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16. März 2011 20:23 Uhr

Interview zur Situation in Japan

Japaner in Not: Wie reagieren Menschen in extremen Situationen?

Die japanische Bevölkerung erträgt die aktuelle Katastrophe mit scheinbar stoischer Ruhe. Miriam Steimer fragte den Freiburger Psychologie-Professor Jürgen Bengel, wie Menschen sich mit solchen Ausnahmesituationen arrangieren.

  1. Professor Bengel ist Psychologe an der Universitätsklinik Freiburg. Foto: Uni Freiburg

BZ: Herr Professor Bengel, was macht eine Katastrophe wie in Japan mit der Psyche der Betroffenen?

Jürgen Bengel : Die psychische Belastung der direkt Betroffenen, aber auch aller Japaner ist sicher sehr hoch. In einer solchen extremen Situation versucht der Mensch, sich vor psychischen und physischen Schäden zu schützen. Dabei geht es in erster Linie darum, primäre Bedürfnisse zu befriedigen. Es geht vor allem um das Hier und Jetzt, sich selbst und Angehörige in Sicherheit zu bringen. Fragen nach der Versorgungslage oder nach dem Schicksal von Bekannten und Freunden sind  ganz zentral. Das Handeln wird stärker als sonst durch Gefühle, Automatismen und Außenreize gesteuert. An weitere Folgen denken Menschen in einer solchen Situation erstmal nicht. Dabei kann es auch passieren, dass man sich Gedanken über eigentlich unwichtige Dinge macht, zum Beispiel über die Absage des geplanten Urlaubs. Zentral ist für die Betroffenen, Handlungsunfähigkeit zu vermeiden und daher irgendetwas zu tun oder tun zu können.

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Die Hauptbedrohung für die Menschen in Japan ist zur Zeit die Unsicherheit wie es weiter geht. Ständig gibt es neue und meist sehr bedrohliche Meldungen. Man stellt sich die Frage, was noch kommen wird, aber auch, welche Informationen glaubwürdig sind.

BZ: Wieso reagieren Menschen auf ganz unterschiedliche Weise auf eine solche Situation?

Jürgen Bengel: Menschen bewerten Gefahren auf ganz unterschiedliche Weise, zum Beispiel aufgrund von Erfahrungen, die sie früher bei Bedrohungen gemacht haben. Es wird jedoch nur wenige Menschen geben, die eine Katastrophe diesen Ausmaßes erlebt haben. Es spielt eine wichtige Rolle, dass nicht einzelne, sondern eine große Zahl von Menschen betroffen ist. Was machen die Menschen um einen herum? Wenn viele die betroffene Gegend verlassen, werde auch ich mich eher dazu entscheiden. Aber auch kulturelle Unterschiede sind wichtig, auch in einer Extremsituation legt man den kulturellen Hintergrund und den in der eigenen Kultur üblichen Umgang mit belastenden Situationen nicht ab.

BZ: Die Bilder aus Japan zeigen uns eine eher ruhige Bevölkerung, die die Normalität aufrecht erhält. Sind wir aufgeregter als die Menschen vor Ort?

Jürgen Bengel: Die Japaner zeigen nach außen hin eher weniger Regung. Das darf jedoch nicht missverstanden werden. Im Innern wird es bei den meisten sehr emotional zugehen, auch wenn man das nicht direkt sieht. Viele sind erstaunt über den scheinbar stoischen Umgang der Japaner mit der Katastrophe. Aber man muss sich auch die Frage stellen, was der Einzelne tun kann. Die Menschen müssen ja auch ihren Alltag bewältigen. In weniger zerstörten Gebieten kann die Rückkehr zur Normalität, zum Beispiel arbeiten zu gehen, die Belastung erträglicher machen. Das Leben muss irgendwie weitergehen, auch wenn die Unsicherheit daran erinnert, dass die Bedrohung nicht vorbei ist.

BZ: Wie sieht die Situation für die Verantwortlichen in Japan aus? Wie schwer trägt zum Beispiel ein Pressesprecher der Regierung oder eines Kraftwerkes an seiner Verantwortung?

Jürgen Bengel: Zu der Situation der konkreten Verantwortlichen ist es aus der Ferne schwierig, aus psychologischer Sicht dazu Aussagen zu treffen. Die Belastung der politisch Verantwortlichen ist jedoch ganz sicher immens. Ich hoffe, dass für sie psychologische Unterstützung verfügbar ist. Es hat sich gezeigt, dass es sinnvoll ist, die Kommunikation von Risiken möglichst verständlich und transparent zu gestalten, die Betroffenen aufzuklären und ihnen möglichst konkrete Handlungsanweisungen zu geben.

Zur Person

Professor Jürgen Bengel ist Psychologe und Arzt, er arbeitet als Direktor der Abteilung für Rehabilitationspsychologie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Freiburg.

Autor: Miriam Steimer