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31. Juli 2009

Was schützt Kinder vor den Gefahren des Internets?

Bundestagskandidaten und Medienexperten diskutierten über Kinderrechte und Zensur / Freiburger Schüler wird Mobbing-Opfer

  1. Bist du schon drin? Die Startseite des Portals Schüler-Vz. Foto: Screenshot

Schlimme Erfahrungen mit dem Internet hat ein 15-jähriger Schüler eines Freiburger Gymnasiums gemacht. Seine Mutter, die keine Namen genannt haben will, erzählt der BZ seine unglaubliche Geschichte. "Ich will niemanden an den Pranger stellen", erklärt sie ihre Motivation. "Ich möchte die Menschen wachrütteln. Die meisten denken: So was passiert nur anderswo. Aber es passiert hier in unserer Stadt, vor der eigenen Haustür." Wie Kinderrechte im Internet besser geschützt werden können, diskutierten Bundestagskandidaten und Fachleute am Dienstag bei einer Veranstaltung des Medienforums Freiburg.

Die Mutter des Schülers ist außer sich: Unter dem Namen ihres Sohnes habe ein Klassenkamerad, von dem er schon seit geraumer Zeit gemobbt werde, im Mai einen Account beim Internetportal Schüler-VZ eröffnet und nicht nur Adresse und Telefonnummer des Sohnes veröffentlicht, sondern ihm auch noch ein herabwürdigendes Profil angedichtet: Namen von Lehrern und Schülern, die er angeblich hasst, seien genannt, als Kommunist sei er vorgestellt worden; dazu ein obszönes Bild von Sex mit Tieren und die Bemerkung: "Ich bin geboren, um gemobbt zu werden."

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Die Mutter versteht die Welt nicht mehr: "Das können doch Schüler, Eltern, Lehrer überall in Deutschland lesen!" Von Schüler-VZ hatte sie bis dato nichts gewusst. Ihr Sohn selbst hatte gar keinen eigenen Zugang zu dem Portal. Umso überraschter sei er gewesen, als vergangene Woche ein 12-jähriges Mädchen aus der sechsten Klasse einer anderen Freiburger Schule bei ihm zu Hause vor der Tür stand und behauptete, mit ihm verabredet zu sein.

Erst da flog der Schwindel auf: Der falsche Junge hatte unter dem Namen seines Opfers mit mehreren Mädchen angebandelt, die noch Kinder sind, und sie so manipuliert, dass sie sich in ihn verliebten – in einer primitiven Sprache, mit Dialekt-Einsprengseln, gespickt mit sexuellen Anspielungen: die "sexy Zaubermaus", das "geile Luder" wird mit eindeutigen Beschreibungen zum "PC-Sex" aufgefordert. Die Mutter des Mobbing-Opfers hat Anzeige erstattet. Ihr Sohn war für den Rest des Schuljahres nicht mehr in der Lage, die Schule zu besuchen.

Die grüne Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae forderte bei der von BZ-Autor Christian Rath moderierten Diskussion im SWR-Studio, Schülerinnen und Schülern schon im Grundschulunterricht den adäquaten Umgang mit Internetseiten wie Schüler-VZ beizubringen. "Die Mädchen schreiben da rein wie in ihr Tagebuch, ohne zu bedenken, dass es sich um einen öffentlich zugänglichen Raum handelt." Dass die Gefahren des Internets für Kinder überhaupt in den Blick der Öffentlichkeit geraten sind, schreibt Mechthild Maurer von der internationalen Kinderrechtsorganisation Ecpat auch dem im Juni verabschiedeten Gesetz zum erschwerten Zugang zu Kinderpornografie zu. Sie verspricht sich davon mehr Schutz für die Kinder – "als ein kleiner Baustein von vielen". 38 Prozent der 13-Jährigen seien durch das Internet bereits sexuell manipuliert.

Das neue Gesetz ist jedoch höchst umstritten. Nicht nur, dass die vom Bundeskriminalamt verfügten Internetsperren leicht zu umgehen sind, wie Softwareentwickler Hansjörg Pfister öffentlich demonstrierte. Familienministerin Ursula von der Leyen als Urheberin wird auch als "Zensursula" verspottet.

Die Gegner – im Publikum viele Mitglieder der Piratenpartei – fürchten wie Kerstin Andreae oder Dirk Spöri von der Linken um elementare Freiheits- und Bürgerrechte. "Die Büchse der Pandora wurde geöffnet", ist etwa FDP-Bundestagskandidat Sascha Fiek überzeugt, der von "aktionistischer Symbolpolitik" spricht. Weil eine "Sperrinfrastruktur" technisch etabliert worden sei, müsse damit gerechnet werden, dass auch andere unliebsame Inhalte auf den Index geraten.

CDU-Kandidat Daniel Sander erntete nur höhnisches Gelächter mit seiner Beteuerung: "Niemand denkt daran, andere Inhalte zu sperren." Wirklichen Kinderschutz versprechen sich die meisten davon, wenn beanstandete Seiten gelöscht statt gesperrt werden. Und selbst Walter Krögner von der SPD (die dem Gesetz zustimmte) hält es für besser, "die Täter konsequent zu verfolgen".

Autor: Anita Rüffer