung nach Namibia zu gewährleisten. Doch bisher beharrt die Universität eher formalistisch darauf, es bedürfe einer offiziellen Anfrage der namibischen Botschaft, statt dass sich die Uni selber meldet.

Pressesprecherin Eva Opitz kündigte jetzt immerhin auf Fragen der BZ an, die Aufklärung der Herkunft und Identifizierung der Schädel aus Namibia sowie der größeren Zahl australischer Schädel in den Uni-Regalen solle mit einer Volontariats- oder Doktorandenstelle weiterbetrieben werden. Australien hatte sich schon in den 1990er Jahren – zunächst erfolglos – um die Identifizierung von menschlichen Überresten auch in Freiburger Sammlungen bemüht. Schweden, Großbritannien und andere Länder haben derweil in den letzten Jahren Schädel an Australien zurückgegeben, und Australien fordert dies auch nach wie vor von Deutschland.

In Namibia kam nun erneut Bewegung in die Sache. Vertreter zweier betroffener Bevölkerungsgruppen übergaben der Regierung eine Petition. Chief Dawid Frederick für die Nama und der Paramount-Chief der Herero, Kuaima Riruako, forderten darin erneut die Rückgabe der Schädel. Die Bundesrepublik solle genaue Informationen über deren Herkunft sowie Alter und Geschlecht geben und erklären, was mit ihnen gemacht worden sei. Riruako sagte, die etwa 60 Schädel sollten nicht wie von der Regierung angekündigt auf dem nationalen "Heldenacker" beerdigt, sondern in einem historischen Genozid-Museum ausgestellt werden. Die Parlamentsabgeordnete Ida Hoffmann kündigte an, eine Delegation der beiden Gruppen werde zuvor nach Deutschland reisen, um traditionelle Rituale der Totenehrung vorzunehmen. Die deutsche Botschaft in Namibia erklärte, man unterstütze die Petition, habe das der Charité und der Freiburger Universität brieflich mitgeteilt und sie gebeten, sich an die namibische Botschaft in Berlin zu wenden. Eine Freiburger Reaktion darauf steht immer noch dahin.

Angesichts der "Leichen im Keller der Universität" konzentriert sich die Kritik auf zwei Punkte: die "rassenkundlichen" Ziele der Schädelsammler und die damaligen Methoden der Beschaffung des gewünschten "Menschenmaterials". In diversen anthropologischen und anatomischen Sammlungen lagern allein in Deutschland zehntausende Schädel sowie andere sterbliche Überreste aller Art von Menschen. Ein Großteil davon stammt zwar aus Deutschland selbst, doch wurde auch immer systematischer rund um die Welt gesammelt. Die Forscher wollten ein umfassendes "Archiv der Rassen", insbesondere auch der "aussterbenden" Rassen, aufbauen, um Rückschlüsse auf die Menschheitsgeschichte zu gewinnen. In der Anthropometrie wurden ständig neue Vermessungsmethoden entwickelt, um "Rassen" einzuteilen und zu hierarchisieren. Und einige Forscher meinten, aus der Schädelform auch auf die psychischen Eigenschaften schließen zu können.

Dass die "weiße Rasse" die höchste Entwicklungsstufe darstellt, gehört zu den Grundannahmen der meisten früheren Anthropologen. Besonders um die Radikalisierung des wissenschaftlichen Rassismus und dessen spätere Bedeutung bei den Nazis verdient gemacht hat sich der Freiburger Anthropo-loge und Rassenhygieniker Eugen Fischer (1874–1967). Er agitierte etwa gegen "Rassen-mischehen", weil sie den genetischen Abstieg des deutschen Volkes zur Folge hätten.

Vor diesem Hintergrund verwundert nicht, dass die Beschaffer der Forschungsobjekte in den Kolonien wenig zimperlich vorgingen. Abenteurer, Wissenschaftler, Kaufleute und Militärs bestückten über Jahrzehnte die Universitätsarchive und so manche private Sammlung. Die Expedition des Herzogs Adolf Friedrich zu Mecklenburg nach Ost- und Zentralafrika vermaß 1907/08 sage und schreibe 4500 Menschen – zum Teil gegen deren Widerstand – und brachte über 1000 menschliche Schädel mit nach Berlin. Die Schädel lagern heute vermutlich im Naturhistorischen Museum New York.

