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07. August 2009

Beim Sensen des Enzians

Urlaub als Freiwilligeneinsatz: Arbeiten und leben mit den Bergbauern – da, wo die Schweiz am ursprünglichsten ist / Von Claudia Diemar (Text und Fotos)

  1. Was für eine Idylle – zumindest für Touristen: Für Menschen, die auf einem Bauernhof in den Alpen leben, ist das Leben oftmals sehr viel weniger beschaulich. Foto: Claudia Diemar

  2. Foto: Claudia Diemar

  3. Die Kuh schaut zu: Unsere Autorin Claudia Diemar bei der (freiwilligen) Arbeit. Foto: Claudia Diemar

  4. Die Sommer sind kurz hoch oben über dem Urner See in der Schweiz, und Arbeit gibt es genug: Ein Teil der Familie Gisler recht – mit offensichtlichem Spaß – letzte Heureste zusammen. Foto: Claudia Diemar

Es ist drückend heiß. Vor zwei Tagen hat Bauer Päuli die Wiese oberhalb des Hofes gemäht. Der Mäher läuft mit Diesel, muss aber von Hand geschoben werden, denn der Hang hat rund 35 Prozent Steigung. Ein Traktor kann hier nicht mehr arbeiten. Der "Reform Muli 550" aus Schweizer Produktion schafft es gerade noch. Mit der Maschine hat Päuli die Mahd in langen vertikalen Reihen zusammengehäufelt. Dann hat er den Ladewagen angekoppelt, der das Heu in eine Art Käfigaufsatz schaufelt. Nach jeweils zwei Reihen fährt er hinunter zum untersten Stall neben dem Haus, wo der Heulüfter die Mahd ansaugt und auf den Speicher wirbelt. Ein kleiner Teil des Gemähten bleibt am Hang liegen. Den sollen Bäuerin Karin und ich nun mit dem Schlepprechen zu den verbleibenden Reihen ziehen. Der Schlepprechen ist gut einen Meter breit, hat 30 Zinken und ist nicht leicht zu führen. Jedenfalls nicht, wenn die Übung fehlt.

Der Himmel dräut bereits in bleiernem Violett. Durch letzte Löcher sticht die Sonne. Das Gewitter zieht schnell auf. Es kommt von Westen, wo der Vierwaldstätter See einen Knick macht und sich von da an Urner See nennt. Die Landschaft ist Urgrund der Eidgenossen, Terrain von Tell und Konsorten. Die örtliche Zeitung heißt "Bote der Urschweiz". Am Ufer des Urner Sees liegt Sisikon, wo mich Bäuerin Karin am Vormittag abgeholt hatte. Auf schmaler Straße geht es von dort kurvig bergauf. Riemenstalden ist der letzte Ort im gleichnamigen Tal. Die Gemeinde hat genau 83 Einwohner. Etwa zwei Dutzend davon leben im Dorf selbst. Es gibt eine Kirche, ein Schulhaus für die acht Schüler und ein Gasthaus. Oberhalb von Riemenstalden, auf rund 1200 Metern Höhe, liegt der Ortsteil Käppeliberg mit zwei Ferienhäuschen, einer kleinen Seilbahn hinauf zur Alp Gitschen, die auch Spilau genannt wird, und den Bauernhäusern der Brüder Gisler. Der oberste Hof ist der von Karin und Paul, dem Päuli.

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Im Winter fällt hier zwei Monate lang kein einziger Sonnenstrahl ein. Es liegt meist viel Schnee. 1952 und 1954 wurden Riemenstalden und Käppeliberg von Lawinen verwüstet. Die Familie Gisler verlor drei Ställe, alle Kühe kamen um.

Ein kleiner Sieg über die

Launen der Natur: Die Mahd ist im Trockenen

Karin arbeitet in der Gemeindeverwaltung auf einer Viertelstelle, damit sie noch etwas anderes als nur Kinder und Kühe sieht. Jetzt aber steht sie mit mir am Hang und führt den Schlepprechen. Als Päuli mit der letzten Fuhre Heu den Stall erreicht hat, bricht das Gewitter los. Keinen Moment zu früh. Die Mahd ist trocken geborgen. Es fühlt sich an wie ein kleiner Sieg über die Launen der Natur.

Im strömenden Regen steigen wir später hinauf zum mittleren Stall oberhalb der gemähten Wiese. Ein Teil der Kühe verbringt den Sommer gerade auf einer Alp im Schächental. Deshalb ist mit dem Vieh nicht so viel zu tun. Im Stall stehen zwei Milchkühe, drei Rinder und drei Kälber, alles alpentypisches "Braunvieh". Im oberen Stall, zu dem man fast eine halbe Stunde aufsteigen muss, sind noch einige "Jahrlinge", also ein Jahr alte Jungrinder. Die Kühe verbringen im Sommer den Tag im Stall, wo sie nicht von den Fliegen belästigt werden. Nachts sind sie auf der Weide.

