Wohnungsmarkt

Wohnraum durch Ausbau und Aufstockung von Dächern – kann das Freiburgs Probleme lindern?

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

Sa, 19. Mai 2018 um 23:34 Uhr

Freiburg

Der Sonntag Können so tausende Wohnungen entstehen? Was manche als Alternative zum Bau neuer Stadtteile sehen, kann zumindest eine weitere Maßnahme im Kampf gegen Wohnungsnot sein. Das Rathaus will das jetzt untersuchen.

In die Breite siedeln geht nicht mehr, weil der Stadt die Bauflächen ausgehen? Dann baut man eben auf bereits bebauter Fläche. Aus ungenutzten Dachböden lässt sich Wohnraum gewinnen, eventuell kann man aufs Haus auch ein Stockwerk draufsetzen und so etwas gegen die Wohnungsnot tun. Dieser Gedanke ist nicht neu, er findet sich schon im Freiburger Handlungsprogramm Wohnen, ohne dass das allerdings zu einer nennenswerten Initiative geführt hätte. Im Gemeinderat wollten in den letzten Jahren vor allem die Fraktionen der Grünen und der Freien Wähler das Thema in Gang bringen, im Rathaus allerdings zeigte man sich zunächst skeptisch und ließ eher wenig Dynamik erkennen. Seit im März Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut bei einem Freiburg-Besuch Förderprogramme zur Untersuchung der Dächer in Aussicht stellte, kommt Bewegung in die Sache. Die Stadt hat für das Programm "Flächen gewinnen durch Innenentwicklung 2018" einen Förderantrag eingereicht. Bekommt sie den Zuschlag, soll ein externes Büro untersuchen, was Freiburgs Dachgeschosse zu bieten haben. "Wir möchten einfach mal die Potenziale sehen", sagt Freiburgs Baubürgermeister Martin Haag. Danach werde man auch darüber nachdenken, "wie die Stadt später bei Ausbauprojekten fördernd und vereinfachend eingreifen" könne. Vor Euphorie warnt der Bürgermeister aber: "Manche denken, dass sich mit diesem Mittel das Wohnungsproblem beheben ließe – aber das glaube ich nicht."

Doch seit das Hannoveraner Pestel-Institut und die TU Darmstadt in ihrer 2015 erschienenen Expertise "Wohnraumpotenziale durch Aufstockungen" ein Potenzial für rund 1,5 Millionen Wohnungen in Ballungsräumen errechnet haben, beflügelt das Thema die Phantasie – in Freiburg vor allem derjenigen, die einen neuen Stadtteil ablehnen. Im OB-Wahlkampf war es Anton Behringer, der aus der Darmstädter Studie das Potenzial von 2 000 Wohnungen auf Freiburg heruntergebrochen und das als Alternative zum neuen Stadtteil Dietenbach erklärt hatte. Am Donnerstag lud der Freiburger Verein Ecotrinova zum Pressegespräch und der Vorsitzende Georg Löser erläuterte das Ergebnis einer nicht weniger grobmethodischen Studie: Nach einer Begehung einer Handvoll Stadtteile wollen er und seine Mitstreiter ein Potenzial von 1 000 Wohneinheiten ermittelt haben; in Freiburg insgesamt, schätzen sie, wären bis zu 5 000 Wohneinheiten möglich. "Wohnungen bauen ohne Bauland", sagt Löser. Damit könne der Wohnbedarf in der Stadt für die kommenden Jahre abgedeckt werden – auch ohne neuen Stadtteil.

"Theorie ist das eine", sagt Grünen-Stadtrat Eckart Friebis und nennt die Praxis: "In Freiburg gehören viele Häuser Eigentümergemeinschaften – wie bringen Sie alle Eigentümer dazu, einem Ausbau zuzustimmen?" Sofern die überhaupt das Geld für einen Aus- und Umbau hätten? Für neue Wohnungen müssten wieder neue Stellplätze nachgewiesen werden. Und schließlich müsste die Statik eines Hauses überhaupt erstmal einen Ausbau erlauben. Wegen der vielen Hindernisse könne ein Ausbauprogramm kein ganz großer Wurf werden, glaubt Friebis. "Es wäre eher ein weiteres wichtiges Steinchen aus dem großen Mosaik des Handlungsprogramms Wohnen."

Eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung kommt zu einem ähnlichen Schluss: Mittel- bis langfristig könnten Dachausbau und Aufstockung einen Beitrag zum Wohnungsneubau leisten. Trotzdem "sollten die Entlastungswirkungen nicht überschätzt werden, weil viele Potenziale aus wirtschaftlichen Erwägungen nicht realisiert würden". Da Wohnungseigentümer nur beschränkt über Kapital verfügten, ließe sich das auch kaum als beschleunigtes Programm vollziehen. Am meisten erreichen ließe sich wohl bei Genossenschaften oder Wohnbaugesellschaften.

Der Bauverein Breisgau stockt derzeit ein Objekt im Stadtteil Betzenhausen auf. Wegen der vier so entstehenden Wohnungen allein wäre man das Projekt wohl nicht angegangen, sagt Michael Simon, der Leiter der Bauabteilung. Interessant werde es durch einen Anbau mit neun weiteren Wohnungen und einem gemeinsamen Aufzug. "Aufstockungen sind interessant – aber es ist viel Aufwand für wenig Wohnraum." Beim Bauverein hat man das Ausbaupotenzial des eigenen Bestandes bereits analysiert, und Aufstockungen wird es geben, ein massives Umbauprogramm plane man aber nicht – allein schon, weil die Wirtschaftlichkeit bei jedem Gebäude anders liege. "Wenn Sie beispielsweise erst vor zehn Jahren energetisch saniert haben, machen Sie nicht jetzt schon wieder das Dach auf."

Technisch sei bei Ausbau oder Aufstockung vieles lösbar, sagt der Freiburger Architekt Herbert Grießbach. Genüge die Statik nicht, um zusätzlichen Wohnraum darüber zu tragen, könne man die Strukturen in vielen Fällen verstärken. "Ich versuche immer eher, den Leuten die Ängste vor Umbauten und Erweiterungen zu nehmen." Die Hürden, sagt er, seien eher rechtlicher Natur. "Und insbesondere der Denkmalschutz." Klar sein müsse man sich auch, dass so eher teurer Wohnraum entstehe. "Aber dafür wird woanders auch günstiger frei." Man könne auf den Freiburger Häusern viele Wohnungen errichten, so Grießbachs Fazit. "Aber es ist ein langer Prozess. Es sind immer Einzelfallentscheidungen."