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06. April 2013

BZ-Serie

Wohnen in Freiburg: Comeback der Vorzeigeobjekte

BZ-SERIE (TEIL 12): In Weingarten schafft die Stadtbau ohne neue Grundstücke neuen Wohnraum – drittes Hochhaus in Passivhausbauweise.

  1. Else Friemann mit Stadtbau-Chef Ralf Klausmann Foto: Thomas Kunz

Wer nach 45 Jahren in derselben Wohnung noch einmal umzieht, den befällt in der Regel Wehmut. Heimweh? Wehmut? "Das kenne ich nicht", sagt Else Friemann. Die 84-Jährige hatte 1968 mit Mann und Sohn eine Drei-Zimmer-Wohnung im zehnten Stock eines Neubaus in der Bugginger Straße 2 bezogen. In Weingarten in einem Hochhaus zu wohnen war für sie damals eine große Umstellung, zuvor lebten die Friemanns in einer Villa im Stadtteil St. Georgen.

In den 60er Jahren, sagt Ralf Klausmann, Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Freiburger Stadtbau (FSB), seien die Hochhäuser in Weingarten Vorzeigeobjekte gewesen. "Das waren damals supermoderne Wohnungen – hell, preiswert, hoch". Weingarten ist der Stadtteil, in dem die FSB die meisten Wohnungen hat – 2500 von insgesamt 10 800, die die FSB insgesamt besitzt oder verwaltet. Klausmann will eine bessere soziale Durchmischung des Stadtteils, um dessen Imageproblem er weiß. Er sagt aber auch: "Weingarten ist besser als sein Image."

Wie es sich dort 45 Jahre gelebt hat? Else Friemann überlegt kurz. "Es war okay", sagt die 84-Jährige. Euphorie klingt anders. Friemann zählt die negativen Punkte auf, die sie veranlassten, dem Haus nach 45 Jahren ohne großes Bedauern den Rücken zu kehren. Hellhörig sei es gewesen, jede Spülung des Nachbarn habe sie gehört, und was sich so im und vor dem Haus alles abspielte hygienisch und in Sachen Lärm, gefiel ihr auch nicht. So zog sie im vergangenen November mit ihrem Mann in eine nahe gelegene Neubauwohnung der FSB in der Bugginger Straße 87. Mit der neuen Bleibe im vierten Stock ist sie sehr zufrieden, sie sei ruhig, bequem und gut ausgestattet – sie ist zwar deutlich kleiner, aber insgesamt günstiger; 425 Euro – rund 150 weniger – zahlt das Ehepaar Friemann jetzt. Else Friemanns Fazit: "Das war für mich der richtige Schritt."

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Zum Umzug hatte sie sich schon entschieden, bevor ihre Vermieterin, die FSB, an alle 90 Mietparteien des 16-stöckigen Hauses herantrat mit der Bitte auszuziehen – Rückkehrrecht inklusive. Der Grund: Die Bugginger Straße 2 ist nach Hochhäusern Bugginger Straße 50 und Binzengrün 9 das dritte Gebäude, das die Stadtbau in ein Passivhochhaus umwandelt. Ende Februar sind die letzten Mieter ausgezogen, in dieser Woche haben die Bauarbeiten begonnen. Ein riesiger blauer Autokran signalisiert, dass der Umbau des mehr als 40 Meter hohen Hochhauses begonnen hat; ein zweiter Kran wurde am Donnerstagvormittag geliefert. Das Haus wird nun in eine Art Rohbau zurückversetzt, nur ein Gerippe bleibt stehen. Anschließend wird es komplett neu gedämmt und dreifach verglast und erhält eine neue Haustechnik. "Das ist dann quasi ein Neubau, die Substanz ist ja nicht schlecht", sagt Klausmann. Ein Wärmetauscher auf dem Dach entnimmt der Abluft die Wärme und führt diese wieder der Frischluft zu. "Die Bewohner werden weite Teile des Jahres keine Heizung brauchen", erklärt Projektleiterin Renate Bräu von der FSB.

Die energetische Sanierung (und damit verbundene Senkung der Energiekosten) ist die eine Errungenschaft. Die andere ist, dass die Stadtbau mangels vorhandenen Baulands zusätzlichen Wohnraum schafft, indem sie die Wohnungsgrundrisse verändert: Aus 90 werden 135 Wohnungen oder anders gesagt: aus 7200 werden 8900 Quadratmeter Wohnfläche, was einen Zuwachs von fast 25 Prozent bedeutet. Das funktioniert zum einen, indem die Balkone zu Wohnflächen werden, bei Verkehrsflächen (Treppen) etwas gespart wird und neue Balkone außen angebracht werden. Zum anderen entsteht ein neuer Anbau. Die Zwei-Zimmer-Wohnungen werden kleiner, dafür verdoppelt sich ihre Zahl von 45 auf 90. Reduziert wird die Zahl der 3-Zimmer-Wohnungen (von 45 auf 30), dafür entstehen Vier-Zimmer-Wohnungen, die es bisher gar nicht gab, insgesamt 15.

16,2 Millionen Euro inklusive der Kosten für die Kita Wirbelwind, die seit 1987 im Haus ist und mehr Raum bekommt, lässt sich die FSB die Sanierung kosten. Finanzierbar wird sie mit Mitteln des Förderprogramms "Soziale Stadt", das rund 35 Prozent der Kosten abdecken soll. Davon steuern Bund und Land 60 Prozent bei, den Rest die Stadt. Ohne diese Förderung würde es nicht gehen, sagt FSB-Geschäftsführer Klausmann. Ein Neubau in dieser Größe sei wirtschaftlich aber keine Alternative. Allein der Abriss würde zwei bis drei Millionen kosten, rechnet er vor – "und dann ist noch keine Wohnung neu gebaut". Zudem würde man heute anders als in den 60er-Jahren weniger Wohnfläche auf einem Grundstück dieser Größe unterbringen, und es müssten heutzutage mehr Stellplätze ausgewiesen werde, erklärt Projektleiterin Bräu.

Im Herbst 2014 soll die Bugginger Straße 2 fertig saniert sein. Dass – Rückkehrrecht hin oder her – viele Mieter dorthin zurückkehren, ist unwahrscheinlich. Denn so wie die Friemanns haben sich die meisten Mieter durch den Umzug nicht verschlechtert – 80 Prozent sind in sanierte oder neue Häuser, die meisten davon in der Nachbarschaft, umgezogen.

Alle bisher erschienenen Artikel unter http://mehr.bz/ wohnen-in-freiburg

Autor: Frank Zimmermann