Die Arbeit im Stall dauert rund eine Stunde. Die beiden Milchkühe werden gemolken. Der größte Teil der Milch wird in Töpfen mit Saugern an die Kälber verfüttert. Danach werden den Tieren die Kuhglocken umgeschnallt und sie dürfen hinaus. Die Füttertöpfe der Kälber müssen gründlich gespült werden. Der Stall wird ausgemistet und mit dem Schlauch sauber ausgespritzt. Schließlich wird neues Stroh ausgestreut.

Stroh ist knapp, erklärt Päuli. Seit es in Biogasanlagen verheizt wird, ist kaum noch etwas auf dem Markt erhältlich. Man muss es teuer in Deutschland oder Italien kaufen. Päuli geizt trotzdem nicht damit, denn seine Kühe sollen es gut haben. Sein Rindfleisch hat Bioqualität, aber für ein Kalb von 200 Kilogramm Gewicht gibt es höchstens 1500 Franken, also knapp 1000 Euro. Weil es angeblich zu viel Biofleisch auf dem Markt gibt, erhält er oft weniger. Ob der Viehhändler das Fleisch doch zum teuren Bio-Preis verkauft, kann er nicht überprüfen.

Bauer Päuli ist auf dem Hof aufgewachsen.
Karin kommt aus dem "Unterland" und ist eigentlich Lehrerin für die Sekundarstufe. Das Paar hat sich 1998 beim Arbeitseinsatz auf der Buggialp kennen gelernt. Jetzt sind sie beide 41 und haben fünf Kinder zwischen acht Monaten und sieben Jahren. Im Haus wohnt auch noch die "Grosi", wie Päulis Mutter genannt wird. Haus und Hof sind geräumig. Neben dem Wohnhaus und den drei Ställen auf unterschiedlicher Höhe gibt es noch eine Sägerei. Trotzdem haben Karin und Päuli ein neues Projekt. Sie wollen gleich neben dem Bauerngarten eine neue Hofkäserei bauen und dort zwei Fremdenzimmer einrichten. Karin sagt, dass sie eigentlich nicht wissen, wie auch noch diese Arbeit geschafft werden soll. Aber die Käserei ist ihr Traum, und er muss wahr werden.

Für die Baustelle ist Päuli zuständig. Aber ohne Hilfe geht es nicht. Deswegen bin ich da, zum "Bergeinsatz" geschickt von der Schweizer Caritas. Päuli und ich reißen das Notdach aus Wellblech von der baufälligen alten Käserei ab. Wir nehmen die Beschwerungsbalken fort und machen sie mit der Motorsäge klein. Dann müssen die Bleche weg, was wegen der Föhnböen heikel ist. Bis Mittag ist alles herunter. Päuli steigt auf den Bagger und hebt die Baugrube aus. Ich stehe in der Sägerei und mache die Balken zu Brennholz. Es dauert Stunden, bis alles Holz gerichtet und unter einem Dach gestapelt ist.

Am nächsten Morgen sitzt Päuli wieder auf dem Bagger. Ich steige mit Karin die steilen Hänge hinauf. Weit oben liegt eine Weide, auf der jede Menge gelber Enzian wächst, der auch "Schnapspflanze" genannt wird, weil man aus seinen Wurzeln einen würzigen Schnaps brennen kann. Für die Gislers ist der gelbe Enzian schlicht Unkraut, das die Kühe nicht mögen. Karin holt eine Sense aus dem Stall und zeigt mir, wie ich den Enzian mähen soll. Dann geht sie.

Es ist mühsam, sich am extrem steilen Hang zu halten und dabei eine Sense zu führen. Ich mähe quer zum Hang, langsam aufsteigend. Obwohl die Sonne nur halb durchbricht, läuft mir von der Anstrengung der Schweiß in die Augen. Die Bewegung geht immer von rechts nach links. Schon nach 20 Minuten macht sich durch die einseitige Belastung ein irrer Schmerz auf der rechten Rückenseite breit. Aber die Schnapspflanzen fallen reihenweise. Dreiviertel des Hanges habe ich bis zum Mittag geschafft.

Ich hätte nur den schon blühenden Enzian schneiden müssen, sagen die Bauersleute später, die kürzeren Pflanzen würden nicht mehr aufschießen. "Schön, aber streng ist die Arbeit auf einem Bergbauernhof", steht in einem Merkblatt über das Dorf Riemenstalden...

Im Rücken nagt auch bei der Abreise noch wütender Schmerz. Es regnet inzwischen ohne Unterlass. Zum Glück sind die Bachwannen auf der Straße hinunter nach Sisikon noch passierbar. Im Koffer liegen die schmutzstarrenden Arbeitsklamotten. Und ein großes Stück Käse, fett und gelb, mit der ganzen Würze des Sommers. Eine schöne Erinnerung, die Schmerzen im Rücken werden schon wieder vergehen.

Autor: Claudia Diemar (Text und Fotos)