Die Freiburger Alexander-Ecker-Schädelsammlung geht bis auf das Jahr 1810 zurück, als ein Afrikaner in Freiburg an Tuberkulose starb. Sein Totenkopf bildete mit so genannten Chinesen-Schädeln die Basis der 1850 vom Namensgeber, dem Freiburger Anatom und Anthropologen Alexander Ecker (1816-1887), gegründeten Sammlung. Eugen Fischer war von 1900 bis 1927 persönlich für die Sammlung verantwortlich. Er ließ sich zahlreiche Schädel und Weichteile aus den deutschen Kolonien schicken, darunter drei konservierte Köpfe von gerade Hingerichteten aus der deutschen Südsee. Er legte aber auch selbst Hand an im damaligen Deutsch-Südwestafrika. 1908 ließ er in der Nähe von Swakopmund die Gräber von Topnaar-Nama öffnen und entwendete deren Leichname.

Aber auch noch grausamere Methoden als Grabschändungen kamen zum Einsatz. Während des genozidalen Kolonialkrieges der Deutschen gegen die Herero und Nama 1904 bis 1907 wurden von der "Schutztruppe" Kisten mit Herero-Schädeln an das Pathologische Institut zu Berlin gesandt, wo sie zu wissenschaftlichen Messungen verwandt werden sollten. "Die Schädel, die von Herero-Frauen mittels Glasscherben vom Fleisch befreit und versandfertig gemacht werden, stammen von gehängten oder gefallenen Hereros", schrieb ein Offizier der deutschen Truppe 1907.

Rassenanatomische Untersuchungen an "Hottentottenköpfen" aus Gefangenenlagern nahm auch ein Privatdozent in Berlin vor, Paul Barthels. Der Verbleib dieser Kriegsopferschädel ist nicht geklärt. Sofern sie noch erhalten sind, könnten sie sich aufgrund der Tauschpraxis zwischen den Sammlungen auf verschiedene Orte verteilt haben. Ob auch Schädel der Charité oder der Ecker-Sammlung von Genozid-Opfern stammen, ist unbekannt. Die meisten Sammlungen kranken daran, dass genaue Herkunftsbestimmungen – nach zwei Weltkriegen mit verloren gegangenen Unterlagen und diversen Umlagerungen – nur mit aufwendigen Recherchen möglich sind. In Freiburg hat der Student Daniel Möller dazu letztes Jahr mit einer die Sammlung systematisierenden Magisterarbeit wichtige Vorarbeiten geleistet.

Genau hier sehen auch Kritiker wie der Kolonialhistoriker Joachim Zeller eine Bringschuld auf deutscher Seite. Die Sammlungen müssten selbst öffentlich machen, was sie haben und nicht auf Anfragen warten. Die betroffenen ehemaligen Kolonialländer seien zudem auch kaum in der Lage, diese Recherchen selbst zu leisten. Zeller bemühte sich bereits Anfang der 1990er Jahre um Aufklärung. Damals wurde er noch von den Berliner Archiven abgewimmelt, heute ist die Charité zu Rückgaben bereit. Letztes Jahr hat sie ein Abkommen mit Australien geschlossen, identifizierte Aborigines-Schädel für eine würdevolle Bestattung zurückzugeben. Ein Vorbild auch für Freiburg.

Der offizielle Umgang mit dem düsteren wissenschaftlichen Erbe wirkt heute weithin verschämt. Dennoch finden sich auch Belege dafür, dass es in Deutschland immer noch Wissenschaftler gibt, die mit der Schädelforschung weitermachen wollen. So heißt es auf der Internetseite des Museums für Völkerkunde in Dresden, das eine riesige Schädelsammlung besitzt: "Die später im völkerkundlich orientierten Museum gesammelten umfangreichen Schädelserien, Skelette, Gipsabgüsse und Haarproben außereuropäischer Bevölkerungsgruppen sind heute wissenschaftlich unschätzbar wertvolles Material."

Heiko Wegmann ist Sozialwissenschaftler und
Geschäftsführer des Informationszentrums 3. Welt (iz3w) in Freiburg. Weitere Informationen unter
http://www.freiburg-postkolonial.de

Autor: Heiko Wegmann