Schülerdiskussion

Christian Streich: Plädoyer für ein buntes Deutschland

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Mi, 14. Oktober 2015

Freiburg

SC-Trainer Christian Streich spricht mit Schülern in der Landeszentrale für politische Bildung über die Situation von Flüchtlingen.

Als SC-Trainer Christian Streich unlängst auf einer Pressekonferenz ein Plädoyer für die Integration von Flüchtlingen hielt, war das Medienecho gewaltig. Mitten im Fußballfachgespräch kam ein politisch interessierter, sozial engagierter Mensch zum Vorschein, der gesellschaftlich Relevantes zu sagen hat. Genau das war der Grund, warum die Landeszentrale für politische Bildung (LpB) den Fußballtrainer zum Gespräch mit Schülern einlud: "Wir sind am Menschen Christian Streich interessiert, nicht am Trainer", sagte der Leiter der Freiburger LpB, Michael Wehner.

Einfach so loslegen mit der Erzählstunde will der charismatische, zugleich bescheidene Fußballlehrer nicht, weshalb er das Mikro gleich mal einer Schülerin in Reihe eins in die Hand drückt: "Mich interessiert, was Ihr so denkt." Das Thema ist schnell gefunden: Flüchtlinge.

Streich betont vor zirka 40 Schülern, dass er als Profifußballtrainer für das Thema nicht unbedingt prädestiniert sei: "Ich bin nicht zu 100 Prozent im wirklichen Leben." Er selbst habe auch noch nie einen Ort verlassen müssen, weil ihm jemand gedroht oder er nichts zu essen gehabt habe: "Ich mache gar nichts – außer, dass ich keine negative Haltung habe", beschreibt er die eigene Rolle. Genau das aber ist der springende Punkt: Streichs Haltung stößt auf großes Interesse, weil sie ehrlich, pointiert, menschlich und mitfühlend ist und weil er sich selbst nicht wichtig nimmt, wenn es ums größere Ganze geht. Eben das macht ihn so sympathisch für viele Menschen; da ist es dann egal, wenn er auch mal ratlos mit den Schultern zuckt. Wie viele Menschen Deutschland denn aufnehmen könne, will etwa eine Schülerin wissen. "Ich habe keine Antwort darauf." Er weiß aber: Wenn ein Land mit 25 Millionen Einwohnern 1000 Flüchtlinge aufnehme, dann sei das "ein inakzeptables Verhältnis".

Der 50-Jährige mag im Alltag nicht viele Berührungspunkte mit Flüchtlingen haben, aber als Historiker hat er Bildung, und die hilft auf jeden Fall in der Debatte. Er habe sich im Studium viel mit dem Nationalsozialismus, mit Vertreibung und Ausgrenzung befasst. Fluchtbewegungen habe es als Folge von Kriegen oder Naturkatastrophen immer schon gegeben, sie seien gewissermaßen Normalität.

Dann spannt er vom Studium den Bogen zur Kindheit: Für ihn prägend gewesen sei, als er mit elf oder zwölf Jahren in der Schule einen Film über die Ermordung der Juden sah. Ohne Kommentar habe der Lehrer das vorgeführt. Den Schock hat er mit nach Hause genommen, wo er dann von der Oma habe wissen wollen, wie das gewesen sei, als die Juden verschwanden.

Ein bisschen vom Alltag der Flüchtlinge bekommt Streich aber doch mit: zum Beispiel beim Besuch in einer Flüchtlingsunterkunft im Markgräflerland. Leute wohnten in Zelten und Containern, ohne Privatsphäre und mit furchtbarem Essen. "Das sind ganz normale Menschen", die alles zurückgelassen hätten. Der einzige Unterschied: "Sie haben dunkle Haut, und ich habe weiß-rote." Streich kann sich einfühlen in die Lage anderer. Was muss passiert sein, dass eine Mutter mit ihrem Kind in ein überfülltes Boot steigt? "Ich würde auch dahin gehen, wo’s was zu essen gibt." Wenn man die Menschen daran hindere oder zurückschicke, sei klar, dass es eskaliere. Durch die Fluchterfahrung stünden die Menschen "unter extremster Anspannungen".

An der Politikerschelte mag

Streich sich nicht beteiligen

An allgemeiner Politikerschelte mag sich der Sportclub-Coach nicht beteiligen, schließlich setzen sich Politiker fürs Gemeinwohl ein. "Das ist ein sehr schwieriger Beruf." Einen geißelt er dann doch: Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán. "Den würde ich bei uns in der rechtsradikalen Ecke verorten"; der schüre Hass und werde trotzdem von anerkannten Politikern wie Horst Seehofer freundlich empfangen. "Das hat viel Sprengkraft." Denn: "Die größte Gefahr ist das Schüren von Angst." Dabei sei es völlig absurd, vor jemandem Angst zu haben, "nur weil er aus einem anderen Teil der Welt kommt".

Streich sagt sein gesunder Menschenverstand: "Wir müssen so viele Menschen wie möglich aufnehmen und so viel Geld wie möglich für Integration ausgeben." Die Flüchtlinge bräuchten schnellstens Pässe und Arbeit. Von der Integration könne auch Deutschland profitieren. "Es gibt Riesenmöglichkeiten, die sollte man nutzen." Der Fußball könne helfen, Stress abbauen und die Menschen stärken. In ein paar Jahren würden die jetzt angekommenen Flüchtlinge Deutsch sprechen, "und wir haben ein paar Sachen von ihnen gelernt", glaubt der SC-Trainer. "Dann kann es bunt werden." Sonst sei es langweilig; das sei, wie wenn seine Spieler alle aus der Wiehre oder Herdern kämen. "Das wäre viel zu eingeschränkt. Dann würde die Vielfalt fehlen."