Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
04. März 2009 09:24 Uhr
Informationsveranstaltung
Altlast Kappel: Zwei Sanierungsfälle, eine Lösung
Experten und Behördenvertreter stellen den Sanierungsplan von Baden-Württembergs größter Altlast vor. Die Idee, eine Altlast auf die andere zu transportieren, stößt bei vielen Anwohnern auf Skepsis.
Er fühle sich auf der falschen Veranstaltung, sagte der 82-jährige Kappler Ortschaftsrat Fred Epstein von der Grünen Liste. "Uns brennt etwas ganz anderes unter den Nägeln." Stadtplanerin Cordula Intrup hatte in der Informationsveranstaltung am Montagabend soeben ihre Ideen für das vorerst letzte große Baugebiet in Freiburgs östlichem Stadtteil Kappel vorgestellt. Zwei Varianten, jeweils mit zweigeschossigen Doppelhäusern, dreigeschossigen Mehrfamilienhäusern, insgesamt 80 Wohneinheiten, Quartiersplatz und Spielplatz. Interessiert hatten die fast 200 Bürgerinnen und Bürger die Modelle am Halleneingang begutachtet. "Wir wollten aber etwas ganz anderes hören", sagt Fred Epstein und bekommt viel Applaus. Denn bevor das 2,4 Hektar große Areal zur Grenze von Kirchzarten-Neuhäuser zum Baugebiet wird, muss es saniert werden. Nur: Wie das gehen soll, ist umstritten (die BZ berichtete mehrfach).
Zuletzt betrieb die Stolberger Zink AG das Bergwerk. 1954 wurde es geschlossen – und hinterließ schwermetallhaltige Abraumhalden. Die großen liegen auf Kirchzartener Gemarkung, die kleine auf Kappler Boden ist gefährlicher, weil nah am Grundwasser. Bislang überwog in der Öffentlichkeit der Eindruck, als gebe es nur in Kappel einen Sanierungsfall. Doch auch Kirchzarten hat ein Problem, wie in der Informationsveranstaltung deutlich wurde. So lagern allein auf der flachen Halde Richtung Osten rund 220 000 Tonnen verseuchtes Erdreich und 2500 Tonnen Schwermetalle – sechsmal so viel wie in Kappel, berichtete der Altlastenexperte Thomas Osberghaus. In den frühen 80er Jahren, so erzählen Anwohner, ergoss sich eine braune Pampe vom Hang in ihre Vorgärten.
Werbung
Seit 25 Jahren scheitern Sanierungspläne regelmäßig an Eigentums- und Geldfragen. Weil der Ebneter Schlossherr Nikolaus von Gayling am 4. Dezember das Kappler Areal für 430000 Euro in der Zwangsversteigerung erworben hat, sieht die Freiburger Bau- und Umweltverwaltung überhaupt erst wieder eine Chance. Nun haben Behörden und von Gayling eine alte Idee recycelt: Das Erdreich aus Kappel soll auf die nahe gelegene Halde in Kirchzarten gebracht werden. Beide Flächen gehören von Gayling. "Es geht uns nicht darum, den Dreck nach Kirchzarten zu fahren", versichert der städtische Baureferent Norbert Schröder-Klings. Das sieht auch das Landratsamt so. Fachbereichsleiter Klaus Heinrichsmeier sieht die Chance, eine Fläche altlastenfrei zu bekommen und die benachbarte endlich nach dem Stand der Technik abzudecken und zu rekultivieren. Das sei auch umweltfreundlicher als das Erdreich auf eine weit entfernte Sondermülldeponie zu karren, erklärt der Altlastensachverständige Osberghaus. Man spart ein halbes Jahr lang den CO2-Ausstoß von täglich etwa 40 Lkw-Fahrten.
Was Experten und Beamte für das Ei des Kolumbus halten mögen, ist für die Anwohner von Kappel und Neuhäuser eine Horrorvorstellung: eine Deponie direkt vor der Haustür. Dagegen wehrt sich eine Interessengemeinschaft mit rund 80 Mitgliedern. Deren Sprecher Jürgen Fiederlein, Leiter der Gehörlosenschule in Stegen, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Problem und konfrontiert den dutzendfachen Sachverstand auf dem Podium mit unangenehmen Fragen. Wer haftet, wenn die Deponie doch rutscht? Wie können die Daten der uralten Gutachten heute noch Gültigkeit haben? Warum hat die Stadtverwaltung schon an Bebauungsplan und Sanierungsplan gearbeitet, bevor Nikolaus von Gayling den Zuschlag bei der Zwangsversteigerung bekam? Warum hat die Stadt Freiburg das Grundstück nicht selbst gekauft? Ist der Deal nicht eine Symbiose zwischen Stadt und Investor, um die geschätzten Sanierungskosten von etwa vier Millionen Euro über die künftigen Grundstückseigentümer zu holen? Da fragt sich ein Vater durchaus zu Recht, ob denn die Häusle für die gewünschten jungen Familien überhaupt bezahlbar sein werden. Die meisten Antworten sind zwar schlüssig, doch die Kritiker lassen sich davon nicht überzeugen. Sie verlangen – mit Erfolg – an den weiteren Verfahrensschritten beteiligt zu werden.
Von Gayling hat mit der Rottenburger "Dr. Eisele Planungs- und Projektentwicklungsgesellschaft" einen Vertrag abgeschlossen, wonach sie das Grundstück kaufen und in ein Baugebiet verwandeln wird – wenn die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Gerhard Eisele selbst ist überrascht, dass niemand in der Halle ihn nach seinen Zielen fragt. Er hat an bombenfesten Gutachten "ein mindestens ebenso großes Interesses wie Sie", teilt er den Zuhörern mit. "Schließlich gehen wir voll ins Risiko." Und als Knackpunkt im Dialog mit den Anwohnern sieht er drei Punkte: die Standsicherheit, die Standsicherheit, die Standsicherheit. "Da werden wir etwas tun", kündigt er im Gespräch mit der BZ an.
Fotos: Die Bürgerinformation zur Kappeler Altlast
Zeitschiene: Die Chronik einer Altlast
Aktuelle Situation: Widerstand auf der Zielgeraden
Kommentar: Skandal als Dauerzustand
Hintergrund: Abenteuerspielplatz für Spekulanten
Autor: mac


