Quartiersbefragung

Neubauten an der Quäkerstraße stellen Armutsrisiko für Bewohner dar

Fabian Vögtle

Von Fabian Vögtle

Mi, 21. Februar 2018 um 10:22 Uhr

Freiburg

Eine Baugenossenschaft möchte ihre Wohnungen in der Wiehre sanieren und ein Gebäude abreißen. Dadurch würden viele Bewohner unter die Armutsgrenze rutschen, wie eine Quartiersbefragung ergab.

Sie setzt sich für den Erhalt von rund 300 Wohnungen im Stadtteil Wiehre ein: Nach Gutachten und Petitionen hat die Bürgerinitiative "Wiehre für alle" auch die Ergebnisse ihrer Sozialdatenanalyse präsentiert. Demnach würden die von der Baugenossenschaft Familienheim angestrebten Neubauten oder aufwendigen Sanierungen vor allem ältere Menschen, Frauen und Alleinlebende treffen.

"Soll ich mir jetzt eine Zwischenwohnung suchen oder gleich ganz wegziehen?"Anwohnerin Marianne Schmidt

Veränderung lässt viele Menschen unter die Armutsgrenze rutschen

"Ich verdränge das mittlerweile, so gut es geht", sagt Marianne Schmidt. Als die 73-Jährige im vergangenen Jahr hörte, dass die Familienheim plant, eine Häuserzeile an der Quäkerstraße zu ersetzen, sei sie entsetzt gewesen. Denn sollte es tatsächlich dazu kommen, wird sie wie viele andere dort nicht mehr wohnen können. Vor 15 Jahren sei sie wegen der Genossenschaft extra zum Familienheim gegangen, um sich abzusichern. "Jetzt droht mir das, was ich im Alter unbedingt verhindern wollte", sagt sie und fügt hinzu: "Ich schwebe derzeit in der Luft, soll ich mir jetzt eine Zwischenwohnung suchen oder gleich ganz wegziehen?"

Schmidt hat ein Haushaltseinkommen von gut 1000 Euro netto. Für ihre 52-Quadratmeter-Wohnung zahlt sie derzeit 450 Euro. Das ist eine Realbelastung von knapp 50 Prozent. Käme sie künftig in einer der – nach dem Plan des Familienheims – 15 sozial geförderten Wohnungen in einem Neubaut unter, würde wegen steigender Betriebskosten und einem verbindlichen Tiefgaragenplatz 56 Prozent ihres Einkommens für die Miete draufgehen. Bei einer nicht geförderten Wohnung, bei der pro Quadratmeter zehn Euro statt 7,50 Euro Kaltmiete zu zahlen sind, wären es bei einer gleich großen Wohnung sogar 68 Prozent.

Hier plant die Baugenossenschaft Familienheim Neubauten und Sanierungen:



Bei der Erhebung, für die "Wiehre für alle" 51 Haushalte befragte, wurde laut Bertold Albrecht von den Initiatoren deutlich, dass die geplanten Veränderungen der Familienheim "viele Leute im Quartier unter die Armutsgrenze rutschen lässt". Bereits heute fallen 32 Prozent der Einpersonenhaushalte unter die Armutsgefährdungsgrenze. Es werde künftig nicht genügend kleine Wohnungen für die rund 70 Prozent Alleinstehenden geben. Während Barrierefreiheit zu Recht großgeschrieben werde, müssten arme Rentner in die Röhre schauen.

"Wir schätzen und brauchen die gute Nachbarschaft hier."Anwohnerin Ilse Schweizer

Protestbrief an Vorstand und Aufsichtsrat

In einem Brief der Bewohner über 65 Jahre an den Vorstand und den Aufsichtsrat der Familienheim machen sie ihre Sorge vor Gentrifizierung deutlich und fordern den Erhalt von bezahlbarem Wohnraum. Unter den Unterzeichnerinnen sind die 68-jährige Gerda Kollmayer, die gern in ihrer 34-Quadratmeter-Wohnung an der Adalbert-Stifter-Straße bleiben möchten und die eine geringe Mieterhöhung hart treffen würde.

Ihrer Nachbarin Ilse Schweizer, die seit 13 Jahren im Viertel lebt, geht es ähnlich. "Wir schätzen und brauchen die gute Nachbarschaft hier." Deswegen halte man nun auch in der Solidargemeinschaft mit den Bewohnern der Häuser an der Quäkerstraße zusammen. Mit der Erhebung will die Initiative dem Gemeinderat auch weitere Gründe liefern, eine Erhaltungssatzung zu beschließen.

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