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03. Juni 2017

Zukunftstrend Altersarmut

31 Organisationen kämpfen im "Bündnis gegen Armut im Alter" für Renten, die zum Leben reichen.

  1. Aktionstag: Gewerkschaftsmitglieder verteilten Forderungen für eine existenzsichernde Rente. Foto: I. schneider

Hilft der derzeitige Mindestlohn gegen Altersarmut? Kein bisschen: Wer den Mindestlohn erhält, müsste 58,7 Jahre lang arbeiten, um auf ein Rentenniveau zu kommen, das der Grundsicherung entspricht, verdeutlicht Pia Federer, die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Freiburg. Am Aktionstag gegen Altersarmut verteilten Gewerkschaftsmitglieder Infos mit Forderungen für eine existenzsichernde Rente. Und der Paritätische Wohlfahrtsverband lud ein zur Veranstaltung "Bündnis gegen Armut im Alter – Rente muss für ein Leben in Würde reichen".

Etliche Prognosen beim Thema Altersarmut für die Zukunft sind alarmierend, bilanziert Hermann Frank vom Paritätischen Landesverband Baden-Württemberg: Die ARD-Tagesschau vermeldete Ende 2016, dass 52 Prozent der derzeitigen Arbeitnehmer im Alter weniger als 795 Euro gesetzliche Rente zu erwarten haben. Um zumindest das Grundsicherungsniveau zu erreichen, muss jemand 38 Jahre lang arbeiten und dabei ohne Unterbrechung ein Bruttogehalt von 2330 Euro verdienen.

Im Vergleich dazu geht’s heutigen Rentnern gut, für alle aber gilt das nicht: Bei den 65-Jährigen liege die Armutsquote in Baden-Württemberg derzeit bei 15,9 Prozent, sagt Hermann Frank. Sie haben höhere Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung als künftige Generationen – und ihre Erwerbsbiografien verliefen meist konstanter als heute üblich. Etliche bekommen zusätzlich Betriebsrenten oder konnten sich Eigentum anschaffen. Ältere Frauen sind zudem mehrheitlich durch ihre Männer abgesichert.

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Doch wie wird es sein, wenn in einer Gesellschaft mit immer flexibleren, brüchigeren, individualisierten Lebensläufen solche Faktoren wegbrechen? Klar sagen könne das niemand, sagt Hermann Frank – Teil des Problems sei, dass es zu wenig verlässliche Studien gebe. Darum fehlen auch Zahlen, wie sich die Lage in Freiburg entwickeln wird. "Aber ich weiß, dass viele unserer Freiburger Mitglieder nicht mehr als 2500 Euro brutto verdienen", sagt Franz-Xaver Faißt von der Gewerkschaft Verdi, die mit insgesamt 31 Organisationen das "Bündnis gegen Armut im Alter" trägt.

Nach 40 Jahren Arbeit bekämen sie 901 Euro Rente, 100 Euro würden für die Sozialversicherung abgezogen: "Wie sollen sie mit 800 Euro angesichts der Freiburger Mieten leben?" Besonders gefährdet seien alle, die während ihres gesamten Lebens vor der Rente mit wenig zurechtkommen müssen, betont Petra Krug von "Pro Familia": Alleinerziehende und alle, die nicht übermäßig viel verdienen. Sie können kaum privat vorsorgen: "Denn das setzt ja ein bestimmtes Einkommen voraus", sagt Uwe Würthenberger vom Sozialverband VdK. Umso mehr fordert das Bündnis gegen Altersarmut, dass das von 55 auf 43 Prozent des Nettolohns zusammengeschrumpfte gesetzliche Rentenniveau wieder steigen muss.

Autor: Anja Bochtler