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24. Oktober 2017 08:30 Uhr

Achter Prozesstag

Freund von Hussein K. beschreibt dessen Verhalten nach der Tatnacht

Am achten Prozesstag im Fall Maria L. sagt einer der engsten Freunde des Angeklagten Hussein K. aus. Auch ein weiterer Bekannter wird noch vernommen. Die Aussagen der Polizisten muss verschoben werden.

  1. Der Angeklagte Hussein K. wird im Gericht von Anwalt Sebastian Glathe vertreten. Foto: dpa

18.05 Uhr: Richterin Schenk beschließt den achten Verhandlungstag, der holprig begann und einen zähen Verlauf nahm. Am Donnerstag geht der Prozess gegen Hussein K. in die nächste Runde. Die für heute geladenen Polizeibeamten sollen Mitte November vernommen werden. Wegen der Verzögerungen wird die Kammer um zusätzliche Gerichtstermine nicht herumkommen.

18 Uhr: Nach der Tat habe sich Hussein verändert, sagt Zeuge R. Er habe sich beinahe rund um die Uhr bei ihnen in der Unterkunft in Umkirch aufgehalten. Vier Tage in der Woche habe er bei ihnen übernachtet und die anderen drei in seiner Wohnung in Ebnet. Kontakte mit anderen Leuten habe Hussein von da an abgebrochen. Er habe seither auch keinen Alkohol mehr getrunken und ihnen geraten, auch damit aufzuhören. Gekifft habe er weiter. "Hussein hat sehr viel gekifft", sagt R. Hussein habe "aus dem Glas" geraucht, vergleichbar mit Shisharauchen. An einem Abend habe er fünf Gläser geraucht, die er sich allerdings mit zwei oder drei Freunden geteilt hat. Hussein habe damit geprahlt: "In Freiburg kann niemand so viel kiffen wie ich." R. ist der Meinung: "Wenn von uns jemand so viel gekifft hätte, wäre der verrückt geworden."

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Bei Hussein zu Hause hätten sie nicht gekifft, sagt R., "nur manchmal, sehr selten nach Mitternacht. Aber nur ein oder zwei Mal." Sie hätten dann das Fenster aufgemacht, um das Zimmer zu lüften. "Denn wenn die Pflegeeltern davon etwas mitbekommen hätten, wäre Hussein sehr unglücklich gewesen."

Richterin Schenk fragt den Zeugen, ob er wisse, wie viel Geld Hussein für Drogen ausgegeben habe. Hussein habe immer zehn bis zwanzig Euro bei sich gehabt, sagt R. Wenn Hussein kiffte, habe er gelacht. "So wie die anderen", sagt R.

Hussein habe ihm erzählt, dass er aus dem Iran komme. Über seine Familie habe er nichts erfahren. Hussein habe von seinem Aufenthalt in Griechenland erzählt, dass er zweieinhalb Jahre dort im Gefängnis verbracht habe. Er habe auch gesagt, eigentlich eine zehnjährige Strafe erhalten zu haben. Wegen eines neues Gesetzes hätte man ihn aber vorzeitig entlassen, unter der Auflage, sich regelmäßig bei der Polizei zu melden. Als Grund für die Haft habe Hussein angegeben, einen Jungen von einer Klippe gestoßen zu haben. "Er sagte:,Ich war besoffen und habe ihn deswegen runtergeschmissen.’ " Er habe in der Haft sehr gelitten, habe Hussein ihm erzählt. Erst im Fernsehen habe R. Erfahren, dass es sich um ein Mädchen gehandelt habe.

Auch das Alter sei zwischen den beiden zur Sprache gekommen. R. gegenüber habe Hussein angegeben, 21 oder 23 Jahre alt zu sein. Genau kann sich der Zeuge nicht mehr erinnern. R. habe Hussein für älter gehalten und im Spaß zu ihm gesagt: "Du bist so alt wie mein Vater." Daraufhin hätten beide gelacht.

Einmal habe sich Hussein in eine Betreuerin verliebt, sagt R. Sie hätten sich darüber lustig gemacht. Wenn sie ihn auf der Straße wegen Frauen aufzogen, sei ihm das unangenehm gewesen.

"Alle haben ihn gemocht", sagt R. An echten Streit könne er sich nicht erinnern.

Die Richterin spricht den Zeugen auf ein besonderes Bild an, das Hussein ihm geschickt haben soll. Auf dem Foto soll weißes Pulver zu sehen gewesen sein. "Ich kann mich nicht erinnern", sagt R.

