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18. November 2016 09:28 Uhr

Wie die Gewalttaten das Verhalten beeinflusst

Sexualmorde verunsichern viele Freiburgerinnen

Nach den schrecklichen Gewaltverbrechen in Freiburg und Endingen fühlen sich viele Frauen unwohl. Manche ändern ihre Gewohnheiten. Am Dreisamuferradweg bleibt nachts das Licht an.

  1. Manche Situationen können bedrohlich wirken. Foto: Archivfoto: ingo Schneider

Im Dunkeln alleine raus? Oder doch lieber ein Taxi nehmen? Nach den beiden Mordfällen machen sich Frauen Gedanken, manche ändern ihre Gewohnheiten. Doch ein Patentrezept fürs richtige Verhalten gibt es nicht.

Finstere Wege
Als Maria L. nachts auf dem Dreisamuferradweg ermordet wurde, brannten die Straßenlampen. Aber nur, weil eine Schaltuhr kaputt war. Es hat Maria L. nicht geholfen. Aber Licht erhöht zumindest das Gefühl der Sicherheit. In Freiburg sind alle Straßen die ganze Nacht beleuchtet, sagt Rathaussprecherin Martina Schickle. Ausgeschaltet werden die Lampen von 0.30 bis 5 Uhr am Fußweg neben der Granadaallee, an Fußwegen zu den Sportplätzen Munzingen und Tiengen sowie am Schlossberg und am Weg zwischen Kappler Knoten und Hammerschmiedstraße. "Alle anderen sind nachts durchgehend beleuchtet. Auch der Dreisamuferradweg nach der fürchterlichen Tat." Und laut Schickle denkt das Rathaus darüber nach, jetzt alle zu beleuchten.

Nächtliche Freizeit
Viele machen abends Sport, da kann es spät werden, bis es heim geht. Ins Fitness-Studio California an der Heinrich-von-Stephan-Straße kommen die meisten Frauen zu zweit oder zu dritt, sagt Juniorchef Marc Sabatini: "Aber das war davor auch so." Viele kämen sowieso mit dem Auto, sagt Ann-Katrin Hellstern vom Sportpark beim Eisstadion: "Da kann man direkt vorm Haus parken." Sie selbst fährt weiter mit dem Rad, auch allein. Aber was auffällt: "Es ist Thema." Frauen reden im Studio darüber, dass sie eher aufs Laufband gehen, als in den Wald – oder dahin, wo viele Leute sind. "Am Seepark sieht man nur noch Mädels in Gruppen."

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Der Sportpark bietet gerade einen Selbstverteidigungskurs an, der in drei Tagen ausgebucht war. "Das war wahnsinnig, die Warteliste ist lang."

Zu helfen wissen sich auch Kinobesucherinnen. Nach einer Vorstellung im "Friedrichsbau" sprechen sich Unbekannte an und bilden spontane Warte- und Fahrgemeinschaften.

Unbehagliches Joggen
"Vorher hatte ich kein Problem damit, alleine im Wald zu joggen", erzählt eine 30-jährige Freiburgerin, "jetzt gehe ich nicht mehr alleine." Wenn ihre Laufpartnerin keine Zeit hat, bleibe sie zu Hause. Eine Alternative sind Lauftreffs, wie sie die Uni anbietet. Laut Sprecher Rudolf-Werner Dreier gibt es keine höhere Nachfrage. Ähnliches berichtet ein Jogger, der selbst Lauftreffs organisiert. An der Dreisam sehe er auch einzelne Frauen. Seiner Frau rate er: "Nimm den Hund mit!"

Ratlose Polizei
Viele rufen bei der Polizei an und fragen, wie man sich richtig verhält. "Das ist für uns schwierig", sagt Sprecherin Laura Riske, die normalerweise immer Präventionstipps hat. "Aber die beiden Frauen haben nichts falsch gemacht." Sie kann nur raten, das Risiko abzuwägen und aufs Bauchgefühl zu hören. Klar ist: Es kann nicht in jedem Waldstück Polizei stehen. Aber stockt sie die Streife auf? "Nein, aber wir sind präsent." Derzeit wird intensiv kontrolliert – primär wegen Einbrüchen, aber auch wegen anderer Fälle.

Abgeschafftes Frauentaxi
Früher gab es ein Frauentaxi, aber ohne den Zuschuss der Stadt von gut 20 000 Euro blieb es auf der Strecke. "Ich hab’ das auf der Agenda", sagt Simone Thomas, die Frauenbeauftragte der Stadt. "Das war eine sehr gute Art, Frauen sicher nach Hause zu bringen." Und obwohl sie lange warten mussten, nutzten sie das günstige Angebot oft, sagt Thomas. Sie beschäftigt das Thema Sicherheit seit der Silvesternacht von Köln sehr. "Verschärft durch die beiden Morde." Auch wenn es laut Statistik eher weniger schwerwiegende Übergriffe gebe.

"Das subjektive Gefühl von Sicherheit hat mit dieser Realität nichts zu tun. Die Frauen haben Angst." Bei der Taxi-Zentrale Freiburg, so berichtet ein Disponent, bestellen seit ein oder zwei Wochen deutlich mehr junge Frauen ein Taxi als davor.

Laufend telefonieren
Wer sich auf dem nächtlichen Nachhauseweg unwohl fühlt, kann das Berliner Heimwegtelefon anrufen und sich mit einem Gespräch nach Hause begleiten lassen. "Wir haben auf jeden Fall auch Anrufe aus Freiburg", sagt Frances Berger, eine der Gründerinnen. Dass sich die Anzahl seither erhöht hat, glaubt sie nicht, nennt aber keine Zahlen. Eine 29-jährige Freiburgerin berichtet, dass sie seitdem ihren Freund anrufe, wenn sie nachts von der Straßenbahnhaltestelle nach Hause läuft.

Nach der Nachtschicht
Die Belegschaft von Toni Schlegel, der unter anderem das Greiffeneggschlösschen auf dem Schlossberg, den Brauereiausschank am Münsterplatz und Webers Weinstube in der Wiehre (geöffnet bis 3 Uhr!) betreibt, organisiert seit jeher gemeinsam den Nachhauseweg. "Die haben schon früher gemeinsam ein Taxi bestellt." Seit den Morden rüsteten sich die Angestellten verstärkt mit Pfefferspray aus. "Das ist definitiv ein Thema." Und eine 18-Jährige möchte aus Furcht keine Nachtschicht mehr machen.

"Natürlich sind die schrecklichen Ereignisse bei unseren Mitarbeiterinnen ein Thema", sagt Benjamin Waschow, Sprecher der Uniklinik. Dabei gehe es aber eher ums Freizeitverhalten. Spätdienste enden meist zwischen 21 und 22 Uhr, Frühdienste beginnen zwischen 6 und 7 Uhr – "zu Zeiten, in denen Menschen auf den Straßen unterwegs sind", so Waschow. Seit einigen Jahren gebe es beleuchtete Frauenparkplätze, einen Sicherheitsdienst sowieso.

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Autor: Simone Höhl, Sina Gesell, Joachim Röderer und Uwe Mauch