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11. September 2015 00:00 Uhr

BZ-Interview

Suwons Bürgermeister Yeom: "Wir wollen die Stadtentwicklung Freiburgs als Vorbild nehmen"

Er ist die treibende Kraft hinter der Partnerschaft Freiburgs mit Suwon: Bürgermeister Tae-Young Yeom. Er ist sich sicher, dass beide Städte davon profitieren werden. Wie er das meint, verriet er im Gespräch mit Michael Saurer.

  1. Tae-Young Yeom Foto: Michael Saurer

BZ: Herr Bürgermeister Yeom, Suwon ist eine Stadt mit über einer Million Einwohnern und als Sitz des Samsung-Konzerns ein bedeutendes wirtschaftliches Zentrum in Korea. Freiburg hat nur knapp über 200 000 Einwohner und seine wirtschaftliche Bedeutung ist eher gering. Sollten Städtepartnerschaften nicht auf Augenhöhe vollzogen werden?
Yeom: Natürlich ist die Zahl der Einwohner wichtig und ich stimme Ihnen zu, dass Partnerschaften normalerweise schon zwischen vergleichbaren Städten zustandekommen. Aber ich persönlich denke, dass gemeinsame Ziele zweier Städte viel wichtiger als nackte Zahlen sind. Wir haben bei unserer Stadtentwicklung in Suwon einige Probleme zu bewältigen und um da passende Lösungen zu finden, ist Freiburg als Vorbild für uns sehr wichtig.

"Das gut ausgebaute Netz an Radwegen, das es in Freiburg gibt, haben mich sehr beeindruckt."

BZ: Was für Probleme sind das?
Yeom: Die Umweltverschmutzung, die Begrünung der Innenstadt oder der Ausbau eines umweltfreundlichen Verkehrssystems zum Beispiel. In diesen Bereichen hat uns Freiburg sehr inspiriert und uns viele Anregungen für unsere Stadtentwicklung gegeben. Und ich muss auch zugeben, dass Freiburg mich in persönlicher Weise sehr stark beeinflusst hat.

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BZ: Was hat Sie genau beeinflusst?
Yeom: Vor allem das ökologische Bewusstsein, das dort vorherrscht. Das zeigt sich zum Beispiel in einer sehr umweltfreundlichen Energiepolitik und der ökologischen Stadtentwicklung. Schauen Sie, was aus dem Vauban-Viertel geworden ist. Eine ehemalige Kaserne, die nun ein ökologisches Vorzeigeprojekt geworden ist, das ich mit großem Interesse verfolgt habe. Aber auch kleine Sachen, wie etwa das gut ausgebaute Netz an Radwegen, das es in Freiburg gibt, haben mich sehr beeindruckt.

"Wir wollen die Stadtentwicklung Freiburgs als Vorbild nehmen und bestimmte Viertel umweltfreundlich umbauen."

BZ: Wie weit ist Korea in diesen Bereichen?
Yeom: Es hat sich einiges getan und die koreanische Regierung hat sich große Ziele gesetzt. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass die konkreten Maßnahmen dafür eher unbefriedigend sind. Nehmen wir nur das Thema CO2-Reduktion. Viele Industrieländer haben sich zu einer starken Emissions-Begrenzung bis im Jahr 2030 bereit erklärt, die Ziele Koreas liegen aber deutlich niedriger und das heißt, dass wir bis ins Jahr 2030 immer mehr Kohlendioxid ausstoßen werden. Der Klimawandel wird hier viel weniger diskutiert als beispielsweise in Deutschland. Ich bin der Meinung, wir sollten uns da nicht so zurückhalten und deshalb wünsche ich mir, dass Suwon eine Spitzenrolle der ökologischen Modernisierung im Land und auch der gesamten Region Ostasiens einnehmen wird.

BZ: Wie wollen Sie das angehen?
Yeom: Wir wollen die Stadtentwicklung Freiburgs als Vorbild nehmen und bestimmte Viertel umweltfreundlich umbauen. Auch ein umweltfreundlicher Nahverkehr ist mir wichtig, so dass die Bürger nicht immer auf ihre Autos angewiesen sind. Wir hatten zum Beispiel vier komplett autofreie Wochen in Suwons Haenggung-Viertel durchgeführt – und obwohl viele Menschen anfangs dagegen waren, hat das gut geklappt. Und so ist Haenggung das erste umweltfreundliche Viertel Koreas im Rahmen der ICLEI-Initiative (ICLEI ist ein weltweiter Verband von Städten und Landkreisen. Sein Ziel ist die ökologische Modernisierung und eine nachhaltige Entwicklung, Anm d. Red.) geworden.


BZ: Stichwort ICLEI: Sowohl Sie als auch Dieter Salomon sind Mitglieder im Vorstand von ICLEI. Sie kennen sich also schon seit Langem persönlich. Spielt diese persönliche Bekanntschaft eine Rolle bei Ihrem Wunsch nach einer Partnerschaft mit Freiburg?
Yeom: Teils, teils. Schon bevor ich Dieter Salomon kennengelernt habe, habe ich von Freiburg gehört und mich mit seiner Entwicklung beschäftigt und dabei auch den Wunsch nach einer vertieften Zusammenarbeit gehabt. Durch ICLEI hatte ich die Chance, ihn kennenzulernen, wodurch sich dann die Idee einer richtigen Partnerschaft unserer beiden Städte ergeben hat. Aber es stimmt, wir haben einiges gemeinsam. Er ist Mitglied der Grünen, ich war viele Jahre lang als Umweltaktivist tätig. Wir haben also ähnliche Ansichten und Zielsetzungen.

BZ: Wie schwer ist es, in Korea ein Umweltaktivist zu sein? Gibt es im Land denn nicht viele Proteste gegen eine ökologische Politik?
Yeom: In der Vergangenheit schon. Bis in die 1970er Jahre hat man uns als Regierungsgegner behandelt und auch später hat man uns misstrauisch betrachtet. Dabei waren wir nie wirkliche Systemkritiker, wir waren nur gegen eine Politik, die nur das Wachstum der Wirtschaft als Leitlinie verfolgt.

BZ: Wie soll es mit der Partnerschaft der beiden Städte nun vorangehen?
Yeom: Im Oktober gibt es bei uns ein Kulturfestival, zu dem wir auch den Kulturbürgermeister Freiburgs, Ulrich von Kirchbach, zusammen mit einer 51-köpfigen Delegation erwarten. Im November komme ich dann nach Freiburg um den Partnerschaftsvertrag zu unterzeichnen, die Unterzeichnung in Suwon ist dann im Frühjahr des kommenden Jahres geplant. Wie es dann weitergeht muss man sehen. Ich könnte mir demnächst zum Beispiel ein Fußballspiel der Suwon Bluewings gegen den SC Freiburg vorstellen. Und natürlich wollen wir vor allem auf dem Bereich der Umweltpolitik voneinander lernen.
Zur Person

Tae-Young Yeom ist seit 2010 Bürgermeister von Suwon. Der 55-jährige studierte Umweltingenieur war über 15 Jahre lang in Initiativen wie etwa der lokalen Agenda 21 tätig sowie Berater des früheren Präsidenten Roh Moo-Hyun. 2014 wurde er mit fast 70 Prozent der Stimmen wiedergewählt.

Autor: Michael Saurer