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30. September 2013

Jüdische Geschichte

Wurden in Freiburg die Weichen für den Staat Israel gestellz?

Bei einem Vorkongress 1905 im Freiburger Kornhaus wurde die Idee eines zionistischen Staates in Palästina geboren.

  1. Erstaunliches über das jüdische Leben in Freiburg wusste beim Europäischen Tag der Jüdischen Kultur Ruben Frankenstein (Mitte) zu berichten. Foto: Rita Eggstein

Was hat Freiburg mit der Entscheidung für die Ansiedlung des Staats Israel in Palästina zu tun? Und mit der Gründung des ersten Kibbuz deutscher Juden in Israel? Am Sonntag, beim Europäischen Tag der Jüdischen Kultur, führte der Germanist und Judaist Ruben Frankenstein auf solche "zionistische Spuren in Freiburg". Die Jüdische Gemeinde präsentierte noch etliche andere Veranstaltungen, unter anderem eine Ökologie-Diskussion mit Vergleich von Freiburg und Tel Aviv, passend zum diesjährigen Motto "Kultur und Natur".

Am Münsterplatz bahnte sich die spätere Entscheidung für Palästina an. Denn dort im Kornhaus versammelten sich vor der Tagung des Zionistischen Weltkongresses Ende Juli 1905 in Basel rund 200 russische Juden zu einem Vortreffen. Rund 30 Menschen stehen nun mit Ruben Frankenstein vor dem Kornhaus und hören gebannt zu, wie er sehr lebendig erzählt: Bei dem Kongress in Basel ging es um das Angebot der britischen Regierung, den Staat Israel im ostafrikanischen Uganda zu gründen, Uganda war damals eine britische Kolonie. Der Zionismus, benannt nach dem Hügel Zion in Jerusalem, hatte sich aus den Erfahrungen mit dem zunehmenden Antisemitismus entwickelt, unter anderem stark beeinflusst von antijüdischen Pogromen in Russland. Im Zentrum stand die 1896 erschienene Broschüre "Der Judenstaat" des Journalisten Theodor Herzl. Doch die russischen Delegierten beim Kongress in Basel waren gegen den Uganda-Plan. Sie besprachen ihre Strategie vorher in Freiburg und legten in Basel mit ihrem Veto den Grundstein für eine Orientierung Richtung Palästina. Mit dabei im Kornhaus war damals auch Richard Lichtheim, der spätere Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Er studierte im Sommersemester 1905 in Freiburg Medizin. Ruben Frankenstein liest aus seinen Erinnerungen vor. Sein Publikum staunt: "Dass es hier solche Spuren gibt, ist mir völlig neu", sagt Marianne Eucken. Sie interessiert sich für jüdische Kultur, auch deshalb, weil ihre Großmutter Jüdin war und den Nationalsozialismus untergetaucht in Berlin überlebte.

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Es gibt noch mehr Erstaunliches zu entdecken: Die Villa Mozartstraße 30 wurde von einem der aktivsten Zionisten in Freiburg gebaut, erzählt Ruben Frankenstein, nämlich von dem Ingenieur Konrad Goldmann, der 1907 nach Freiburg zog, er war Besitzer der Fabrik "Freiburger Draht- und Kabelwerke" an der Wentzingerstraße. Als überzeugter Zionist wollte er die überwiegend akademischen Juden auf das Leben im Kibbuz vorbereiten und gründete mit einem Verein ein landwirtschaftliches Lehrgut in Kirchzarten, den Markenhof. Dort entstand auch ein Gebetssaal mit den Fensterbildern "Die zwölf Stämme Israels" des Künstlers Friedrich Adler, die inzwischen in Tel Aviv sind. 1921 etablierte sich auf dem Hof eine Gruppe, die später den ersten Kibbuz deutscher Juden in Palästina aufbaute: Nach einem Umzug siedelte sie sich 1927 nahe am See Genezareth an. In der Villa in der Mozartstraße lebte Konrad Goldmann mit seiner Familie, er musste Haus und Fabrik wegen Finanzproblemen verkaufen. Konrad Goldmann wurde nach seiner Flucht nach Frankreich im Sammellager Drancy bei Paris ermordet.

Autor: Anja Bochtler