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25. März 2009
Kommunalwahl 2009
Vorgestellt: Kommunalwahl-Kandidaten mit Migrations-Hintergrund
So unterschiedlich wie ihre Herkunft: Auf fast allen Listen zur Kommunalwahl 2009 treten Kandidaten an, die nicht-deutsche Wurzeln haben.
Lange war er "der bayerische Türke". Seinen bayerischen Akzent hat Ibrahim Sarialtin mit nach Freiburg und zu den Grünen gebracht, als er vor fünf Jahren hierher zog. Davor: Neun Jahre Kindheit in der Türkei, wo er 1967 in Ankara geboren wurde, dann viele Jahre in Puttenhausen. Dieses Dorf zwischen München und Regensburg hat, so klein es ist, etwas gemeinsam mit dem großen Berlin – viele türkische Migrantinnen und Migranten.
Da wuchs Ibrahim Sarialtin auf, ein "Gastarbeiter"-Kind wie viele andere, in einer Umgebung mit reichlich Industrie, die Jobs bot. Und wie viele andere landete er bei BMW, wurde KFZ-Mechaniker. Ein "glücklicher Zufall", denn selbstverständlich sei es damals nicht gewesen "für einen Türken in Bayern", einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Später hat er sich weiter gebildet, wurde "Automobil-Serviceberater", lebte in München und von 2000 bis 2002 wieder in der Türkei. Seine Frau wollte zurück nach Deutschland, befürchtete, sonst mit den drei Kindern, die zwischen 16 und 20 Jahre alt sind, nicht mehr einreisen zu können. Mittlerweile ist Ibrahim Sarialtin Deutscher – sonst könnte er als Nicht-EU-Ausländer gar nicht für den Gemeinderat kandidieren – und nach 25 Jahren bei BMW zu Audi gewechselt. Doch sein Leben war nie aufs Berufliche beschränkt: Mit zehn Jahren fing er an, Fußball zu spielen, mit 15 begann er Taekwondo und gründete eine Schule, aus der zwei Weltmeister hervorgingen. Außerdem spielt er Saz, die türkische Gitarre, hat einen Alevitenverein mit ins Leben gerufen und kam so mit dem Grünen-Politiker Cem Özdemir in Kontakt, der dort als Redner auftrat. Dass einer, der sich so unermüdlich engagiert – in Freiburg war er unter anderem Vorsitzender des türkischen Kulturvereins "Türk.Hog" – irgendwann in der Politik landet, erstaunt kaum. Seit sechs Jahren ist er Grüner, kandidiert jetzt auf einem aussichtsreichen vierten Platz. Als Stadtrat möchte er Migrantenvereine stärken, und generell Vereine: "Das ist die beste Integration."
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Roberto Alborino
war der Vorreiter. Vor acht Jahren zog er als erster Stadtrat ohne deutschen Pass in den Freiburger Gemeinderat ein. In seiner Partei, der SPD, war er Nachrücker für den zum Sozialbürgermeister aufgestiegenen Ulrich von Kirchbach. Deutscher Staatsbürger ist der Italiener Roberto Alborino, 59 Jahre alt, nie geworden – obwohl es ihn ärgert, dass er nicht an Bundestagswahlen teilnehmen kann. Sonst aber hat sich seit 2001 viel getan: Plötzlich kandidieren parteienübergreifend bis hin zur CDU Zugewanderte mit und ohne deutschen Pass. Roberto Alborino findet das gut.
Das Thema liegt ihm am Herzen: Seit er 1970 zum Sozialpädagogik-Studium nach Freiburg kam und 1976 bei der Caritas hängen blieb, wurde er Experte in Sachen Migration. Er ist Leiter des Referats für Migration beim Deutschen Caritasverband, war gerade zwei Jahre Vorsitzender des Fachausschusses Migration der Bundesarbeitsgemeinschaft für freie Wohlfahrtspflege und früher 14 Jahre lang Vorsitzender des einstigen Freiburger Ausländerbeirats. Doch Migrationsexperte hin oder her, falls er in den Gemeinderat einzieht, will er nur eines sein, ein "politisch interessierter Bürger, der etwas für seine Stadt tut." Diesen Vorsatz nahm der Mann, der "noch nie konservativ war" und vor 15 Jahren zur SPD stieß, so ernst, dass er sich als Stadtrat mit dem Flughafen und der Abfallwirtschaft beschäftigte und im Sozial- und Bildungsausschuss saß – den Migrationsausschuss aber überließ er Kollegen. Das würde er künftig ähnlich halten. Mit Wohnungs- und Bildungspolitik will er sich beschäftigen und mehr "Vielfalt" in eine "offene Stadt" bringen, die sich gegen jede Benachteiligung richten sollte – längst nicht nur der von Migranten. Das passt für ihn zu seinem politischen Weg, der bei einer Schülerzeitung begann. Es gab Vorbilder: Der Großvater ein Kommunist, der abends den Rosenkranz betete, die Großmutter im antifaschistischen Widerstand.
