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09. September 2011

"Wo kommt das Leben her?"

LEUTE IN DER STADT: Der Freiburger Naturwissenschaftler Carsten Bresch ist 90 Jahre alt.

  1. Carsten Bresch Foto: Schneider

Als Carsten Bresch vier Jahre alt war, erlebte er ein kleines Wunder: Er drückte auf einen unscheinbaren Schalter neben der Tür und es wurde auf einen Schlag hell im Wohnzimmer. "Das ging mein ganzes Leben so weiter: Plötzlich hatten wir so einen kleinen Apparat, aus dem nur Rauschen kam, und wenn man lang genug an einem Knopf drehte, hörte man eine Stimme. Nach dem Radio kam der Fernseher, irgendwann kaufte ich mir meinen ersten Macintosh und heute ist es soweit, dass man mit Facebook und Twitter sogar die Politik beeinflussen kann", erzählt der Physiker und Genetiker, der Ende der 60er Jahre über Berlin, Göttingen und das amerikanische Dallas nach Freiburg kam und hier an der Universität das Institut für Genetik aufgebaut hat. Am Montag wurde Carsten Bresch 90 Jahre alt, und er ist dankbar für jede erlebte Minute – ganz im Geiste des wissenschaftlichen Selbstversuchs: "Diese neun Jahrzehnte", schwärmt Bresch, "geben mir eine wertvolle Übersicht über die intellektuelle Entwicklung der Menschen."

Der gebürtige Berliner sitzt entspannt in einem schlanken Sessel in seiner Wohnung auf dem Lorettoberg, die schlohweißen Haare sind zu einem Zopf gebunden. Er spricht mit fester Stimme, seine Augen blitzen, wenn er auf die künstlich erzeugte Angst vor genmanipulierten Nahrungsmitteln schimpft. Und sie beginnen zu strahlen, wenn er von seinem derzeitigen Forschungsinteresse erzählt: die Evolution. "Aber natürlich interessiert mich nicht, wie aus einer Amöbe ein Krokodil geworden ist, das ist bekannt und langweilig. Viel spannender ist doch: Wo kommt das Leben her und wo geht es hin?", sagt Bresch. Das wäre etwas, womit man den Biophysiker und Anhänger des französischen Theologen und Philosophen Pierre Teilhard de Chardin wirklich noch überraschen könnte: eine neue Theorie zur Entstehung des Universums.

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Bekannt geworden ist Bresch durch seine Arbeiten mit Bakteriophagen. Im Internetlexikon Wikipedia steht, er habe diese Viren als Forschungsobjekte in die deutsche Genetik eingeführt. "Das ist albern, man sollte diesem Internet nicht alles glauben", ärgert sich Bresch. Vielmehr habe ihn als Schüler Max Delbrücks ein Vortrag über die Chancen, mit Bakteriophagen die Grundlagen der Biologie zu verstehen, derart begeistert, dass er die Forschung begonnen habe. Die daraus gewonnen Erkenntnisse für die Wissenschaft allerdings, und da hat das Internet nun einmal Recht, sind tatsächlich sein Verdienst. Genau so wie sein viele Jahre lang als Standardlehrbuch geltendes Werk "Klassische und molekulare Genetik". Doch fragt man Bresch nach dem, worauf man nach 90 Jahren stolz sein will, ist er bescheiden. "Ich war immer mehr Lehrer als Forscher, ich habe zwei Theorien widerlegt, ja, aber damit machen Sie sich in der Wissenschaft ja nicht unbedingt Freunde", schmunzelt Bresch.

Als er frisch aus den USA kam und die Freiburger Genetik aufbaute, gestaltete er sie im amerikanischen Stil: Den jungen Wissenschaftlern wurden viele Freiheiten gegeben, sie sollten Raum haben für selbständiges Arbeiten, etwas, das Bresch in der deutschen Wissenschaft vermisste.

Der Blick, stellt Bresch halb bedauernd, halb akzeptierend fest, wird im Alter enger: "Wäre ich zehn Jahre jünger, ich hätte eine Facebook-Gruppe und würde dort Theorien diskutieren." So begnüge er sich mit dem Schreiben von Aufsätzen. Vergangenes Jahr ist sein Buch "Evolution – Was bleibt von Gott?" erschienen. Glaubt er, der Naturwissenschaftler, an Gott? "Ich kann weder Existenz noch Nichtexistenz beweisen. Aber ich bin ein Infragesteller. Und das bis zum Schluss."

Autor: Claudia Füßler