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05. Januar 2017

Existenzbedrohung

Sozialamt streicht wegen Pflegereform Mittel

Ein alleinerziehender Vater fürchtet, seinen Beruf aufgeben zu müssen - und ein Pflegedienst Jobverluste.

Selbstständig zu sein und alleinerziehend, wäre für die meisten Menschen genug an Herausforderung. Doch bei Ronny Fahrenz kommt noch die 24-Stunden-Pflege seines Sohnes hinzu, der im Rollstuhl sitzt. Zum ersten Januar hat ihm das Sozialamt nun Leistungen gestrichen und begründet das mit der geänderten Pflegeversicherung – doch statt der von der Politik zugesagten Verbesserung hätte das zur Folge, dass der 50-Jährige sein Schuhmachergeschäft in Herdern aufgeben muss.

Seit seiner Geburt hat der inzwischen 21-jährige Michael Fahrenz eine Krankheit mit dem komplizierten Namen progressive Muskeldystrophie Duchenne. Er kann ein für den Muskelaufbau essenzielles Eiweiß nicht produzieren. Seit er sechs Jahre alt ist, sitzt Michael im Rollstuhl, inzwischen braucht er Betreuung rund um die Uhr. Tagsüber ist er acht Stunden in der Caritas-Werkstatt, wo er so weit wie möglich fit gehalten werden soll.

Doch weil Vater Ronny Fahrenz selbstständig ist, muss er eine Stunde vor seinem Sohn das Haus verlassen, und Michael kommt auch einige Stunden vor ihm wieder heim. Seit dem Tod von Ronny Fahrenz’ Frau im Jahr 2009 ist der AKBN für diese 36 Stunden in der Woche zuständig: der Arbeitskreis für Menschen mit und ohne Behinderung. Dessen ambulanten Hilfsdienst bezahlte bislang das städtische Amt für Soziales und Senioren: zwischen 2100 und 3500 Euro im Monat. Das fällt unter Sachleistungen.

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Sobald Ronny Fahrenz abends zu Hause ist, pflegt er seinen Sohn selbst. "Ich muss auch nachts mehrmals aufstehen, um Michael zu lagern", sagt er. Der 21-Jährige kann sich nicht alleine umdrehen. Für die pflegerischen Tätigkeiten, die natürlich auch am Wochenende gemacht werden müssen, bekommt Ronny Fahrenz Pflegegeld von der Krankenkasse, 728 Euro waren das bis jetzt. Von diesem Geld engagierte Familienvater sieben Nächte im Monat eine studentische Hilfskraft, um mal durchzuschlafen oder sich mit Freunden zu treffen.

Der Sozialamtsleiter sieht Chancen für eine Lösung

Seit Januar liegt das Pflegegeld bei 901 Euro. "Das wären zwei Nächte mehr im Monat", sagt Ronny Fahrenz. Doch parallel dazu hat das Sozialamt die Übernahme der Kosten für die Assistenzleistung des AKBN überraschend beendet. Grund: Vorrangig sollen Sachleistungen in Anspruch genommen werden. Damit fiele für Ronny Fahrenz das Pflegegeld weg, das ihm zumindest ein paar Nächte Schlaf ermöglichte. "Diese Doppelbelastung halte ich nicht aus", sagt er und sieht keine andere Möglichkeit, als sein Geschäft zu schließen. Ein oder zwei Monate reiche sein Erspartes noch. Doch dann müsste er auch zwei Mitarbeiter entlassen. Auf BZ-Anfrage begründet das Rathaus sein Vorgehen mit der neuen Rechtslage, die von den Sozialämtern verlange, auch die Einkommens- und Vermögensverhältnisse der Eltern zu prüfen. Laut Sozialamt hätte diese Prüfung längst stattgefunden, würde Ronny Fahrenz alle Unterlagen zur Verfügung stellen. Welche Angaben noch fehlen, will das Amt nicht konkretisieren. Ronny Fahrenz jedenfalls versichert, er habe alles zugeschickt, von der Steuererklärung bis zu Bankunterlagen. Und tatsächlich ist in den amtlichen Bescheiden von Vermögensprüfung nicht die Rede.

Die neue Entwicklung bedroht auch den AKBN. Denn Ronny Fahrenz wäre nicht der einzige Kunde, den der Hilfsdienst verlöre. Je nachdem, wie das Freiburger Sozialamt in Einzelfällen entscheidet, könnten im März zehn weitere Kunden abspringen, die noch eine bis Ende Februar befristete Kostenzusage haben. "Auch für uns kam der Bescheid kurzfristig", sagt Beate Freudenberger, Geschäftsführerin des AKBN. "Wir können nicht einschätzen, was die Befristung heißt, denn der Bedarf unserer Kunden hat sich nicht geändert."

Um Michael Fahrenz kümmern sich ein festangestellter Mitarbeiter und zwei bis drei Hilfskräfte. Aber es gibt auch Familien, die deutlich mehr Hilfe des AKBN in Anspruch nehmen. Deshalb gefährdet laut Beate Freudenberger der Verlust von zehn Kunden rund 70 Arbeitsplätze. "Alles ist sehr unklar, und letztlich geht es um unsere Existenz." In der Zwischenzeit wird versucht sie, die Kunden zu stärken. Und sie will in Informationsveranstaltungen auf das Problem hinweisen.

Sozialamtsleiter Boris Gourdial indes ist zuversichtlich, dass noch eine Lösung gefunden werden kann. Gegenüber der BZ versicherte er am Mittwochabend, schnell mit Ronny Fahrenz das Gespräch zu suchen, auch mit Vertretern der Krankenkasse, und einen Hilfeplan zu erstellen: "Da gibt es Möglichkeiten."

Autor: Judith Reinbold