Die Richterin erkundigt sich beim Angeklagten: "Fühlen Sie sich denn noch fit?" Hussein nickt. Er wirkt erschöpft, als ob es ihm Mühe bereite, die Augen aufzuhalten. Aber so sieht er schon den ganzen Tag aus.

Die Zeugenvernehmung geht noch eine Weile weiter. Es geht um den Drogenkonsum, Husseins Verhältnis zu Frauen. Neue Erkenntnisse kommen nicht zutage. Die Aussagen der afghanischen Kumpels klingen in weiten Teilen identisch. Und oft heißt es: "Daran kann ich mich nicht erinnern."

17 Uhr: Nach einer kurzen Unterbrechung wird der Prozess fortgesetzt mit dem Zeugen R. Auch er nimmt die Dienste des Dolmetschers in Anspruch. R. gibt an, 1999 geboren zu sein, er lebe zurzeit einer Flüchtlingsunterkunft. Als die Richterin bemerkt, dass der Zeuge aufgeregt ist, beruhigt sie ihn: "Atmen Sie durch."

Hussein und R. haben sich laut Zeuge ebenfalls im Münstertal kennengelernt. Das sei in der Vorweihnachtszeit 2015 gewesen, R. war gerade in Deutschland angekommen und verbrachte etwa vier Monate in der Unterkunft für jugendliche Flüchtlinge. Das Verhältnis zu Hussein beschreibt er als "gut". An manchen Wochenenden seien sie gemeinsam "chillen in Freiburg" gewesen. Zweimal hätten sie Alkohol getrunken. Da sei es Hussein sehr schlecht gegangen, und er habe angefangen Griechisch zu sprechen. Es habe sich um griechische Schimpfwörter und Beleidigungen gehandelt, die er R. zuvor erklärt habe. Als er die Wörter vor Gericht wiederholt, muss der Angeklagte lächeln.

Der Zeuge wirkt mit den Fragen der Richterin zuweilen überfordert.

Auch R. zufolge hat Hussein mehr getrunken als die anderen. Manchmal war er so besoffen, dass er nicht mehr gehen konnte. Einmal mussten sie ihn in die Unterkunft schleppen.
"Hussein hat uns aus Spaß 24 Stunden lang geschlagen." Zeuge R.
Einmal sei es zwischen den beiden zu Handgreiflichkeiten gekommen. Hussein habe ihn in betrunkenem Zustand ins Gesicht geschlagen. R. habe sich zurückgehalten. "Hussein hat uns aus Spaß 24 Stunden lang geschlagen", sagt R. Manchmal sei sein Arm "schwarz geworden." Das klinge aber nicht nach Spaß, erwidert die Richterin. "Das war Spaß, mit dem wir uns die Zeit vertrieben", erklärt R.

16.20 Uhr: "Wie hat sich Hussein generell über Frauen geäußert? War das abfällig?", fragt Verteidiger Glathe beim Zeugen C. nach. Wenn C. eine Frau ansprechen wollte, habe Hussein ihn davon abgehalten und gesagt, er solle nicht so tun, als habe er noch nie im Leben eine Frau gesehen. Aber: "Ich wusste, dass Hussein ein Mädchen mag. Die kenne ich", sagt C. "Es war schon so, dass er Mädchen gemocht hat, aber nicht so, dass er darauf gedrängt hat, oder sie für sich gewinnen wollte." Aggressiv habe er sich Frauen gegenüber nicht verhalten.

Der psychiatrische Sachverständige Hartmut Pleides befragt den Zeugen nach der allgemeinen Stimmung von Hussein. "Traurig", antwortet C. Er habe oft "traurige Lieder" gesungen. Auf einem Schulfest habe er einmal vorgesungen, gelegentlich auch vor Freunden. "So wie er gesungen hat, hat man verstanden, dass ihn irgendetwas bedrückt", sagt C. Am meisten habe er unter der Entfernung von seiner Familie gelitten.

"Er hat sich verändert und die Einsamkeit gesucht." Zeuge C.
In der Gruppe, wenn sie gechillt hatten, sei der Angeklagte fröhlich gewesen, so C. "Hat sich seine Stimmung über die Monate verändert?", fragt Pleides. Anfangs habe er sehr viele Freunde und Bekannte gehabt. Seit sie enge Freunde wurden, habe er die anderen Kontakte nicht mehr gepflegt. "Wurde er zu einem Anderen oder ist er im Wesentlichen der Gleiche geblieben?", fragt Pleides. "Er hat sich verändert und die Einsamkeit gesucht", sagt C., er habe seine Ziele nicht erreicht und sei deswegen traurig gewesen. Zu anderen Menschen sei er kalt gewesen.

