Umstrittenes Vermächtnis

Nina Lipp

Von Nina Lipp

So, 11. November 2018

Südwest

Der Sonntag Das Sterben der Zeitzeugen stellt die deutsche Erinnerungskultur vor Herausforderungen.

Zum 80. mal jährte sich diese Woche die Zerstörung der Freiburger Synagoge in der Reichspogromnacht. Zahlreiche Veranstaltungen widmen sich dem Gedenken daran. Nächste Woche werden Ghetto-und KZ-Überlebende Schulen besuchen, um ihre Erlebnisse zu schildern. Wie wird sich die Erinnerungskultur verändern, wenn die Zeitzeugen verschwinden?

Jacek Zieliniewiczs Haare sind grau, seine Haut ist von tiefen Falten durchzogen und von Altersflecken übersät. Das Gehen fällt dem 90-Jährigen sichtlich schwer. Und doch hat der Auschwitz-Überlebende aus Konskie in Polen den beschwerlichen Weg nach Deutschland auf sich genommen. In Breitnau erzählt er, wie er 1943 als 17-Jähriger verhaftet und ins Vernichtungslager Auschwitz im heutigen Polen gebracht wurde. Dort wurde er mit folgenden Worten begrüßt: "Das hier ist kein Sanatorium, sondern ein deutsches Konzentrationslager. Der einzige Weg in die Freiheit führt durch den Kamin." Die anwesenden Kinder und Jugendliche hören gebannt zu. Als der 90-Jährige die auf seinem linken Unterarm tätowierte Lagernummer zeigt, richten sich interessierte Blicke darauf. Jacek Zieliniewicz überlebte Auschwitz, das nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zum Synonym des industriellen Massenmordes der Deutschen wurde. Er kam ins KZ Dautmergen, nach einem Todesmarsch wurde er am 23. April 1945 befreit.

Sein Besuch in Breitnau liegt zwei Jahre zurück und war sein letzter in Deutschland, im Mai ist Jacek Zieliniewicz in Polen gestorben – ein Zeitzeuge, dem es eine Herzensangelegenheit war, seine Erfahrungen im Land der Täter zu schildern. Jacek Zieliniewicz, so heißt es in einem Nachruf des Maximilian-Kolbe-Werkes, war überzeugt, dass junge Deutsche zwar keine Verantwortung für das Geschehene tragen, sehr wohl aber eine für die Gestaltung ihrer Zukunft. Viele Jahre engagierte er sich daher im Maximilian-Kolbe-Werk (MKW), für die Versöhnung zwischen Polen und Deutschen.

Das MKW, ein Freiburger Verein mit nur sechs Mitarbeitern, gründete sich 1973, zu einer Zeit, als in Deutschland die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen und ihren Opfern noch an ihren Anfängen stand. Im Rahmen eines Zeitzeugenprojektes des MKW werden nächste Woche vier KZ- und Ghettoüberlebende Schulen in der Region besuchen, um ihre Erlebnisse zu schildern. Begleitet werden sie von Ehrenamtlichen des Maximilian-Kolbe-Werkes.

Persönliche Begegnung ist nicht ersetzbar

Wenn die Überlebenden des Holocausts in den nächsten Jahren sterben, wird die direkte Begegnung nicht mehr möglich sein. Was bedeutet das für die deutsche Erinnerungskultur? Im MKW habe man dafür "kein Patentrezept", sagt Geschäftsführer Christoph Kulessa. Aktuell sei die Unterstützung der vielen hochaltrigen und zunehmend gebrechlichen Überlebenden nötiger denn je, da die Gesundheitssysteme in Polen und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion nicht ausreichten, um ihre ärztliche und pflegerische Versorgung zu gewährleisten. In den vergangenen Jahren sei besonders die Nachfrage nach finanzieller Unterstützung für die häusliche Betreuung und Pflege stark angewachsen. Statt Zeitzeugen lädt das MKW nun verstärkt Menschen nach Deutschland ein, die in Lagern geboren wurden oder dort als Kinder lebten. Auch Jacek Zieliniewiczs Tochter wird nach Freiburg kommen, um über das Leben ihres Vaters zu berichten. "Den Überlebenden und ihren Angehörigen ist es ein wichtiges Anliegen, dass das, was sie erleben mussten, nicht in Vergessenheit gerät und von Generation zu Generation weitergegeben wird", so Kulessa. Daher gebe es unzählige Programme für die Sicherung der Zeugenschaft durch Videoaufnahmen, transkribierten Interviews, Film- und TV-Sendungen. Die persönlichen Berichte könne all dies allerdings nicht ersetzen.

Harald Welzer, Autor der Bücher "Opa war kein Nazi" und "Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden", sagte der FAZ , er sehe in dem Sterben der Zeitzeugen sogar die Chance für die "Geschichtsschreibung, etwas freier zu werden". Tatsächlich ist ihr Einsatz, zumindest unter manchen Historikern, umstritten, da ihr Geschichtsbild äußerst subjektiv sei. Der Freiburger Politikwissenschaftler Michael Wehner und der Historiker Wolfram Wette bewerten das Verschwinden der Zeitzeugen vor allem als Problem für pädagogische Einrichtungen wie Schulen oder das für Freiburg geplante Informations- und Dokumentationszentrum über die Zeit des Nationalsozialismus. Bislang haben Zeitzeugen die wichtige Rolle übernommen, einen emotionalen Bezug zur Zeit des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges herzustellen. Wette und Weh-ner weisen darauf hin, dass Zeitzeugen nicht den Anspruch erheben könnten, zu wissen, wie "es damals war". Sie und ihr Kollege Erik Petry vom Zentrum für Jüdische Studien an der Universität Basel betonen, dass Erinnern nicht mit dem Öffnen einer Schublade zu vergleichen sei, aus der sich das Erinnerte, unabhängig vom Zeitpunkt des Erinnern, herausnehmen ließe. "Mit jedem Erinnern überschreibt die Erinnerung das eigentliche Ereignis. Das heißt nicht, dass diese Erinnerungen nicht mehr wahr sind oder immer unwahrer werden, je länger wir uns erinnern. Es heißt aber, dass wir dies bei unserer Arbeit berücksichtigen müssen", so Petry.

Für die Arbeit von Historikern, so der 78-Jährige Wette, ändere sich dagegen nicht viel. Seine Historikergeneration habe die nötige Aufklärung über Nationalsozialismus, Krieg und Holocaust sowie über die Kontinuitäten, die dorthin geführt haben, geleistet. Sorgen bereiten ihm vielmehr Forderungen von Rechtspopulisten nach einer erinnerungspolitische Wende. Der AfD, die im Bundestag und seit der Hessen-Wahl in allen deutschen Länderparlamenten vertreten ist, stehen zudem Sitze in Ausschüssen und Stiftungsräten zu, die zur Würdigung von NS-Opfern eingerichtet worden. Eine weitere Herausforderung sieht Wette im Antisemitismus mancher muslimischer Einwanderer. Diesen klarzumachen, dass sie umlernen müssten, gebe das Grundgesetz vor. Die Erinnerungskultur an sich er nicht in Gefahr: "Sie steht zur Zeit unter Beschuss, aber ins Wanken gerät sie nicht."