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18. Juli 2017

Von der Nordsee nach Südbaden

LEUTE IN DER STADT: Gertrud und Richard Clausen feiern heute 70. Hochzeitstag zu Hause in ihrer Wohnung in der Unterwiehre.

  1. Das Ehepaar Clausen feiert heute den 70. Hochzeitstag. Foto: ingo schneider

  2. Die Clausens am 18. Juli 1947 Foto: privat

Nein, das hätten sie nun wirklich nicht gedacht, dass sie ihren 70. Hochzeitstag zusammen erleben würden, sagen Gertrud und Richard Clausen, deren "Gnadenhochzeit" für heute im Kalender steht, mit einem Lächeln im Gesicht. Es ist ein besonderes Ereignis, das auch in einer Großstadt wie Freiburg nur sehr selten gefeiert wurde. Den Festtag wird das Paar heute im engen Familienkreis mit Kindern und Enkeln zu Hause in der Unterwiehre begehen.

Das Paar erinnert sich noch sehr genau an seine Hochzeit am 18. Juli 1947: Es war im schleswig-holsteinischen Erfde, wo sie sich auf dem Standesamt und in der evangelischen Kirche das Ja-Wort gaben. "Es war sehr schönes Wetter", was in Nordfriesland keine Selbstverständlichkeit ist, sagt die 91-jährige Gertrud Clausen, der es ebenso wie ihrem Mann gesundheitlich recht gut geht, nur mit dem Laufen klappt’s nicht mehr so. Zu essen habe es am Hochzeitstag so kurz nach dem Krieg nicht viel gegeben: mittags wie es sich an der Nordsee gehört Fisch, dann Kuchen, aber "keinen Alkohol, keinen Kaffee und keine Zigaretten". Gefeiert wurde daheim im kleinen Kreis.

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Gertrud Clausen hatte 1944, als in Europa der Zweite Weltkrieg tobte, aus dem polnischen Örtchen Wiesendorf im Kreis Kolmar (bis 1919 zu Westpreußen gehörend) allein nach Berlin fliehen müssen. Doch dort wollte sie nicht bleiben, ihre ältere Schwester Friedel wohnte damals schon im schleswig-holsteinischen Erfde in der Nähe von Rendsburg. Also machte sich die damals 18-Jährige auf den Weg dorthin – mehr als 400 Kilometer zu Fuß. Unterwegs habe sie abends an fremde Haustüren geklopft und sei immer für die Nacht aufgenommen worden. Wie lange sie unterwegs war, weiß sie nicht mehr genau, aber sehr genau hat sie den Tag ihrer Ankunft in Erinnerung: Es war der 18. Mai 1945.

Ende 1945 lernte sie bei einem Scheunenfest in Erfde Richard Clausen kennen. Zwei Jahre später heirateten die beiden – und zogen 1951 ins knapp 60 Kilometer entfernte St. Peter-Ording, der Heimat von Richard Clausen, der in wenigen Wochen 99 wird. Dort eröffneten sie ein Jahr später eine Pension. 1949 war Tochter Erika auf die Welt gekommen, acht Jahre später wurde Tochter Ute geboren.

Bis 1981 war der gelernte Autoschlosser Richard Clausen im Meerwasserbad der Kurverwaltung für die Technik zuständig. "Es hat Spaß gemacht", sagt Gertrud Clausen über ihren Pensionsbetrieb mit neun Gästezimmern. Die Feriengäste hätten immer gesagt, dass man ihnen anmerke, dass sie das gerne machten, und die Clausens hatten über vier Jahrzehnte viele Stammgäste. 1995 gaben sie altersbedingt den Betrieb auf – und zogen zu ihrer Tochter Ute, die im Studienort Freiburg sesshaft geworden war, und zur damals vierjährigen Enkeltochter. "Das war keine schwere Entscheidung", sagt Gertrud Clausen über den Umzug 1000 Kilometer gen Süden. "Wir sind ja nicht ins kalte Wasser gesprungen", sie hätten Freiburg von Besuchen gekannt – und von Anfang an gemocht. "Schön warm ist es hier und schön grün", schwärmt Gertrud Clausen. Neu waren für sie natürlich die Berge: "Ich bin ja eher eine Flachlandtirolerin", sagt die 91-Jährige und lacht.

Seit 22 Jahren wohnen die Clausens in einem Mehrfamilienhaus in der Gallwitzstraße. Unterstützt werden sie im Alltag vom Sozialdienst, einer Putz- und der Nachbarschaftshilfe. "Wir bleiben hier, na klar", antwortet der 98-jährige Richard Clausen auf die Frage nach betreutem Wohnen oder Seniorenwohnheim. Schade finden die Clausens, dass es die Studenten-WGs im Haus nicht mehr gibt.

Autor: Frank Zimmermann