Sylvie Nantcha
Als sich Sylvie Nantcha bei den CDU-Seniorinnen und -Senioren vorstellt, taucht eine ungläubige Frage immer wieder auf: "Schaffen Sie das denn auch alles?" Da kontert Sylvie Nantcha, 34, vor 17 Jahren zum Germanistik-Studium aus Kamerun nach Freiburg gekommen, souverän: "Das ist ein Grund, warum ich in den Gemeinderat will – damit diese Frage verschwindet." Denn die Mutter von drei Kindern zwischen fünf und neun Jahren, die über die Darstellung Afrikas in deutschsprachigen Reisebüchern promoviert und die internationale Graduierten-Akademie an der Uni mitaufgebaut hat, will sich nicht von konservativen Frauenbildern bremsen lassen.
Statt dessen tritt sie an für kostenlose Vorschuljahre in Kindergärten und einen konsequenten Ausbau aller Betreuungsangebote. Und doch: Auch bei weniger "modernen" Parteikollegen kann sie punkten, wenn sie auf ein "lebendiges Miteinander der Generationen für eine saubere und sichere Stadt" pocht. Da erzählt Sylvie Nantcha dann gern von der Großfamilie mit sieben Geschwistern, in der sie in Kamerun aufwuchs, und dem engen Zusammenhalt auch über die Kontinente hinweg. Zum Beispiel nach der Geburt ihrer Kinder, als ihre Mutter für einige Zeit zur Unterstützung zu Besuch kam. Daran lässt Sylvie Nantcha keinen Zweifel: Ihre Eltern sind ihre Vorbilder. Der Vater, aus einer armen katholischen Familie, hat drei Hotels aufgebaut, die Mutter trotz ihrer vielen Kinder als Erwachsene noch einen Schulabschluss und die Ausbildung zur Hotelfachfrau nachgeholt. Und mehr Orientierung an den Erfahrungen der Älteren und gegenseitige Hilfe wie in afrikanischen Großfamilien wünscht sie sich auch für Freiburg: "Das klappt nicht nur in Kamerun."
Ergün Bulut
Wenn es so etwas wie eine Migrantenkarriere gibt, dann hat Ergün Bulut, 33 Jahre alt, ganz unten angefangen: Als Flüchtling aus der Türkei, auf viereinhalb Quadratmeter Flüchtlingsunterkunft begrenzt, eine ungewisse Zukunft vor sich. Schritt für Schritt ging’s in den vergangenen zwölf Jahren voran – jetzt ist er frisch fertig studierter Sozialpädagoge, Vater der acht Monate alten Simal und Kandidat der Linken Liste. Dazwischen viele Etappen. Zum Beispiel der Umzug aus der Flüchtlingsunterkunft an der Bissierstraße in eine Wohngemeinschaft im "selbstverwalteten unabhängigen Siedlungsprojekt" (Susi) in Vauban, wo er mit mehreren Erwachsenen und drei Kindern lebt – darunter seine deutsche Frau und die kleine Tochter. Oder das jahrelange Jobben parallel zur Abendschule, wo er den Realschulabschluss und das Fachabitur nachholte, weil sein türkischer Schulabschluss nur als Hauptschulabschluss anerkannt wurde. Oder das Engagement in den muttersprachlichen Redaktionen von Radio Dreyeckland und für Flüchtlinge im "Mini-Rasthaus", später bei der "Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft", im Migrantinnen- und Migrantenbeirat und schließlich gegen den Verkauf der städtischen Wohnungen.
Dabei wurde ihm klar: Er will seinen deutschen Pass nutzen, ein Sprachrohr sein für alle, die keine Wahl haben. Zum Beispiel die vielen Mieter in Stadtbau-Wohnungen, die beim Bürgerentscheid wegen ihrer Nationalität kein Stimmrecht hatten. Seine Ziele? "Ein besseres Leben für Migranten, Arbeitslose, Geringverdiener, Alleinerziehende." Dazu gehört ein Wandel in der Wahrnehmung der angeblich "Schwachen" hin zu ihren vielen Stärken. Da fühlt er sich in der "bunten Basisbewegung" der Linken Liste gut aufgehoben. In Basisbewegungen sieht er ohnehin die Lösungen für Probleme: Beispiel Mietshäusersyndikat.
Autor: Anja Bochtler


