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04. Februar 2011

"Seelsorge ist auch Quartiersarbeit"

In dem für die Landeskirche einmaligen Projekt "Altern in Würde" arbeiten die Pfarrgemeinde Ost und das Marienhaus zusammen.

  1. Jetzt auch offiziell Altenseelsorgerin: Ruth Kummetz Foto: Thomas Kunz

WIEHRE. "Ich höre zu, ich begleite, ich bin da." So versteht Ruth Kummetz ihre Aufgabe als Seelsorgerin in den Pflegeheimen St. Marienhaus und St. Johann. Das Besondere an der Arbeit der 52-Jährigen: Die Pfarrgemeinde Ost ist die einzige in der evangelischen Badischen Landeskirche, die hier zum ersten Mal mit einem Pflegeheim zusammenarbeitet. Denn sie und der Verein Marienhaus St. Johann teilen sich je zur Hälfte die Kosten für die Seelsorgerin bei diesem Projekt "Altern in Würde".

"Wer Qualität will, muss auch Geld investieren", sagt Anke Ruth-Klumbies, Pfarrerin an der Auferstehungskirche in der Pfarrgemeinde Ost. Dort entstand auch die Idee, die Zusammenarbeit mit Pflegeheimen zu suchen. Denn: "Wir sehen einen Schwerpunkt in der Seelsorge für alte Menschen, für die eine lebensgeschichtliche Sinnarbeit am letzten Ort ihrer Lebensreise wichtig ist." Das erfährt auch Ruth Kummetz, wenn sie nach den regelmäßigen Abendmahlandachten in den 19 Wohngruppen oder bei ihren Besuchen mit den Menschen über Gott und die Welt ins Gespräch kommt. "Es gibt bei ihnen ein tief religiöses Bedürfnis – und eine Bringschuld der Kirche."

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Gerade im Alter seien Frauen und Männer in einer anderen Ruhe und öffneten sich christlichen, spirituellen Horizonten.Und da, sagt die Sozialpädagogin, die auch Theologie, Psychologie, Diakonie studiert und eine klinische Seelsorgeausbildung gemacht hat, "ist eine gute Begleitung wichtig, die hilft, das Leben zu bilanzieren und abzurunden und zu spüren, dass das Leben gut war, wie es war – dazu kann unsere Seelsorge beitragen". So spüre sie immer wieder, dass ihre Begleitung gut ankomme, wenn lange verschüttete religiöse Quellen wieder zu sprudeln beginnen. "Wenn durch die Erinnerung Bilder an gute Erlebnisse hochkommen, dann trägt das die Menschen."

Das sieht auch Wilfried Pertschy so, der stellvertretende Leiter des St. Marienhauses. In dem und dem Pflegeheim St. Johann leben 276 Menschen, fast 200 von ihnen mit einer dementiellen Erkrankung. "Wir machen bei diesem Projekt mit, weil unsere Bewohnerinnen und Bewohner eine Seelsorge wünschen." Und weil etwa ein Drittel von ihnen evangelisch ist, habe Ruth Kummetz mit ihrer halben Stelle ein Vakuum gefüllt. "Uns ist eine christliche Begleitung der Menschen wichtig, und deshalb hoffen wir, dass diese Arbeit auch nach ihrer Projektphase weitergeht."

Diese Zusammenarbeit von Pfarrgemeinde und Heim wird nämlich wegen ihres Modellcharakters von der Badischen Landeskirche mit insgesamt 33 750 Euro bezuschusst (während die Pfarrgemeinde Ost 11 250 Euro aufbringen muss) . Allerdings nur für drei Jahre. "Wir wollen die Arbeit auch nach 2013 fortsetzen", erklärt Anke Ruth-Klumbies, die darauf hofft, "dass das Schule macht" – und auf Spenden. Zumal da es auf dem Gebiet der Pfarrgemeinde Ost nicht weniger als 16 Alten- und Pflegeheime gibt. "Für mich ist die Seelsorge darum auch eine gute Quartiersarbeit." Und nicht zuletzt habe das im Sommer 2010 begonnene Projekt "Altern in Würde" noch einmal den Blick darauf gelenkt, "dass der Mensch in all seiner Gebrechlichkeit seine Würde behält".

Ihre Arbeit betrachtet Ruth Kummetz dabei als ein Angebot an Seele und Geist neben der Pflege für den Körper. "Und ich spüre: Dieses Angebot der Seelsorge trägt zu einer guten Atmosphäre bei." Wilfried Pertschy bestätigt das und hält die jährlich vom St. Marienhaus beizusteuernden 13 000 Euro für selbstverständlich und gut angelegt. Denn: "Die Menschen können nicht mehr in die Kirche gehen, also muss die Kirche zu ihnen kommen."

Heute um 15.30 Uhr führt Dekan Markus Engelhardt die Altenseelsorgerin Ruth Kummetz in der Kapelle des St. Marienhauses während eines Gottesdienstes in ihr Amt ein. Unter "Altern in Würde" sind Spenden möglich auf das Konto der Evangelischen Kirche Freiburg 5020 328, Evangelische Kreditgenossenschaft, BLZ 520 604 10.

Autor: Gerhard M. Kirk