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10. November 2015

Bürgerverein Weingarten

Jugend-AG lud Flüchtlinge zum "Deutschen Abend" ein

Vielfalt auf beiden Seiten

  1. Brezel gehören natürlich auch dazu, wenn Flüchtlingen deutsche Lebensart nahegebracht wird. Foto: Bamberger

WEINGARTEN. Dutzende Lichterketten tauchen das Foyer der Adolf-Reichwein-Grundschule in Weingarten in ein gemütliches Schummerlicht. Am dampfenden, duftenden Buffet, wo Spätzle und Rotkraut locken, aber ebenso auch syrische Fleischbällchen, stehen Dutzende Menschen Schlange und plaudern miteinander. Dieser "Deutsche Abend" der Jugend-Arbeitsgemeinschaft (Jugend-AG) des Bürgervereins Weingarten stößt offensichtlich auf positiven Anklang bei den rund 120 Besuchern.

Wer sich beim Buffet bedient hat, nimmt an einer der vielen Bierzeltgarnituren Platz, die locker im Raum verteilt sind und an denen die Unterhaltungen munter weitergehen. Vor der Leinwand, auf die ein Beamer das Programm des Abends projiziert, spielt ein Mann versonnen auf seinem Akkordeon. Gleich zu Beginn wurde die Nationalhymne gesungen, von da an geht es dreisprachig weiter – auf Deutsch, Arabisch und Englisch.

Rund ein Drittel der Menschen, die gekommen sind, sind Flüchtlinge – Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer. Sie wohnen im Flüchtlingsheim im Dietenbachpark und teils auch in der neuen Unterkunft in der Halle in Opfingen. Der Rest sind mehr oder minder Alteingesessene aus Weingarten und auch aus anderen Stadtteilen. "Unser Ziel ist, dass sich die Menschen kennenlernen, mehr über das Land und die Kultur der anderen erfahren und sich am Ende besser verstehen", sagt Selma Nabulsi. Die 17-jährige Schülerin, die kurz vor dem Abitur steht, leitet die Jugend-AG. Der harte Kern der AG sind ein knappes Dutzend Jugendliche in ihrem Alter. Sie haben die Idee mit den Länderabenden entwickelt – und nach dem vorhergehenden Termin rund um Syrien, steht diesmal Deutschland im Mittelpunkt.

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Selma Nabulsi spricht über das Grundgesetz, erklärt, dass der Sozialstaat, der Rechtsstaat und die Demokratie wichtige Konzepte für das Zusammenleben in Deutschland sind. Später gibt es Infos zur Flüchtlingskrise und dazu, wie wichtig Integration ist. Die Integration läuft an diesem Abend schon ganz gut. Fest einbezogen in den Ablauf ist beispielsweise Mohamed Alkadraa. Der 18-Jährige, der aus Syrien stammt, ist gemeinsam mit seinen Eltern und seinen zwei jüngeren Brüdern vor einem guten Jahr nach Deutschland gekommen. Er übersetzt ins Arabische, was Selma Nabulsi sagt. Auf der Leinwand erscheint zudem noch eine englische Übersetzung. "Ich möchte später Apotheker werden", erklärt Mohamed Alkadraa – in ziemlich gutem Deutsch. Zunächst müsse er sich dazu aber erst mal zum Abitur durchkämpfen und weiter Deutsch lernen.

Als sich die Mitglieder der Jugend-AG vorstellen, wird deutlich, wie vielfältig die Hintergründe und Lebensgeschichten auch der Nicht-Flüchtlinge sind. Viele haben Eltern, die aus anderen Ländern stammen, etliche eine andere oder zweite Staatsangehörigkeit. Selma Nabulsis Eltern etwa kommen aus Bosnien, haben aber auch Wurzeln in Jordanien. Selmas Mutter Zinaida Nabulsi ist Vorsitzende des Bürgervereins. Am Ende der Vorstellungsrunde sagt Mohammed Alkadraa: "Und ich wünsche mir, dass ich in Zukunft einmal sagen kann, Deutschland ist meine Heimat."

"Wir sind etwas überwältigt, wie groß der Andrang heute Abend ist", sagt Selma Nabulsi, angesprochen auf die vielen Menschen im Schulfoyer. Man habe mit 60 bis 70 Gästen gerechnet, ungefähr doppelt so viele sind gekommen. Doch das Buffet reicht irgendwie trotzdem. Auch bei dessen Vorbereitung waren schon einige Frauen aus den Flüchtlingsunterkünften einbezogen. "Es ist einfach schön, alles zusammen zu erarbeiten", sagt Selma Nabulsi, "und es verbindet."

Das Engagement bei der Jugend-AG für ein gutes Zusammenleben mit den Flüchtlingen und für deren Unterstützung ist riesig, wie auch beim Rest des Bürgervereins. "Es ist wirklich beeindruckend, wie viele Menschen sich einbringen und zum Beispiel Sprachkurse im Dietenbach-Wohnheim geben", erklärt Petra Latter, die selbst Bürgervereinsmitglied und Flüchtlingshelferin ist und beim "Deutschen Abend" Freunde und Bekannte treffen will. "Allerdings kommen wir Ehrenamtlichen auf die Dauer auch an unsere Grenzen. Es wäre super, wenn wir von irgendwo her die Finanzierung für eine hauptamtliche Person organisieren könnten, die dann alles koordinieren kann."

Autor: Holger Schindler