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05. November 2014

Prägend, verstörend, zerstörend

Carola Schark und vier weitere Autoren gedenken in einem Buch der mehr als 3000 Opfer der Bombardierungen Freiburgs 1944.

  1. Carola Schark, Autorin von „Dem Vergessen entreißen“ Foto: ingo schneider

"Dieses eine Jahr auf den Spuren der Toten war berührend, bedrückend und manchmal auch erfüllend durch die Begegnungen mit Menschen, die ihre persönlichsten Erinnerungen mit mir geteilt haben. Die mit mir offen gesprochen haben über Trauer, Tod und die durch das ,Dritte Reich‘ verschwendete Jugend." So beschreibt Autorin Carola Schark Phasen ihrer insgesamt fünfjährigen Recherchen für das Gedenkbuch zum 70. Jahrestag der Bombardierung Freiburgs am 27. November 1944, das am Montagabend im Historischen Kaufhaus vorgestellt wurde.

Fast 2800 Menschen kamen am 27. November 1944 innerhalb von 20 Minuten beim Bombenangriff auf Freiburg ums Leben. Nimmt man die Opfer der anderen Fliegerangriffe davor und danach – noch im April 1945 wurde die Stadt bombardiert – hinzu, steigt die Zahl der Toten auf 3122. Von ihnen wurden 400 bis 600 nie geborgen, mehr als 100 Opfer sind bis heute unbekannt. 1664 wurden in einem Massengrab auf dem Hauptfriedhof begraben. Viele Freiburger hätten damals geglaubt, dies sei das Ende von Freiburg, davon werde sich die Stadt niemals erholen, sagte Oberbürgermeister Dieter Salomon bei der Präsentation des von der Stadt und dem Landesverein "Badische Heimat" herausgegebenen Bandes.

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Carola Schark hat die Bergungslisten, die in den 40er und 50er Jahren geführt wurden, im Stadtarchiv durchforstet, im Computer erfasst, miteinander und mit Zeitzeugen- und Archivberichten sowie mit Büchern zum Thema verglichen. Der Unterschied zwischen einem ersten Gedenkbuch von 1954 und Scharks Arbeit "Dem Vergessen entreißen": Während 1954 die Namen der Opfer "nur" aufgelistet wurden, hat die 49-Jährige nun versucht, die Schicksale hinter den Namen zu recherchieren und zu erzählen. Dafür griff sie auf Dokumente im Stadt- und BZ-Archiv zurück und rief in den Medien Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dazu auf, ihr ihre Erlebnisse zu erzählen. "Die Resonanz war unglaublich", sagt Schark.

Im Historischen Kaufhaus las sie drei bewegende Opfergeschichten vor. Darunter die von Alfons Herr, der im Luftschutzkeller des Hauses Schusterstraße 14 einen Durchbruch in die Mauer schlug, damit die Familie einen Notausgang hatte. Nur so konnte sie sich ins Freie retten. "Aber wo war unser Alfons? Er fehlte", erinnert sich seine Schwester Doris Gast. Alfons Herr wurde zwei Tage später bei Aufräumarbeiten "ganz unversehrt, wie schlafend, mit den Händen am Ohr gefunden. Er war an einem Lungenriss verstorben, der vielleicht aufgrund der Überanstrengung oder durch den Luftdruck verursacht wurde". Durch Geschichten wie diese sei das Buch "eine Bereicherung für die Stadtgeschichte", sagte der ehemalige Regierungspräsident Sven von Ungern-Sternberg, Vorsitzender des Landesvereins "Badische Heimat". Die Toten seien durch die Texte und Bilder aus der Anonymität geholt worden und hätten "ein Gesicht bekommen". Von Ungern-Sternberg sprach nicht zuletzt deshalb von "einem sehr wichtigen Buch". Schark habe sich der "wohl dunkelsten Stunde der jüngeren Geschichte Freiburgs" (Salomon) zugewandt.

Von Ungern-Sternberg, Salomon und Andreas Meckel, einer der Co-Autoren, betonten, dass es wichtig sei, die Luftangriffe auf Freiburg historisch einzuordnen. "Es ist unbestritten, dass die alliierten Luftangriffe etwas Furchtbares waren, das durch nichts gerechtfertigt war", sagte von Ungern-Sternberg. Man dürfe aber nicht vergessen, dass der Krieg von Nazi-Deutschland ausgegangen sei und die Deutschen viele ausländische Städte aus der Luft angegriffen und zerstört hätten. In das verbrecherische System, ergänzte Meckel, sei auch die Freiburger Bevölkerung "tief verwurzelt" gewesen.

1944 fünf Jahre alt, sprach Meckel stellvertretend für viele anwesende Zeitzeugen: Der Luftangriff habe ihn geprägt, verstört, zerstört, belastet. Von Littenweiler aus habe er das Inferno gesehen: Der Himmel sei rot gewesen, die Flammen hätten geflackert, der Rauch sei über die brennende Stadt gezogen. "Das alles weiß ich noch, als wäre es heute." Ein Tiefflieger habe ihn im Visier gehabt: Doch dem kleinen Bub mit der Milchkanne gelang es, in Deckung zu gehen, nur die kostbare Milch habe er verschüttet.

Die Opfergeschichten werden durch lesenswerte Aufsätze zum Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln ergänzt. Autoren sind Andreas Meckel, die für den Münsterbauverein arbeitende Kunsthistorikerin Heike Mittmann, BZ-Autor Manfred Gallo und der mittlerweile verstorbene Bernhard Adler. Auch Carola Schark hat drei Beiträge verfasst.

– Carola Schark, Andreas Meckel, Heike Mittmann und andere: "Dem Vergessen entreißen". Rombach-Verlag, Freiburg 2014, 310 Seiten, 29,90 Euro

Autor: Frank Zimmermann