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23. Mai 2011

Innenstadtnahe Lage

Quartier Vauban: Studie straft Selbstverständnis Lügen

Eine Tagung hat sich mit der „Gentrifizierung“ Freiburgs befasst, also mit sozialen Umstrukturierungen in innenstadtnahen Stadtteilen. Was dabei herauskam, empfinden manche als einen "Schlag für Vauban-Bewohner".

Der Stadtteil Vauban ist ein Musterbeispiel: Während es Familien früher eher an den Stadtrand zog, entscheiden sich heute immer mehr Paare mit Kindern dafür, in der Stadt wohnen zu bleiben. Ein Trend, den es bei kinderlosen, gut situierten Bürgern schon länger gibt. Doch die Entwicklung hat ihre zwei Seiten. Was machen diejenigen, die ursprünglich in der Innenstadt wohnten, sich nun aber die Mieten nicht mehr leisten können? Darüber diskutierten am Wochenende die Teilnehmer der Tagung "Freiburg – Eine Stadt für alle?" auf dem Grether-Gelände.

Gentrifizierung heißt das Fachwort, mit dem Stadtplaner den Prozess beschreiben: Früher eher unbeliebte Stadtviertel sind plötzlich "hipp" und damit auch für junge, gut gebildete und wohlhabende Menschen interessant. Doch durch sie verändert sich der gesamte Stadtteil: Gebäude werden aufwändig saniert, nach und nach verschwindet die ursprüngliche, meist eher ärmliche Bevölkerung. "Häufig lässt sich dieser Trend in innenstadtnahen Altbauvierteln beobachten", erklärte bei der Tagung Susanne Frank, Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der Technischen Universität Dortmund. Ein berühmtes Beispiel ist der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Dort hat sich in den vergangenen 20 Jahren der Anteil der Akademikerhaushalte mehr als verdoppelt. Aber auch in Freiburg lässt sich der Prozess beobachten: Etwa in der Wiehre, wo in luxussanierten Wohnungen keine Studierenden mehr leben, sondern so genannte "Dink"-Pärchen: kinderlos und mit doppeltem Einkommen (die englische Abkürzung steht für "Double Income, no kids").

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Aber auch Familien hat die Gentrifizierung inzwischen erreicht. "Weil sich die Gesellschaft wandelt, verändern sich auch die Stadtstrukturen", erklärte Susanne Frank. Denn viele Frauen seien inzwischen trotz Kindern berufstätig und fänden die kurzen Wege in der Stadt praktisch. Dies hätten inzwischen auch die Kommunen erkannt, die mit neuen Wohnbaugebieten explizit um junge, einkommensstarke Familien werben. Allerdings: Ganz so fortschrittlich, wie dies auf den ersten Blick klingt, sei die Entwicklung nicht, sagte Susanne Frank.

"Mit dem klassischen Leben in der Stadt hat dies nichts

zu tun"

Susanne Frank, Professorin für

Stadt- und Regionalsoziologie
Denn auch wenn die Frauen berufstätig sind und sich auch die Männer mit um die Kindererziehung kümmern: Im Grunde entwickelten sich inzwischen in den Städten die gleichen Strukturen, wie sie früher an den Stadträndern zu finden waren. Die Familien haben ihr Reihenhäuschen und einen eigenen kleinen Garten, der sie mit einem Zaun vom öffentlichen Bereich abschirmt. "Mit dem klassischen Leben in der Stadt hat dies nichts zu tun", erklärte die Expertin.

Und das sei durchaus gewollt. Zahlreiche Studien hätten gezeigt, dass die "neuen Familien" zwar durchaus aufgeschlossen seien, wenn es beispielsweise um Ausländer geht. Mitten unter ihnen leben wollten sie aber dann doch nicht. "Sie möchten lieber unter sich bleiben", sagte Susanne Frank. Dies gelte vor allem für gut situierte Bürger: Ihnen sei wichtig, dass es in der Schule nicht nur Migrantenkinder gibt und dass die eigenen Kinder, wenn sie mal bei den Nachbarn zu Besuch sind, dort "nicht Cola trinken und RTL2 gucken müssen", wie Susanne Frank sagte. Die neuen innenstadtnahen Siedlungen seien deshalb "im Grunde homogener aufgebaut, als es jede Einfamiliensiedlung am Stadtrand jemals war." "Das ist ein Schlag für jeden Vauban-Bewohner", urteilte eine Teilnehmerin der Veranstaltung.

Auf der anderen Seite dieser Entwicklung stehen die einkommensschwachen Haushalte: Sie werden inzwischen in die Randbereiche der Städte gedrängt, häufig in ghettoartige (Hochhaus-) Siedlungen. Die Teilnehmer der Tagung forderten deshalb, dass es auch in den Innenstädten weiterhin bezahlbaren Wohnraum geben muss.

Autor: Beate Beule