Missbrauch in der katholischen Kirche

Freiburger Erzbischof Burger fordert einheitliche Entschädigung für Missbrauchsopfer

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

So, 20. Januar 2019 um 17:35 Uhr

Südwest

Der Sonntag Menschen, die im Bereich des Erzbistums Freiburg sexuell missbraucht wurden, sollen nach "allgemeingültigen Kriterien" entschädigt werden. Bisher soll das Erzbistum etwa 1,3 Millionen Euro an Opfer gezahlt haben.

In der Frage der Entschädigungszahlungen für Menschen, die im Bereich des Erzbistums Freiburg von Geistlichen sexuell missbraucht wurden, hat Erzbischof Stephan Burger diese Woche eine einheitliche Regelung gefordert: "Wir brauchen allgemeingültige Kriterien als Richtschnur, denn es kann nicht sein, dass die Höhe der Hilfszahlungen im Gutdünken einiger weniger Personen liegt oder von der finanzielle Lage des einzelnen Bistums abhängt", sagte Burger.

Bisher hat das Erzbistum nach eigenen Angaben an Opfer, die zwischen 1946 und 2015 missbraucht wurden, rund 1,3 Millionen Euro ausgezahlt. Für Fälle aus den Jahren 2016 bis 2018 kamen 118 000 Euro hinzu. Darüber hinaus unterstützte das Erzbistum die Betroffenen mit 220 000 Euro für Therapien. Die von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragte und im September vorgestellte MHG-Studie – benannt nach den Orten der am Forschungskonsortium beteiligten Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen – hatte ergeben, dass zwischen 1946 und 2015 im Erzbistum Freiburg mindestens 442 Jungen und Mädchen von 190 Geistlichen missbraucht worden waren.

Bisher wurden nach Angaben des Bistums 170 Opfer entschädigt

Bis jetzt haben laut Bistumssprecher Michael Hertl rund 170 Personen einen Antrag auf Entschädigung für erlittenes Leid eingereicht und eine entsprechende Zahlung erhalten.

Bei der bezahlten Summe orientierte sich das Erzbistum bisher am Fonds "Sexueller Missbrauch im familiären Bereich", den die Bundesregierung im Mai 2013 aufgelegt hat: Dort stehen pro Person maximal 10 000 Euro zur Verfügung. In besonders schweren Fällen wie jenen in Oberharmersbach in der Ortenau, wo der Priester Franz B. zwischen 1968 und 1991 schätzungsweise 60 Kinder und Jugendliche teils auf schwerste Weise und teils über Jahre missbraucht hatte, erhielten Betroffene auch doppelt so viel.

An acht der bislang 22 bekannten Oberharmersbacher Missbrauchsopfer zahlte das Erzbistum vor Weihnachten nochmals 10 000 Euro aus, sodass einige von ihnen insgesamt 30 000 Euro bekamen. Die Zentrale Koordinierungsstelle der Deutschen Bischofskonferenz spricht auf Anfrage Empfehlungen aus, denen die 27 Diözesen folgen können, aber nicht müssen. Laut Pressesprecherin Daniela Elpers lagen die Empfehlungssummen zwischen 1 000 und 15 000 Euro.

Opfer reagiert enttäuscht

Das Spektrum der Erwartungen ist laut Erzbischof Burger sehr breit: Manche Betroffene wollen einfach über das erlittene Leid und ihre Lebensgeschichte sprechen und erwarten gar keine Entschädigung, andere sind froh über eine Unterstützung zur Bewältigung ihres Alltags, einige jedoch empfinden die bezahlte Summe als zu gering und reagieren mit Enttäuschung oder Wut.

Der Oberharmersbacher Raphael Hildebrand, dem Franz B. über Jahre sexualisierte Gewalt angetan hatte und dessen Anzeige den Fall letztlich publik machte, hat sich in mehreren Interviews empört und verbittert geäußert. "Ich bin enttäuscht", sagte er nach zwei Treffen mit Burger der Stuttgarter Zeitung , sowohl menschlich wie finanziell habe er sich mehr erwartet.

"An den Betroffenen wurden Verbrechen verübt, die nicht wieder gutzumachen sind", stellt der Erzbischof klar. Die Entschädigungen könnten das Leid niemals aufwiegen, sondern lediglich besondere Härten abfedern. "Es muss aber deshalb eine Festlegung der Leistungen geben, weil ich möchte, dass jedes Opfer eine vergleichbare und angemessene Entschädigung erhält und dass deren Höhe nicht von meiner oder anderer Leute Willkür abhängig ist", so Burger.

In Freiburg werden für die Entschädigungszahlungen laut Burger keine Kirchensteuereinnahmen verwendet: Das Geld stammt aus dem Vermögen des "Erzbischöflichen Stuhls", dessen Finanzierung mit der einer Stiftung vergleichbar ist. Sein Vermögen besteht vor allem aus Immobilien und Liegenschaften.

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