Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
28. Juli 2010 11:13 Uhr
Störfaktor
Freiburger warnen vor kinderfeindlichen Nachbarn
Spielende Kinder gegen lärmgeplagte Anwohner: Einst war Freiburg "Kinderfreundlichste Großstadt". Das hat sich geändert. Der Ärger nimmt zu. In Haslach steht jetzt ein Schild, das vor der kinderunfreundlichen Nachbarschaft warnt.
Familie Vögtle warnt mit einem Schild vor ihre Haustür in Haslach-Haid: "Vorsicht, kinderunfreundliche Personen im Nachbarhaus". Grund: Sohn Adrian darf auf dem Wiesenstück am Haierweg nicht mehr kicken. Im vergangenen Jahr blockierten Mitarbeiter des Garten- und Tiefbauamtes (GuT) die Fläche, die nicht als Bolzplatz ausgewiesen ist, mit drei Felsbrocken, in diesem Frühjahr kam noch ein Verbotsschild dazu. Anwohner hatten sich über Lärm beschwert und die Polizei gerufen.
"Wir spielen nicht mehr so oft wie früher", sagt der zwölfjährige Adrian Vögtle. Und sein Vater Ralph Vögtle klagt: "Mein Sohn überlegt sich, ob er rausgehen soll oder nicht, weil er vielleicht wieder angemotzt wird. Das kann nicht sein." Besonders für die jüngeren Kinder der Fußballtruppe sei es gut, wenn sie direkt vor der Haustür spielen könnten. So leiden auch die vier- und neunjährigen Söhne von Petra Riesterer unter dem Verbot. "Schade, dass die Kinder vertrieben werden", sagt die Mutter.
In Freiburg leben in jedem fünften Haushalt Kinder und Jugendliche, Ende 2009 waren es 33.155 Mädchen und Jungen bis 17 Jahre. Ihnen stehen 146 städtische Spielplätze, 49 Bolzplätze und acht Skateanlagen zur Verfügung. "Sie müssen unkontrolliert spielen können. Wenn Erwachsene das nicht sehen, machen sie einen großen Fehler", meint der Freiburger Soziologe Baldo Blinkert. Eine seiner Studien hat ergeben, dass bei ungünstigem Wohnumfeld Kinder zwischen fünf und neun Jahren nachmittags bis zu fünf Mal häufiger vor dem Fernseher sitzen.
Werbung
Auch Gabriele Daniel-Schnitzler vom Kinderschutzbund Freiburg hält es wichtig für die Entwicklung von Kindern, dass sie frei spielen können und dabei auch laut sein dürfen. "Das ist hinzunehmen", sagt sie. Warum dagegen angegangen wird, erklärt sie so: "Gegen viele Ursachen von Lärm lässt sich nicht viel machen. Gegenüber Kindern kann jeder seine Position behaupten."
In Tiengen sind es jedoch gerade Anwohner, die sich machtlos fühlen. Ihre Gärten grenzen unmittelbar an den Spiel- und Bolzplatz in der Arlesheimer Straße. "Ich wohne seit 20 Jahren hier und habe die Geräusche nie als störend empfunden. Vor zwei Jahren hat sich jedoch etwas verändert. Es kommen Kinder und Jugendliche, die sich anschreien, eine Menge Müll hinterlassen und einfach keine Rücksicht nehmen. Besonders schlimm ist das Geschepper, wenn Bälle gegen den Fangzaun prallen", schildert eine Anwohnerin.
Sie und sieben weitere Lärmgeplagten haben in Briefen an das GuT und den Tiengener Ortschaftsrat die Schließung zumindest des Bolzplatzes verlangt. Beide Plätze sind jedoch im Bebauungsplan festgesetzt. Das GuT ist nach Auskunft seines stellvertretenden Leiters Martin Leser allerdings um Milderung bemüht und strebt eine neue geräuschärmere Umzäunung des Bolzplatzes an, jüngst empfahl der Tiengener Ortschaftsrat Gerhard Gottschalk die Polizei zu rufen, sollte den Schildern gemäß nach 20 Uhr keine Ruhe einkehren. Deren Sprecher Ulrich Brecht rät jedoch, mit den Lärmverursachern ins Gespräch zu kommen und wenn nötig einen Moderator, etwa den Ortsvorsteher, einzuschalten. "Wenn ein solcher Versuch scheitert, kann man mich als Vermittlerin rufen", sagt Andrea Wagner vom Kinderbüro, die schon Konfliktlösungen erreicht hat.
Einen Moderationsversuch hat auch der Bürgerverein Unter- und Mittelwiehre im Konflikt um die Nutzung einer kleinen Wiese am Goetheplatz gestartet. Kinder dürfen dort zu vereinbarten Zeiten spielen und die Nachbarn haben die Telefonnummern von Eltern erhalten. "Es ist ein Testlauf", betont die stellvertretende Vereinsvorsitzende Monika Dyllick-Brenzinger. Ein Kompromiss wurde auch in Herdern gefunden. Zwar hat die Stadtverwaltung als Reaktion auf die Klageandrohung eines Anwohners ein abschließbares Tor in die Umzäunung des Fußballplatzes an der Weiherhof-Grundschule einbauen lassen. Es bleibt aber vorerst offen, und Schilder regeln die Spielzeiten.
Mit dem Abbau einer Röhrenrutsche endete hingegen ein Konflikt in Landwasser. Nach der Neugestaltung des Spielplatzes am Habichtweg kamen mehr Kinder als zuvor. Besonders die Rutsche sorgte für Ärger. Eltern wie Martin Lutz beklagen: "Es hat uns bestürzt zu erleben wie die Anwohner triumphiert haben, als sie wegkam." Die Rutsche wurde jüngst auf einem anderen Spielplatz am Moosweier wieder aufgebaut und am Habichtweg soll ein Gerät erstellt werden, das sich eher an kleinere Kinder richtet.
Darauf angesprochen, sagt Martin Leser: "Es ist nicht so, dass wir auf jede Beschwerde reagieren, vielmehr prüfen wir jede Situation und versuchen zu vermitteln. Dabei sehen wir beide Seiten. Kinder und Jugendliche brauchen Aktionsräume, andererseits ist auch das Ruhebedürfnis der Bürger berechtigt."
ALLGEMEINE RUHEZEITEN
Die Polizeiverordnung der Stadt ist der Maßstab für Nutzungseinschränkungen in öffentlichen Anlagen. Danach herrscht von 22 bis 6 Uhr Nachtruhe und ist festgesetzt, dass öffentliche Anlagen gemäß der jeweiligen Beschilderung genutzt werden dürfen. In Freiburg wird an Spiel- und Bolzplätzen darauf hingewiesen, dass die Spielzeit morgens um 9 Uhr beginnt, dass mittags von 13 bis 14 Uhr (an Sonn- und Feiertagen von 13 bis 15 Uhr) und abends ab 20 Uhr Spielruhe gilt.
- Kinderlärm: Der Nachwuchs darf laut sein
Autor: Silvia Faller und Annette Bender


