Mit ein paar Klicks durch die Welt

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Sa, 13. Juli 2013

Freiburg

Zwei Jahre lang haben Kinder an drei Grundschulen Märchen aus den Herkunftsländern ihrer Eltern gesammelt: für ein digitales Buch.

BRÜHL-BEURBARUNG. Nicht alle hatten so viel Glück wie Ardita (10): Sie hat ein Märchen mit ihrem Namen gefunden. Es stammt aus dem Kosovo, genau wie ihre Eltern. Alle können es lesen und die Bilder dazu anschauen – am Computer, überall und jederzeit. Denn es ist eines von 48 Märchen aus 26 Ländern im digitalen Märchenbuch von Kindern und Eltern der Albert-Reichwein-Grundschule in Weingarten, der Albert-Schweitzer-Grundschule in Landwasser und der Lortzing-Grundschule in Brühl-Beurbarung. Dort fand jetzt eine Abschlussveranstaltung statt.

Ein Zauberer mit einem Raben auf der Schulter, eine Fee mit zarten Flügeln, eine Hexe auf dem Besen: Mit so altvertrauten Märchenbildern fängt es an, wenn man auf das digitale Märchenbuch klickt. Doch vor allem gibt’s da viele Bilder, die von 102 Kindern aus dritten und vierten Klassen der drei Grundschulen gemalt wurden – zu jedem Märchen.

Natürlich auch bei dem von der Prinzessin Ardita: Sie soll heiraten, aber ihr gefällt kein Prinz. Und so beschließt sie: Sie wird nur den heiraten, der sich so gut vor ihr versteckt, dass sie ihn nicht finden kann. Klar, dass es trotz aller Hürden am Ende eine Hochzeit gibt. Ardita mag das Märchen von der Prinzessin mit ihrem Namen. Die Anderen aus ihrer Klasse, der 4c an der Adolf-Reichwein-Schule, haben geholfen, um das Märchen schön zu gestalten: Zum Beispiel Marvino (10), der wie seine Cousinen Anna (10), Emilie (10) und sein Cousin Peppone (10) aus einer deutschen Sinti-Familie stammt, Angelina (9), deren Eltern aus Russland nach Freiburg kamen, und Sila (10), deren Familie früher in der Türkei lebte. Eigentlich sind ihre Lieblingsmärchen die gängigen von den Brüdern Grimm – Hänsel und Gretel, Frau Holle oder Rapunzel. Von denen tauchen im digitalen Märchenbuch wenige auf. Dafür viele andere, die in Deutschland kaum bekannt sind.

Zwei Jahre lang haben die Kinder unter der Leitung der Medienpädagogin und Informatikerin Elena Rauch und der Kulturpädagogin Milena Vogt Geschichten aus den Herkunftsländern ihrer Familien gesucht, aus vielen Familien haben sich Eltern am Projekt beteiligt, Märchen aus ihren Muttersprachen ins Deutsche übersetzt und zusammen mit den Kindern an Schulen und in der Stadtbibliothek vorgelesen. Manchmal war’s schwer, ein Märchen aus der eigenen Kultur zu finden. Das galt besonders für Marvino und seine Cousins und Cousinen: "Unsere Sprache ist Romanes, da gibt es kaum Bücher", erzählen sie. Renate Reinhardt, die Mutter der neunjährigen Zwillinge Naomi und Dana, hat trotzdem ein deutsches Sinti-Märchen gefunden. Früher, in ihrer Kindheit, hat ihre Oma es ihr erzählt: "Das Flämmchen" handelt von einem armen Mann, der Geld für die Medizin für seine kranke Frau braucht. Im Wald trifft er ein Flämmchen, dem er die Freiheit schenkt. Dafür bekommt er eine prächtige Kutsche, und als seine Frau wieder gesund ist, fahren die beiden in der Welt herum und musizieren. "Solche Geschichten sind für uns so kostbar, dass wir sie immer nur mündlich weitergegeben haben, und nicht an fremde Menschen", erzählt Renate Reinhardt. Den Sinti falle es schwer, sich zu öffnen, sie seien misstrauisch und zurückgezogen wegen der vielen Vorurteilen. Doch sie fand das Projekt toll – und wollte etwas beisteuern. Der Innovationsfonds der Bildungsregion Freiburg hat das digitale Märchenbuch mit 18 000 Euro finanziert, die Landesanstalt für Kommunikation mit 2000 Euro. Für ein gedrucktes Buch gibt’s bisher kein Geld.

Das Märchenbuch im Internet: maerchenbuch.ent-ra.de