Rechtsmediziner Stefan Pollack befragt den Zeugen nach den Kratzern, die er an Husseins Körper Tage nach der Tat entdeckt hatte. "Ich habe nicht nachgezählt, aber der längste war zehn oder elf Zentimeter lang." "Sind diese Kratzer parallel zueinander verlaufen", fragt Pollack. Die großen Kratzer seien "einzeln" gewesen. "Oben herum waren auch dünnere Kratzer, aber diese waren nicht gut sichtbar", sagt C.

"Kann es sein, dass diese Phase erst nach der Tat eintrat?" Oberstaatsanwalt Berger
Der heitere Abend im Seepark habe sich nicht nach Rückzugsphase angehört, gibt Oberstaatsanwalt Berger zu bedenken. "Kann es sein, dass diese Phase erst nach der Tat eintrat?", fragt er. "Kann sein", antwortet Zeuge C., bevor er aus dem Zeugenstand entlassen wird.

Die Richtern kündigt die Vernehmung eines weiteren Bekannten von Hussein an, die heute in jedem Fall noch abgeschlossen werden soll. Das heißt, es kann spät werden. Für die Polizisten, die heute eigentlich noch aussagen sollten, wird damit keine Zeit mehr zur Verfügung stehen.

16.00 Uhr: Der Zeuge C. erzählt weiter vom Drogenkonsum des Angeklagten. Einmal habe er Hussein dabei beobachtet, wie er weißes Pulver erhitzt habe. C. habe nicht gewusst, dass es sich um harte Drogen handle. "Wie hat Hussein auf Marihuana reagiert?", fragt Verteidiger Glathe. "Manchmal wurde er ruhig, manchmal albern", sagt C.

In der Einrichtung im Münstertal hätten die Betreuer mitbekommen, dass sie betrunken waren. "Gab es da keine Ansprache?", fragt Glathe. "Vielleicht stand das irgendwo geschrieben", sagt C., aber ihn habe nie jemand zurechtgewiesen. Dann fügt er aber doch noch hinzu: "Uns wurde gesagt, dass das nicht gut für unsere Zukunft sei." Gegen 22 oder 23 Uhr sollten sie abends spätestens wieder in der Unterkunft sein. Hussein habe damals unter Schlafproblemen gelitten und Medikamente eingenommen, sagt C. Hussein habe außerdem Probleme mit einem Ohr gehabt, sein Trommelfell sei gerissen gewesen.

Über die Vergangenheit hatten sie sich eher selten unterhalten. Hussein habe ihm nur erzählt, "dass das Leben schwer war", so der Zeuge. Er habe erzählt, dass die Eltern im Iran lebten und die Mutter an Diabetes erkrankt sei.
"Gab es da Vorschriften, wann er abends zurück sein muss?" Verteidiger Glathe
Bei seiner Pflegefamilie habe sich Hussein wohl gefühlt. "Gab es da Vorschriften, wann er abends zurück sein muss?", fragt Glathe. Wenn es später wurde, habe Hussein die Pflegemutter angerufen, so der Zeuge. Mehr wisse er nicht. Er könne auch nicht sagen, ob Hussein zu Hause Alkohol konsumiert habe. "Aber Haschisch wurde geraucht im Garten", sagt er. Ein, zwei Mal habe er Hussein im Garten seiner Pflegeeltern kiffen gesehen, noch häufiger in seiner Wohnung.

Der Verteidiger kommt auf die Tatnacht zurück. "Wurde da auch Whiskey getrunken?" Der Zeuge kann sich, einmal mehr, nicht erinnern. Wie betrunken war Hussein? "Ist er gestolpert, ist ihm etwas runtergefallen?", fragt Glathe. "Ich kann mich nicht erinnern", sagt C.

"Wenn ich etwas machen will, dann mache ich das auch." Glathe will wissen, wie dieser Satz von Hussein zu verstehen sei, den der Zeuge vor der Mittagspause wiedergegeben hat. Er habe Spaß haben wollen und sei dann halt in die Schwulendisko gegangen, antwortet C. Sie hätten Hussein davon abzuhalten versucht. "Geh nicht in diese Schulendisko", hätten sie gesagt, "die werden uns nicht reinlassen." Hussein habe gesagt, da stünde niemand an der Tür zum Aufpassen. Dann hätten sich ihre Wege getrennt.
Der Verteidiger bittet um eine Mittagspause. Um 14.45 Uhr geht es weiter.

