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18. Oktober 2010

Ein Weg der Erinnerung

Friesenheim begibt sich am kommenden Freitag auf die Spuren seiner vor 70 Jahren deportierten und ermordeten jüdischen Bürger.

  1. Pfarrer Rainer Janus, Ekkehard Klem (Historischer Verein) und Pfarrer Alexander Hafner sprachen über die „Schritte der Erinnerung“ (hier am Friesenheimer Gurs-Mahnmal). Foto: Frank Leonhardt

FRIESENHEIM. Der 22. Oktober ist der 70. Jahrestag der Deportation der Friesenheimer Juden nach Gurs. Die Kirchen in Friesenheim laden aus diesem Anlass am kommenden Freitag zu einem Weg der Erinnerung ein. Pfarrer Alexander Hafner für die katholische Kirche und Rainer Janus für die evangelische Kirche sowie Ekkehard Klem vom Historischen Verein Mittelbaden informierten über die Veranstaltung.

Am Freitag, 22. Oktober, lädt die Kirche alle Bürger zu einem Weg der Erinnerung ein. Beginn ist um 18 Uhr in der St. Laurentiuskirche. Der anschließende Weg führt zu den Stolpersteinen, die der Künstler Günter Demnig vor ehemals jüdischen Häusern verlegt hat. Ziel ist der Gedenkstein am Friesenheimer Rathaus, wo im Gebet aller Opfer von Gewalt und Krieg gedacht wird. Im Anschluss daran besteht die Möglichkeit der Begegnung im Evangelischen Gemeindehaus.

Die "Schritte der Erinnerung" führen zu folgenden Anwesen: In der Friesenheimer Hauptstraße 38 (heute Optik Neher) wohnte Hugo Greilsheimer. Der Manufakturwarenhändler wurde 1935 von der Gestapo verhaftet und starb mit 46 Jahren im Lahrer Gefängnis. In der Friesenheimer Hauptstraße 58 (heute Sanitär Hertenstein) wohnte Blandina Greilsheimer. Die 51-jährige Schneiderin wurde 1940 nach Gurs deportiert und in Auschwitz ermordet. In der Synagogengasse 1 stand das Anwesen von Flora Agatha Greilsheimer. Sie wurde auch nach Gurs deportiert und in Auschwitz ermordet. Ihre vier Brüder kamen alle im Holocaust um. Das Haus stand direkt neben der Synagoge.

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In der Friesenheimer Hauptstraße 89 (heute Wohnblock mit Eigentumswohnungen) wohnten Alfred und Brunhilde Levi, geborene Haberer.

Levi übergibt "98 Briefe ins englische Exil"

Beide wurden 1940 nach Gurs verschleppt und in Auschwitz ermordet. Das Ehepaar betrieb eine Eisenwarenhandlung. Ihren Sohn Richard schickten sie 1938 im Alter von zwölf Jahren, das kommende Unglück ahnend, nach England. Dadurch konnte er den Holocaust überleben. Der heute 83-jährige Richard Levi wird am 22. Oktober Gast in Friesenheim sein. Er war 2004 erstmals wieder in Friesenheim und wird das Buch "98 Briefe ins englische Exil" vorstellen, das den Briefwechsel seiner Eltern aus Friesenheim und dem Lager Gurs der Öffentlichkeit zugänglich macht. Die Originale der Briefe befinden sich im Offenburger Kreisarchiv.

Der Weg der Erinnerung führt schließlich in die Friesenheimer Hauptstraße 95 (Fachwerkhaus unterhalb des Gasthauses Löwen). Hier wohnten Josef Herschel Greilsheimer und seine Frau Miriam. Der Viehhändler, genannt "Herschel Sepp" kam seiner Deportierung durch Suizid zuvor, seine Frau kam im Lager Izbiza in Polen ums Leben. In der Bärengasse 1 (heute Wohnblock) wohnte der Viehhändler und Kaufmann Ludwig Greilsheimer. Er wurde 1940 nach Gurs deportiert und in Majdanek ermordet. Seine Frau Flora und die Töchter Liselotte und Germaine, die in Gurs zur Welt kam, überlebten.

Menschen jüdischer Religion lebten seit Ende des 16. Jahrhunderts in Friesenheim und haben ihren Beitrag zur Vielfalt der Gesellschaft geleistet. Die Judenverfolgung begann in Deutschland mit der Machtergreifung von Adolf Hitler Anfang 1933. Das war der Beginn von Boykott, Berufsverboten, Drangsalierung und Verfolgung, der in der schrecklichen Verschleppung in das südfranzösische Lager Gurs am 22. Oktober 1940 und die spätere Deportation in die Vernichtungslager endete. Aus Friesenheim wurden acht jüdische Personen Opfer dieses Wahnsinns, zwei töteten sich zuvor selbst. Mit der Verlegung acht sogenannter Stolpersteine und mit einem Erinnerungsmal am Rathaus wird in Friesenheim an dieses traurige Kapitel der deutschen Geschichte erinnert.

Info: "Geschichte der Juden in Friesenheim", von Ekkehard Klem. Das 50-seitige Büchlein ist als Schulprojekt mit dem Historischen Verein erschienen und erzählt die Geschichte der Juden in Friesenheim. Es ist für 7 Euro im Buchhandel erhältlich.

Autor: Frank Leonhardt