Mangel im Paradies

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

So, 22. April 2018

Freiburg

Der Sonntag Initiative plant Freiburger Ernährungsrat zur Förderung regionaler und ökologischer Lebensmittel.

Die Region rühmt sich ihrer köstlichen und gesunden Produkte, doch nur 20 Prozent der in Freiburg verzehrten Lebensmittel stammen auch von hier. Der Rest kommt teilweise von weit her, was Umwelt und Klima belastet. Eine Initiative fordert nun die Gründung eines Ernährungsrates nach internationalem Vorbild.

"Würde man die Leute fragen, was sie kaufen und essen wollen, würden die meisten regionale und ökologische Lebensmittel bevorzugen", meint Andreas Dilger. Der Freiburger Ökowinzer hat vor sechs Jahren den Verein Agrikultur gegründet, der seither einmal im Jahr das Agrikulturfestival mit Vorträgen und Workshops rund um gesunde und nachhaltige Ernährung veranstaltet. "Das Interesse, die Möglichkeiten, das Engagement – alles ist da, doch die Realität sieht ganz anders aus", sagt Dilger und verweist auf die 2016 im Auftrag der Stadt erstellte Studie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL).

Diese hatte ergeben, dass lediglich 20 Prozent der in Freiburg von Bürgern, Pendlern und Besuchern konsumierten Lebensmittel im Regierungsbezirk produziert werden. Allerdings sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Produkten demnach sehr groß: So entstehen 80 Prozent des Rindfleischs in der Region, bei Milch lag der Anteil bei 70 Prozent, bei Milchprodukten wie Käse, Joghurt und Butter immerhin bei 50 Prozent. Doch nur 13 Prozent des Gemüses stammen laut der Studie aus der Region, bei Obst sind es sogar nur 8 Prozent.

Werden in einer der wärmsten Gegenden Deutschlands zu wenig Früchte angebaut oder geht ein Großteil der Produkte in den auswärtigen Verkauf? "Beides ist der Fall", ist Andreas Dilger überzeugt. "Die Tatsache, dass wir hier in einem Früchteparadies leben und trotz großer Nachfrage so wenig bei den Konsumenten ankommt, ist ein Hinweis auf ein strukturelles Defizit."

Die Stadtverwaltung hat sich in den vergangenen zwei Jahren bemüht, hier gegenzusteuern. So wurde der jährliche Zuschuss für das Agrikulturfestival auf 20 000 Euro erhöht, das "Slow Mobil", mit dem Ernährungsbildung an Schulen stattfindet, erhält 2 500 Euro pro Jahr, mit der Partnerstadt Besançon ist ein deutsch-französisches Kochbuch in Arbeit und im März fanden unter dem Motto "Klimaschutz und Kochlöffel" erstmals die Freiburger Kantinentage statt, wie Klaus von Zahn, Leiter des Umweltschutzamtes, berichtet. Hohe Erwartungen setzt von Zahn in die zweite Ausschreibung von Bio-Musterregionen im Herbst, an der sich die Stadt zusammen mit dem Kreis Emmendingen beteiligen will: "Nachdem wir letztes Jahr nicht zum Zuge kamen, überarbeiten wir gerade unseren Antrag für die zweite Runde." Im Erfolgsfall finanziert die Landesregierung für drei Jahre eine im Landwirtschaftlichen Bildungszentrum auf der Hochburg angesiedelte Stelle, die regionale und ökologische Ernährung fördern soll.

Bei Ausschreibungen für Schulmensen greife die Stadtverwaltung zu einem Trick, um trotz EU-Vergaberecht regionale Anbieter bevorzugen zu können: "Wir verlangen, dass der Betrieb von den Schulklassen besichtigt werden darf – und das ist bei einer Firma etwa in Spanien ja kaum realistisch", so von Zahn. Was all diese Maßnahmen gebracht haben, wird voraussichtlich in drei Jahren evaluiert.

Der Initiative des Agrikultur-Vereins, einen Ernährungsrat ("Food Policy Council") zu etablieren, steht die Stadt aufgeschlossen gegenüber. "Wir finden, dass ein Ernährungsrat gut zu Freiburg passt und dringend notwendig ist", sagt Andreas Dilger, der die Initiative dafür ergriffen hat. Erfahrungen in den USA, aber auch in südamerikanischen Ländern zeigten, wie die Vernetzung von Produzenten, Händlern und Kunden, Forschung und Politik eine umweltverträgliche und sozialgerechte Ernährung fördern kann. Der Plan ist es, den Freiburger Ernährungsrat beim diesjährigen Agrikulturfestival, das von 22. bis 24. Juli stattfindet, zu gründen.
Auftakt zur Gründung eines Ernährungsrates am Mittwoch, 25. April, 19 Uhr, im Vorderhaus, Habsburgerstraße 9, Freiburg