Zeuge berichtet von Kratzspuren und Haarschnitt

14.00 Uhr: Der Zeuge C. sagt, er sei immer davon ausgegangen, dass Hussein älter sei als er. Wegen seiner Größe.

Auf seinem Facebookprofil hatte Hussein ein Bild gepostet, auf dem sich ein Wolf über eine Frau beugt. Im Iran seien solche Bilder üblich, hatte C. Im Polizeiverhör ausgesagt. Heute bestätigt er: Solche Posts seien "ganz normal im Iran." Das sei Husseins persönliche Meinung und jeder dürfe posten, was er wolle. Oberstaatsanwalt Berger hakt noch einmal nach: "Welche Meinung wird denn auf diesem Bild geäußert?" "Das weiß ich nicht", sagt C.

Berger befragt den Zeugen noch einmal nach den Kratzern an der Brust des Angeklagten wenige Tage nach der Tatnacht. "Ich habe ihn gefragt, was das sei", gibt C. an. An die Antwort könne er sich nicht mehr erinnern. Gegenüber der Polizei hatte er angegeben, die Kratzer sahen aus, als stammten sie von Fingernägeln. C. bestätigt seine Einschätzung von damals. "Haben Sie ihn häufig mit freiem Oberkörper gesehen?", fragt Berger. "Da sein Zimmer warm war, hatte er sein Oberteil ausgezogen", sagt C.

Der Zeuge bestätigt, in der Woche nach der Tat Hussein die Haare geschnitten zu haben. Hussein hatte sie damals hinten zu einem Zopf zusammengebunden. Hussein habe ihn angewiesen, die blondierten Haare zu beseitigen. Ein solches blondes Haar hatten die Spurensucher am Tatort gefunden. Es war die heiße Spur, die schließlich zum Angeklagten führte.

Der Zeuge hat Hussein nach der Tat regelmäßig getroffen. Was hat ihm der Verdächtige anvertraut? Oberstaatsanwalt Berger versucht das mit zunächst noch mehr indirekten, als direkten Fragen herauszufinden. Das Brett, das er bohrt, ist dick. "Wie häufig haben Sie solche Abende wie in der Tatnacht unternommen?", fragt Berger. "Im Monat zwei- bis dreimal, oder auch häufiger", sagt C.

13.45 Uhr: Am Abend vor der Tat hielten sich die beiden zusammen mit anderen Flüchtlingen am Seepark auf. Das sei ein 15. gewesen, sagt C. Er wisse das so genau, weil der Mond da "vollkommen" gewesen sei. Bevor sie am 15. Oktober zum Seepark aufbrachen, hätten sie sich um 15 Uhr bei Hussein getroffen. Die Pflegeeltern seien nicht anwesend gewesen. Dort hätten sie noch keinen Alkohol getrunken, lediglich etwas gegessen. Später fuhren sie mit der Straßenbahn zum Seepark. Hussein habe dort eine Flasche Wodka allein leer getrunken. Die zweite hätten sich die anderen drei geteilt. Es sei auch Haschisch geraucht worden.

Als sie in Richtung Stadt aufbrachen, habe Hussein einen betrunkenen Eindruck gemacht. Man habe es am Gang und an seinen Worten gemerkt. Die Richterin will es genauer wissen: "Was war denn das Besondere an seiner Gangart?" So genau habe er nicht darauf geachtet. "Das bekomme ich jetzt nicht zusammen", sagt die Richterin. Hussein selbst folgt den Ausführungen seines Kumpels jetzt aufmerksamer als zuvor, so hat es den Anschein. Er schaut nicht mehr lethargisch auf den Boden, muss aber immer wieder gähnen.

Gegen 22 Uhr seien die Kumpels zu dritt in der Stadt angekommen. "Hussein war besoffen und auf der Suche nach einer Disko", sagt C. Nach einigen misslungenen Anläufen habe er eine gefunden. "So weit ich weiß, war es eine Schwulendisko", sagt C., deshalb seien er und der andere Kumpel Hussein nicht gefolgt.

"Heute Nacht mache ich das, was ich machen will", habe er in der Nacht Hussein gegenüber einem Kumpel sagen gehört. Sie hätten die Aussage nicht ernst genommen.

