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18. März 2015 21:04 Uhr

Himmlisches Spektakel

Sonnenfinsternis-Brillen ausverkauft – Freiburger Kita reagiert

Alle wollen sie, kaum einer bekommt noch welche: Schutzbrillen für die Sonnenfinsternis sind in Südbaden nahezu ausverkauft. In einem Freiburger Kindergarten müssen die Kleinen ohnehin drinnen bleiben.

  1. Schutzbrillen sind Pflicht. Foto: dpa

  2. Am Freitag wird sich der Mond vor die Sonne schieben und fast drei Viertel von ihr bedecken. Im Bild zu sehen ist eine partielle Sonnenfinsternis über der Johanneskirche aus dem Jahr 2011. Foto: Archivbild: Patrick Seeger

Nicht ohne Brille
Schiebt sich am Freitagmorgen der Mond zwischen Sonne und Erde, werden Zehntausende Freiburger gebannt gen Himmel blicken. Über Freiburg werden bis zu 71,5 Prozent der Sonne verdeckt. Das Spektakel beginnt um 9.26 Uhr, ist um 10.34 am größten und endet um 11.46 Uhr. "Wer keine Sonnenschutzbrille aufhat, riskiert seine Sehkraft", sagt Professor Hansjürgen Agostini von der Uniklinik. Sonnen-, Schweißerbrillen und Gebasteltes aus Rettungsdecken kann der Augenarzt nicht empfehlen. Ebenso wenig gerußtes Glas. "Da fokussiert die volle Dröhnung Infrarotstrahlung auf die Netzhaut", warnt auch Martin Federspiel vom Planetarium. "Nur zertifizierte Brillen bieten ausreichend Schutz", sagt Agostini.

Die Netzhaut ist schmerzunempfindlich. Auch wenn einen die Sonne nicht blendet, kann Schaden entstehen. Durch Hornhaut und Augenlinse wird das Licht stark gebündelt und trifft mit voller Wucht auf die Stelle des schärfsten Sehens. Ferngläser oder Teleskope verstärken den Lichteinfall um ein Vielfaches. "Es entsteht eine thermochemische Reaktion, die immensen Schaden anrichten kann, vergleichbar mit einer Laserbehandlung", sagt Augenexperte Agostini. Mögliche Folgen: Eine Verringerung der Sehschärfe oder auch dauerhaft ein schwarzer Fleck im Blickfeld. Der Schaden ist nur bedingt behandelbar. Bei der totalen Sonnenfinsternis 1999 waren massig "Sofi-Brillen" in Umlauf. Das ist diesmal anders, sagt der Arzt: "Wir sind aber für Freitag gewappnet."

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Brillen sind ausverkauft
Bei den Optikern in Freiburg steht seit Beginn der Woche das Telefon nicht mehr still (Kommentar). "Alle wollen Brillen für die Sonnenfinsternis – doch es gibt einfach keine", sagt Simone Kunz von Wiehle-Optik. Auch der Großhändler sei ausverkauft. Nicht anders sieht es bei Optik Nosch, Fielmann oder Apollo Optik aus. Die meisten hatten – wenn überhaupt – vor allem noch Restbestände vergangener Eklipsen im Angebot. "Wir hatten noch etwa 80 Stück, die waren am Dienstag alle weg", erzählt Beate Kaiser von City-Optik. Das Planetarium habe grünes Licht für die Restbestände gegeben. "Solange sie eingeschweißt sind und die Verpackung nicht beschädigt, ist das kein Problem", so Kaiser. Irritiert habe sie, dass die Nachfrage von Schulen und Eltern erst jetzt anzog. "Irgendwie haben es alle verpennt", sagt Kaiser.

Dasselbe Bild in Emmendingen: Fünf Fachhändler, keine Sofi-Brille. "Das ist immer komisch bei den Sonnenfinsternissen", sagt Uwe Thormälen von Optik Wipfler. "Plötzlich kommt der große Hype – und dann kommt die Industrie nicht mehr hinterher." Auch die Optiker in Lahr hat die partielle Sonnenfinsternis kalt erwischt. Lediglich das Augenoptikgeschäft Kreuzpeintner hatte offenbar einige Schutzbrillen im Sortiment. "Die waren aber schneller weg als man gucken konnte", heißt es.

Auch im Internet gibt es Sofi-Brillen – aber nicht zur Zeit. Bei Amazon sind sie derzeit vergriffen, auf Ebay gibt es noch einzelne Gebote zu meist horrenden Preisen. Da wird die Sofi-Brille aus Pappe statt für zwei bis vier Euro schon mal für das Sechs- bis Siebenfache angeboten – per Expressversand für mehr als 12 Euro.

Hoffen und Bangen
Auf eine rechtzeitige Lieferung hofft die Familienklasse der Adolf-Reichwein-Schule. Weil auch sie der Lieferengpass trifft, hat ein Vater am Mittwoch noch eine Expresslieferung Spezialfolien der Firma Baader bestellt. Sie sollen am Donnerstag ankommen. "Das ist der Plan", sagt der Vater: Damit dann noch Brillen gebastelt werden können. Das war auch die Idee einer Mutter an der Angell-Grundschule, doch der Schule war das schließlich doch zu heikel. Also mussten die Eltern noch Brillen besorgen. Nicht alle konnten welche ergattern, sagte Angell-Sprecher Claude Kuhnen. "Aber die Schüler können sie sich ja teilen." Optikerin Kaiser bezweifelt, dass diese Rechnung aufgehen wird. "Da bringt sicher nicht jeder die Geduld für auf. Das kann böse enden."

Sofi-Brillen hin oder her: "Wir bleiben drin", sagt Regina Wernet, die den Kindergarten St.Bernhard mit 50 Kindern leitet. "Kleine Kinder sind so neugierig, es gäbe keine Gewähr, dass sie die Brillen auflassen." Und weil eine 1:1-Kontrolle nicht möglich sei, gehen die Kinder einfach hinterher raus. Auch wenn ein flüchtiger ungeschützter Blick ungefährlich ist, rät Arzt Agostini, dass Kinder ohne Sofi-Brille im Haus bleiben und sich Menschen mit geschädigter Netzhaut vorsehen sollten: "Am besten schauen sie sich das Ganze im Fernsehen an."

Kepler ist vorbereitet
Das Kepler-Gymnasium macht seinem Namen Ehre: Im Hof der nach dem Astronomen Johannes Kepler benannten Schule baut Lehrer Rainer Vonderstraß Teleskope auf, damit die Schüler gucken können. Die Geräte haben Filter - und Schüler für die schulinterne Aktion rechtzeitig Brillen besorgt.

Sofi-Viewing
Eine öffentliche Beobachtung bieten das Freiburger Planetarium und der Verein der Sternfreunde Breisgau an: Vor der Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule am Friedrichring stellen sie zehn Teleskope auf. "Es sieht so aus, als ob das "ne ziemlich große Sache wird", sagt Martin Federspiel. Es sei schwer abzuschätzen, wie viele Interessierte kommen. "Tausende könnten wir nicht handeln." Und wo ist beste Platz in der Stadt, um das Himmelsereignis zu beobachten? "Überall, wo die Sonne scheint", meint Federspiel, "wer sie sieht, kann auch die Finsternis sehen." Der Wissenschaftler hat noch einen Tipp für alle ohne Spezialfernrohr und -Brille: eine Lochkamera bauen.

Youtube: So baut man eine Lochkamera für die Sonnenfinsternis

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Autor: Alexandra Röderer und Simone Höhl