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09. April 2011

Bücher über Integration und Ausgrenzung

Iréne Némirosky: Fast einer von uns

Die in Auschwitz umgekommene Autorin Irène Némirosky dachte in ihren Büchern über Integration und Ausgrenzung nach.

  1. Irène Némirovsky Foto: roger Viollet

Die Romane und Erzählungen Irène Némirovskys verhandeln ein zu ihrer Zeit wie heute zentrales Thema: Integration. Als die französische Schriftstellerin 1942 in Auschwitz starb, hinterließ sie ein beeindruckendes Oeuvre, in dem sich ihr eigenes Leben in vielfältiger Weise spiegelt. Als Tochter eines jüdischen Bankiers 1903 in Kiew geboren, war Némirovsky nach der russischen Oktoberrevolution mit ihren Eltern nach Paris emigriert. In Frankreich zu Lebzeiten eine Berühmtheit, erlangte sie mit dem 2004 aus dem Nachlass veröffentlichten letzten unvollendeten Romans "Suite française" Weltruhm.

Némirovskys Erfahrungen von Emigration und jüdischer Sonderstellung sind ein wiederkehrendes Thema ihrer Romane und Erzählungen. Die 1930 erschienene Novelle "Der Ball", mit der ihr der Durchbruch gelang, verquickt das Motiv der Integration einer jüdischen Familie in die französische Gesellschaft mit einem Mutter-Tochter-Konflikt, in dem Némirovskys eigene Mutterbeziehung durchscheint. Im Roman "Die Hunde und die Wölfe" bildet die russische Emigrantenszene den Hintergrund für eine Liebesgeschichte zwischen dem reichen Juden Harry und seiner armen Cousine Ada. "Herbstfliegen" schildert mit beklemmender Eindringlichkeit die Entwurzelungserfahrung russischer Migranten. Die Erzählung "Rausch", jüngst in limitierter Auflage erschienen in der Edition 5plus, der Publikation von fünf herausragenden Buchhandlungen, darunter die Freiburger Buchhandlung Zum Wetzstein, wendet ein Jugenderlebnis ins Fiktive.

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In "Rausch" brechen

alle Dämme.

Die pianka in St. Petersburg, eine Orgie in den Wirren der Oktoberrevolution, wird nach nach Finnland verlegt in die Zeit des Bürgerkriegs nach der Loslösung des Landes von Russland. In eisiger Winternacht brechen in einer Stadt nah der russischen Grenze alle Dämme: Vornehme Häuser werden geplündert, der Alkohol fließt in Strömen, die Menschen feiern in den Straßen. Aino, eine angesehene Bürgersfrau, kann sich dem bacchantischen Sog nicht entziehen. Selbst ihr Bruder Ivar traut sich aus seinem Versteck hervor und schleicht mit anderen Offizieren des alten Regimes zu den Zigeunern außerhalb der Stadt. Verrat beschwört eine Katastrophe herauf; die Orgie endet in einem Blutbad.

Die Erfahrung gesellschaftlichen Ausschlusses weitet der Roman "Herr der Seelen" ins Allgemeine. Wenn das Lager, wie Imre Kertész bemerkt hat, die Signatur des 20. Jahrhunderts ist, dann das Boot womöglich die des 21. Wie zur Zeit des Romans, der vor Beginn des Zweiten Weltkriegs erschien, ist Migration heute Thema. Sein Held, Dario Asfar, kann als Arzt nicht seine kleine Familie ernähren. Als junger Mann kam der Sohn eines levantinischen Straßenhändlers von der Krim nach Frankreich. Mit eiserner Disziplin absolvierte er ein Medizinstudium, ohne den Makel seiner Herkunft tilgen zu können: Er, der längst französischer Staatsbürger ist, empfindet sich als Fremder. Die Herablassung der Einheimischen gibt sich als Wohlwollen: "Sie sind fast einer von uns", sagt jemand zu ihm – in diesem "fast" liegt sein Unglück beschlossen. Es bezeichnet die unauslöschliche Differenz, die ihn, den métèque, den unerwünschten Ausländer, von allen gebürtigen Franzosen trennt.

Als Arzt findet Asfar kaum Arbeit. Man zieht man ihm einheimische Kollegen vor. Um seine innere Wandlung zu motivieren, spitzt Némirovsky das Elend zu: Beiläufig erfährt man, dass ein Sohn Asfars im Säuglingsalter verhungert ist. Seine materielle Situation verbessert sich, als der Großindustrielle Philippe Wardes sein Patient wird. Durch psychologisches Geschick gelingt es Asfar, ihm Linderung zu verschaffen; so bindet er den Unternehmer an sich. Wie, fragt sich Asfar, wenn er sich darauf verlegte, die "Laster und Krankheiten der Reichen zu kultivieren, wie man ein Feld bestellt"? Anfangs sträubt er sich gegen den Gedanken. Schulden aber treiben ihm die Skrupel aus. Elinor, das habgierige Flittchen an Wardes’ Seite, führt ihm eine zahlungskräftige Klientel aus der gehobenen Gesellschaft zu. Asvar avanciert zum "Herrn der Seelen", zum "König von Paris".

Als charismatischer Kurpfuscher verrät er seine ärztlichen Ideale ebenso wie als Lüstling die menschlichen. Um seinen aufwendigen Lebensstil und seine zahlreichen Liebschaften zu finanzieren, stürzt er sich in immer neue Schulden – und wird anfällig für Elinors Angebot, die ihn für die Entmündigung des seelisch erkrankten Wardes fürstlich zu entlohnen verspricht. Dass er sie nach Wardes’ Selbstmord zur Frau nimmt, besiegelt den Teufelspakt. In der "Schule Europas", glaubte Asfar, habe er ein "Gefühl für Scham und Ehre erworben". Die Wirklichkeit aber lehrte ihn, den letzten Rest von Moralität über Bord zu werfen.

Exemplarisch und mit feiner Psychologie zeigt Némirovsky in dieser Figur, wie Integration misslingen kann: Asfar misst die neue Heimat an ihren eigenen Werten und wird enttäuscht. Man hat dem Buch antisemitische Tendenzen vorgeworfen. Als Argument diente nicht zuletzt der Umstand, dass Asfar verächtlich auf seine Herkunft herabblickt. Die Kritiker haben die tiefere psychologische Wahrheit verkannt, die darin liegt, dass das Eintrittsbillet in die neue Gesellschaft für Migranten noch stets die Verleugnung der eigenen Wurzeln war.
– Irène Némirovsky: Herr der Seelen. Roman. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer, Luchterhand Verlag, München 2009. 288 Seiten, 8 Euro;
– Irène Némirovsky: Rausch. Übersetzt von Eva Moldenhauer. Edition 5plus. 80 Seiten, 14,80 Euro. Lesung: Iris Berben liest am 14. April im Schlossbergsaal des SWR-Studios Freiburg aus dem Buch.

Autor: Hans-Dieter Fronz