Am nächsten Tag sei er Hussein wieder begegnet. "Wurde über den Abend gesprochen?", fragt Richterin Schenk. "Ich denke nicht", sagt C. Ihm seien allerdings Kratzspuren aufgefallen.

Vernehmung von Hussein K.s Freund beginnt

13.15 Uhr: Nachdem die rechtlichen Details geklärt sind, kann die Vernehmung des Zeugen C. beginnen. Das Zeugnisverweigerungsrecht bleibt bestehen für die Altersangabe, weil der Oberstaatsanwalt dagegen Ermittlungen angekündigt hatte. "Wenn Sie sich selbst belasten würden, müssen Sie dazu keine Angaben machen", klärt Richterin Schenk auf.

Die genaue Adresse seines Wohnorts will C. nicht nennen. Er lebe in einem "Camp für minderjährige Flüchtlinge", gibt er an. Die Richterin besteht auf die Angabe des Wohnorts. Es ist eine Unterkunft der "Jugendhilfeeinrichtung Wiese", ergänzt der Vormund.

"Möchten Sie korrigierende Altersangaben machen?", fragt die Richterin. Nur soviel: "Als ich nach Deutschland kam, wurde nur nach dem Alter gefragt, alles andere wurde von den Behörden ausgefüllt." Also auch das angebliche Geburtsdatum 1. Oktober 2001. Bei seiner Ankunft gab esr15 Jahre an. Als der Vormund sich einmischt, weist ihn Oberstaatsanwalt Berger daraufhin, dass er das unterlassen solle. Der Zeuge beteuert: "Ich bin 17."

C. hat Hussein K. in einer Wohngruppe in Münstertal kennengelernt "ein oder zwei Monate vor Weihnachten 2015". In Münstertal verbrachten sie drei Monate zusammen. Danach lebte er in Umkirch.

Hussein K. vermeidet die meiste Zeit den Blickkontakt mit seinem Kumpel. Der Angeklagte wirkt erschöpft, wenn nicht gar schläfrig.
"Wenn er genervt war, durfte man ihn nicht reizen." Zeuge C.
Hussein K. und der Zeuge besuchten dieselbe Schule in Freiburg. Die Richterin fragt nach dem Verhältnis der beiden. Hussein sei "wie ein einfacher Freund" gewesen, sagt C. "Wir chillten miteinander und vertrieben unsere Zeit in der Stadt." Es seien immer andere Flüchtlinge mit ihnen unterwegs gewesen. Man habe zwei, drei Bier getrunken. Hussein habe deutlich mehr vertragen als er. "Vier Biere haben bei Hussein keine Wirkung gezeigt." Ein beliebter Treffpunkt sei der Colombipark gewesen. Hussein habe auch Haschisch geraucht. Im Münstertal seien die Mengen gering gewesen, damals reichte das Geld lediglich für ein Gramm pro Wochenende. Das wurde unter vier Kumpels aufgeteilt.

Hussein habe neben Bier auch Wein und Wodka getrunken. "Auch wenn er viel getrunken hat, hat man ihm das nicht angesehen", sagt C. Manchmal sei er aber "ein bisschen aggressiv geworden." Weil Hussein stärker war, hätte er sich in diesem Zustand nicht mit ihm angelegt. C. berichtet von Kopfnüssen, die er von Hussein verpasst bekommen habe. "Wenn er genervt war, durfte man ihn nicht reizen."

In nüchternem Zustand sei Hussein "frech" gewesen, im positiven Sinne, man konnte Spaß mit ihm haben, sagt C. Manchmal habe C. auch bei Hussein übernachtet.

Hussein habe ihm viele Tipps gegeben und gezeigt, wie man Haschisch "am besten rauchen" könne. Im Polizeiverhör hatte der Zeuge noch angegeben, Hussein habe ihm von Drogen abgeraten. "Das hört sich jetzt ein bisschen anders an", konstatiert die Richterin. C. gibt zu, beim Polizeiverhör Angst gehabt zu haben.

Die Richterin verweist noch einmal auf das Auskunftsverweigerungsrecht. "Sie müssen sich nicht selber belasten." Es reiche, wenn er Angaben zum Drogenkonsum des Angeklagten mache. "Es war viel, es war sehr viel", sagt C. Hussein habe täglich Haschisch ungefähr ein Gramm konsumiert – "wenn wir das Geld hatten". Die Angaben beziehen sich auf die Zeit, in denen die beiden sehr eng befreundet waren, also zwei bis drei Monate vor der Tat.

