Sinnesorgan aus Glas

Boris Burkhardt

Von Boris Burkhardt

So, 09. Dezember 2018

Gesundheit & Ernährung

Der Sonntag Seltener Beruf: Okularisten stellen Augenprothesen her – und kommen nach Freiburg.

Es ist Diskretion angesagt im Intercityhotel am Freiburger Hauptbahnhof. Wer an der Rezeption nach "Rothhaupt" fragt, wird in den Zwischenstock geschickt, wo sich mehrere Konferenzräume befinden. Nur in einem Raum herrscht Betrieb: An zwei Tischen sitzen sich zwei Männer gegenüber und arbeiten unter dem Licht zweier starker tragbarer Lampen mit dem Bunsenbrenner. Die beiden Männer, Vater und Sohn, sind Okularisten – zwei von höchstens 60 Experten für Glasaugenprothesen in Deutschland.

Felix Rothhaupt ist gerade 21 Jahre alt. Direkt nach dem Abitur trat er in die Fußstapfen des Vaters Helge, der das Institut für künstliche Augen Rothhaupt als Familienunternehmen in Karlsruhe betreibt. Sechs- bis achtmal im Jahr sind die beiden als "Filiale" in dem Freiburger Hotel.

Sechs Jahre dauert die Ausbildung zum Okularisten. "Man muss sich das aber wie Gesellen- und Meisterprüfung vorstellen", erklärt Felix Rothhaupt, "schon nach drei Jahren beginnt man zu arbeiten." Tatsächlich hat er wenige Tage nach dem Besuch in Freiburg seine Zwischenprüfung; er ist einer von nur zwei Prüflingen seines Jahrgangs.

Die Ausbildung ist hauptsächlich praktisch, beinhaltet aber auch Theorie in Anatomie und Geschichte der Augenprothetik. "Der Wertstoff Glas hat mich schon immer interessiert", erklärt Felix Rothhaupt seine Berufswahl. "Und es ist ein tolles Gefühl, wenn man Menschen etwas Gutes tun kann."

Das bestätigt der 64-jährige Rainer Stich: Der Bad Bellinger verlor ein Auge und eine Hand, als er als Achtjähriger mit Chemikalien spielte. Das Glasauge, das sich sogar leicht mitbewege, sei heute auf den ersten Blick nicht mehr zu erkennen, sagt Stich und erzählt zum Beweis von seiner letzten Polizeikontrolle, als der Polizist ihm trotz mehrfachem Hinweis nicht glauben wollte, dass eins seiner Augen aus Glas ist.

Der Zweite im Raum, ein Mann um die 40 Jahre, will nicht mit Namen in der Zeitung erscheinen. Scham spiele keine Rolle, versichert er: "Aber wer weiß, wo mein Name dann nachher im Internet auftaucht?" Der Mann trägt bereits ein Glasauge, seit bei ihm im Alter von zwei Jahren der erbliche Augentumor Retinoblastom diagnostiziert wurde. An ein Leben ohne Augenprothese kann er sich also gar nicht erinnern. Entsprechend selbstbewusst geht er mit ihr um: "Ich konnte noch jeder Frau und jedem Geschäftspartner in die Augen schauen", scherzt er und fügt ernsthaft hinzu, dass er damit auch schon alle möglichen Sportarten ausprobiert habe.

Das Gehirn stellt sich darauf ein, mit einem Auge so gut zu sehen wie mit zweien. Das sei ihm wieder bewusst geworden, als ein Bekannter vorübergehend nur ein Auge nutzen konnte und Probleme bei alltäglichen Dingen bekam, wie Wasser in ein Glas einzuschenken.

Immer wieder kommt es vor, dass Rothhaupts in Freiburg Kunden haben, die ihr Auge erst kürzlich durch einen Unfall oder Krankheit verloren haben. Felix Rothhaupt weiß um mögliche psychische Probleme: "Das Auge ist das wichtigste Sinnesorgan für den Menschen, sein Verlust ein großer Einschnitt im Leben." Man werde "komisch angeschaut", verliere das räumliche Sehvermögen, sagt er: "Es gibt Menschen, die können es ihr ganzes Leben nicht akzeptieren. Andere sind zufrieden, wenn die Prothese gut aussieht."

Für Menschen mit Schmerzen, zum Beispiel durch Krebs, sei es oft sogar eine Erleichterung, das betroffene Auge los zu sein. Das Glasauge diene aber nicht nur einem ästhetischen Zweck, sondern verhindere auch, dass die Augenhöhle zuwachse und durch Bakterien verunreinigt werde. Deshalb gibt es Augenprothesen sogar schon für Säuglinge ab zwei Monaten.

Die meisten Patienten wie Stich kommen aber zu Rothhaupts, um das Auge zu ersetzen oder anzupassen. Die Tränenflüssigkeit raue das Glas mit der Zeit ab, erklärt Felix Rothhaupt; deshalb übernähmen die Krankenkassen eine neue Prothese pro Jahr. Hinter den beiden Tischen liegen sie tatsächlich: zig Augbälle in ihren Kartonfächern – wenn man sie zu lange anschaut, wie sie da liegen und zurückschauen, kann es einen schon ein bisschen gruseln.

"Das rollende Glasauge gibt es nur in Hollywood"

Aber Helge Rothhaupt holt den unbedarften Besucher wieder in die medizinische Realität zurück: "Das über das Deck rollende Glasauge des Piraten gibt es nur in Hollywood", erklärt er geduldig, wie jemand, dem diese Frage schon oft gestellt wurde: "Eine Kugelform würde überhaupt nicht halten." Auch wenn die Rohlinge tatsächlich eine ovoide Form haben, werden sie unter dem Bunsenbrenner zu einer konkaven, dünnen Form ähnlich einer Kontaktlinse zusammengeschmolzen. Diese Form passen Rothhaupts dem Auge des Patienten an. 480 Euro ist den Krankenkassen ein solches Glasauge wert. Die Iriden, die Rohlinge, stellen Rothhaupts zur Hälfte selbst her und kaufen sie zur Hälfte von einem spezialisierten Einmannbetrieb. "Die Auswahl an Irisfarben ist sehr wichtig", sagt Felix Rothhaupt, "denn nie bekommt man exakt dieselbe ein zweites Mal hin." Mit Glasfarbstiften werden selbst feinste Äderchen auf der Sklera, dem Augenweiß, nachgezogen, um die Prothese so echt wie möglich aussehen zu lassen. "Das rechte Auge ist das Glasauge", sagt Stich scherzhaft zu Helge Rothhaupt, als er sich auf den Stuhl vor ihm setzt.

Boris Burkhardt