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23. Juni 2012

Aus dem Leben entfernt

Roswitha Quadflieg verlässt Freiburg und hinterlässt die trostlose Erzählung "KönigsSohn".

  1. - Foto: -

Roswitha Quadflieg ist mit vielen Talenten gesegnet. Eines ist ihre Begabung, Menschen zum Gespräch zu versammeln – um einer Sache willen. Die Sache ist bei der Tochter des Schauspielers Will Quadflieg der Text. In verschiedener Gestalt: Sie hat als Inhaberin der Ramin-Presse Texte mit der Hand gedruckt und als Schriftstellerin Romane, Erzählungen und ein schönes Buch über Samuel Becketts Aufenthalt in Hamburg ("Beckett was here") geschrieben. Deshalb hat sie den – nennen wir es, obwohl es zu altmodisch klingt – Salon, den sie nach ihrem Umzug nach Freiburg vor sechseinhalb Jahren in ihrer Wohnung eingerichtet hat, TextEtage genannt. Die TextEtage war so etwas wie der Insidertreff literarisch Interessierter und Tätiger in Freiburg. War: Denn Roswitha Quadflieg, deren unruhiger Geist nicht recht zur Freiburger Beschaulichkeit passen will – sie hatte immer noch eine Wohnung in Hamburg –, zieht um: nun in die Stadt, die ihrem Radius entspricht: Berlin. Was sonst.

25 Mal hat Roswitha Quadflieg, deren Charme man als zupackend beschreiben darf, in ihr Wohnzimmer (erst an der Loretto-, dann an der Zasiusstraße) eingeladen – und sie hatte dabei stets ein Händchen für Menschen und Themen, die künstlerisch auf ungewöhnlichen Wegen unterwegs sind. Ihre Gäste waren Verleger und Hörspielmacher, Regisseure und Wissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer, Journalisten und Herausgeber: Und immer herrschte drangvolle Enge, keiner kam am anderen vorbei, Stühle und Wein mussten mitgebracht werden. Für den Abschied gestern Abend war ihr Wunschkandidat der Arno-Schmitt-Kenner Bernd Rauschenbach ("Hoffnungslos verständlich sein"). Man kann sich vorstellen, dass Roswitha Quadflieg, eine hochgewachsene, auffällige Frau, die sich gar nicht verstecken kann, auch in Berlin-Mitte, wo sie eine Wohnung gefunden hat, mit ihrer stets wachen Aufmerksamkeit an der Vernetzung künstlerischer Energien arbeiten wird. Ihre Impulse werden hier sehr fehlen.

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Einen eigenen Text hinterlässt Roswitha Quadflieg gewissermaßen in Freiburg. Sie selbst nennt das Buch "Eine kleine Geschichte". Das klingt harmlos. Nichts aber trifft weniger auf "KönigsSohn" zu. Erschütternd wäre das passende Adjektiv. Wie die Autorin in ihrer Vorbemerkung mitteilt, handelt es sich nicht um eine frei erfundene Geschichte. Wie man weiß, schreibt das Leben selbst die unfasslichsten Geschichten.

Der Sohn bewirtet einen Abwesenden

Diese hier handelt von einem Vater, seinem Sohn und dessen Halbschwester. Der Vater, ein sehr berühmter Opernsänger, steht vor dem Ende seiner Karriere – das er, wie alle eitlen männlichen Selbstdarsteller, nicht wahrhaben will. Der Sohn hat es im Leben zu nichts Richtigem gebracht. Er trinkt entschieden zu viel. Er hat sich als Kurierfahrer verdingt.

Der Vater, dem der Sohn in einer außerehelichen Beziehung in den wirren Zeiten nach 1945 widerfahren ist, hat den Sohn mit beispielloser Härte aus seinem Leben entfernt. Das Buch inszeniert in scharfen Gegenschnitten und Engführungen zwei letzte Abende – zwei Abendmahle: Wolfgang Amadeus, der Sohn, hat für den imaginären Vater ein reales Essen arrangiert: Und bewirtet einen Abwesenden, prostet ihm zu, spricht mit ihm. Dolf König, der Vater, verkriecht sich nach seinem Hinauswurf durch den Intendanten (wegen einer katastrophal schlechten Sarastro-Partie) in einer Dorfgaststätte und lässt sein Leben Revue passieren.

Zwei Monologe. Schlag auf Schlag. Die verzweifelte Anklage eines ungeliebten Sohns gegen die selbstgerechte Bilanz eines zynischen Egozentrikers, den jetzt, mit 84, das Alter aus dem Spiel nimmt: Das tut weh. Es soll weh tun: Dazu scheut die Autorin nicht vor drastischen Mitteln zurück. In "KönigsSohn" wird schnörkellos, mitunter grob Klartext gesprochen. Ein Lebensverlierer und ein Lebensgewinner: Beide sind am Ende. Das Glück hat der Vater, der andere Menschen immer nur instrumentalisiert hat, nicht gekannt. Um Liebe hat der Sohn, der daran seelisch verhungert ist, immer vergeblich gebettelt. Und es hat ja etwas höchst Zynisches, wenn der Verhungerte den an sich selbst Verfetteten zum Essen einlädt. Klar, wem die Sympathie der Autorin gehört. Die Wucht dieser Tragödie erdrückt fast die literarischen Mittel. Mit größtmöglicher Schonungslosigkeit und dem klugen Kunstgriff der Parallelschaltung bringt der Text seine Figuren in die größtmögliche Nähe der Ferne. Hoffnung auf den Menschen macht dieses harte kleine Buch nicht. Die Tochter, Halbschwester: Auch sie hat versagt. Ihre Einsicht kommt zu spät.
– Roswitha Quadflieg: KönigsSohn. Eine kleine Geschichte. Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main und Basel 2012. 95 Seiten, 14,80 Euro. Lesung: Am 25. Juni um 20 Uhr liest die Autorin im Freiburger Theater im Marienbad.

Autor: Bettina Schulte