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26. Mai 2009

Im Fluss

Sprachwandel ist ein Gewinn - meistens

Wenn Menschen beisammensitzen und ins Erzählen kommen, sind besonders auf dem Lande, wo viele Leute auch noch Mundart sprechen, Aussagen zu hören wie: "Früher hen mir des andersch usdrückt, aber selli Wörter git’s jo hit gar nimmi."

  1. Ein Kritiker der Zeitungssprache: Friedrich Nietzsche Foto: dpa

  2. Foto: karlheinz Scherfling

Wenn Menschen in gemütlicher Runde zusammen sitzen und alle dann bei Gutedel oder Spätburgunder ins Erzählen kommen, sind nicht selten, besonders auf dem Lande, wo viele Leute auch noch oder nur Mundart sprechen, Aussagen zu hören wie: "Früher hen mir des andersch usdrückt, aber selli Wörter git’s jo hit gar nimmi".

Dem einen fällt dieses, dem anderen jenes Wort ein, und bald sind Dutzende von Beispielen beisammen: Muckedätscher (Fliegenklatsche), Bumpis (Prügel), Brotlad (Schublade), Glücksbischili (die letzten gebündelten Ähren). Auch Wörter aus dem Standarddeutschen werden aufgezählt, die man kaum oder gar nicht mehr zu hören bekommt: Amtsschimmel, Backfisch, Dauerlauf, Fete, Gatte, Hagestolz.

Bei manchem Sprecher mischt sich dann in die Freude über das gefundene Beispiel auch gerne ein Ton des Bedauerns über den Verlust von Wörtern und Wendungen. Und mit zunehmendem Weingenuss stimmt die gesellige Runde dann bald das bekannte Klagelied über den Zerfall der Sprache und die Überfremdung durch "neumodischs Ziigs" an. Womit dann nur das Englische gemeint sein kann. Aber was kann das arme Englisch dafür, dass wir es benutzen? Wie zu erwarten, steht bald die Prophezeiung im Raum, die deutsche Sprache gehe verloren! Und sowohl Pfleger der Mundart als auch Retter der Hochsprache kommen in Fahrt – nichts Neues unter der Sonne.

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Denn schon in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts (!) gab es so genannte Sprachgesellschaften, die sich neben anderem die "Reinigung der deutschen Sprache von Fremdwörtern" zur Aufgabe gemacht hatten. War doch die deutsche Sprache damals "zunehmend von französischen Elementen (sowie italienischen und spanischen) durchsetzt" und selbst deutsche Sprachlehrbücher standen ganz im Bann des Lateinischen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts beklagte Arthur Schopenhauer "die gänzliche Verderbung der deutschen Sprache" und Friedrich Nietzsche, ebenfalls Philosoph, ereiferte sich über "den Schleim der Zeitungs-Sprache".

Die Dialekte sterben ja auch schon lange. Herrmann Bausinger, der empirische Kulturwissenschaftler, meint, dass die meisten Publikationen zur Mundartforschung "ihre Existenz überhaupt nur der Tatsache verdanken, dass man vom Ende der vielfältigen alten Dialekte überzeugt war". 1774 schreibt Johann Christoph Adelung, Verfasser eines lange prägenden Wörterbuches der deutschen Sprache: "Die so genannte höhere und poetische Schreibart arbeitet unaufhörlich an dem Untergang der Mundart des täglichen Umgangs".

Selten sehen meine Gesprächspartner auch andere Entwicklungen. So zählte der Duden (Erstausgabe) im Jahre 1880 gerade mal 27 000 Wörter. Der von 2005 hat 125 000 Einträge. Davon nur ein kleinerer Teil "Fremdwörter". Zumindest der Wortschatz vermehrt sich also "explosionsartig". Wo ist da der Untergang?

Und wissen meine Freunde, dass heute viele Menschen gleich drei Sprachregister beherrschen – Hochsprache, Umgangssprache und vielleicht noch eine Mundart? Zweifelsohne werden Dialekte zurückgedrängt, dafür wächst der Geltungsbereich der landschaftlichen Umgangssprachen an. Und ist der Abbau sozialer Sprachbarrieren nicht auch etwas Begrüßenswertes?

Sprache ändert sich dadurch, dass wir sie benutzen. Sprachwandel ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Als Gründe für Wandel sehen die Linguisten heute Sprachökonomie, Expressivität und Analogie, anders gesagt, Vereinfachung, Verstärkung der Ausdruckswirkung (für "ja, bestimmt" zum Beispiel "auf jeden Fall") und Erstellung neuer Regeln entlang schon bestehender Muster (am auffälligsten in den Fehlern kleiner Kinder, etwa "schreibte", "geschreibt"). Richtig ist, dass den Menschen bei allem, was sich weltweit angleicht, Sprache oft als letztes Stück "Heimat" bleibt. Deshalb auch die Angst vor dem Verlust von Gewohntem in der Sprache. Oder wie es der Sprachwissenschaftler Arno Ruoff ausdrückt: "Wo es keine anderen Merkmale von Heimat mehr gibt,. . . bietet die eigene Sprache noch den Schutz der Nähe und Vertrautheit." Aber ich glaube, meine Gesprächsfreunde können die Wandlungen von Hochsprache, Mundart und Umgangssprache noch viele Jahre bejammern und dabei dennoch getrost, ohne allzu viel Angst, ihre Gutedel oder Spätburgunder genießen. Deren Qualität jedenfalls hat sich durch stetige Veränderungen nur verbessert.

Übrigens: Sollte die Annahme einer "Ursprache" stimmen, hätten wir heute ohne Sprachwandel immer noch nur eine Sprache. Und das wäre doch traurig – oder nicht?

Der Autor war vor seinem Ruhestand bis Herbst 2008 Fachleiter am Sprachenkolleg für ausländische Studierende in Freiburg; er ist im Vorstand der Muettersproch-Gsellschaft und bekannt geworden als Autor (unter anderem von alemannischen Haikus) und durch Auftritte in dem Duo Pflaum & Sesterhenn.

Autor: Stefan Pflaum