11.15 Uhr: Der Zeuge C. verkündet, dass er gemeinsam mit seinem Vormund, der ihm vom Jugendamt zugewiesen wurde, den Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit zurückziehe. "Ich möchte aussagen, damit das heute abgeschlossen wird", sagt C. Das bedeutet, dass sich das Gericht zur Beratung für weitere zehn Minuten zurückzieht. "So langsam wird's peinlich", hört man aus dem Publikum. Dabei folgt die Kammer lediglich ihrer Sorgfaltspflicht.

Die Vernehmung des Zeugen, sofern sie dann beginnt, dürfte viel Zeit in Anspruch nehmen, drei Stunden erscheinen als durchaus wahrscheinlich. Bei C. handelt es sich um einen der engsten Freunden des Angeklagten Hussein K.

10.45 Uhr: Die Richterin klärt auf: In der Pause sei noch einmal über den Antrag des Zeugen auf Ausschluss der Öffentlichkeit beraten worden. Es bleibt dabei, der Antrag wird abgelehnt. Dafür hatte der Beschluss um einen neuen Absatz zum Opferschutz ergänzt werden müssen. "Fehler passieren", sagt Richterin Schenk.

Oberstaatsanwalt Berger äußert den Eindruck, "dass der Zeuge nie im Leben 17 Jahre alt ist." Er halte diese Aussage für falsch und werde rechtliche Schritte dagegen einleiten. Bevor das Alter nicht geklärt sei, könne die Vernehmung des Zeugen C. nicht erfolgen. Über die Art der Ermittlungen, die ihm vorschweben, will sich Berger im Detail nicht äußern.

Der Anwalt der Nebenklage und die Richterin weisen auf einen Ausweg hin. Der Vormund des Zeugen könnte den Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit zurückziehen, dann könnte auf die Ermittlungen verzichtet werden. "Sie können Sie gerne auch noch mal fünf Minuten mit Ihrem Mündel beraten", bietet Richterin Schenk dem Vormund an. Dieser nimmt das Angebot an. Der Prozess wird um weitere zehn Minuten unterbrochen.

10.00 Uhr: Die Richterin ist nach der ersten Unterbrechung zurückgekehrt. Der Antrag des Zeugen C. auf Ausschluss der Öffentlichkeit wird abgelehnt, worauf im Publikum applaudiert wird. Die Richterin reagiert äußert verärgert: "Was soll denn das?" C. nimmt die Entscheidung gefasst zur Kenntnis. Bevor der Prozess fortgesetzt wird, bittet Oberstaatsanwalt Berger überraschend um eine Pause. Im Saal macht sich Verwunderung breit. Der Prozess soll um 10.30 Uhr fortgesetzt werden. Alle Prozessbeteiligten haben den Saal verlassen.

9.30 Uhr: Das Interesse an dem Prozessverlauf ist ungebrochen. Die Besucherplätze sind an diesem achten Prozesstag nahezu vollbesetzt.

Der erste Zeuge sagt in Begleitung seines Vormundes aus. C. spricht nur schlecht Deutsch, sein Vormund übersetzt für ihn. C. hatte einen Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit gestellt, da er minderjährig sei und eine Aussage vor so vielen Zuhörern ihn emotional zu sehr belasten würde. Oberstaatsanwalt Eckart Berger fragt den Zeugen direkt nach dem Alter. Dieser antwortet: 17. Die Richterin weist den Zeugen auf die Wahrheitspflicht hin.

Der Anwalt der Nebenklage, Bernhard Kramer, äußert sich verwundert über den Antrag. Er hält die Altersangabe für unglaubwürdig. Die emotionale Belastung würde sich nicht von der anderer Zeugen unterscheiden. Auch der Verteidiger von Hussein K., Sebastian Glathe, sieht die Voraussetzungen nicht erfüllt, die Öffentlichkeit von der Vernehmung auszuschließen.

Das Gericht zieht sich zur Beratung für zwanzig Minuten zurück.

Vorschau auf den Tag

Insgesamt sollen an diesem Dienstag sechs Polizeibeamten vernommen werden. Darunter der kriminaltechnische Hauptsachbearbeiter, ein Polizist, der an der Festnahme von Hussein K. direkt beteiligt war, und zwei Beamte, die über die komplizierte Spurensuche berichten. Spielten dabei auch Handydaten eine Rolle? Auf diese und andere Fragen erwartet sich nicht nur Richterin Kathrin Schenk Antworten.

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Autor: flo