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17. September 2008

Ja, ich bin schwul!

Wie ist es, festzustellen, dass man homosexuell ist? Ein 17-jähriger Junge aus einem Dorf bei Lörrach erzählt seine Geschichte

  1. Coming Out Foto: Buchheim

Schwul sein, das ist heute normal. Politiker sind schwul, in jeder Daily Soap gibt es ein schwules oder lesbisches Pärchen, es gibt das Lebenspartnerschaftsgesetz und überhaupt ist das doch kein Thema mehr, oder? Doch, natürlich ist es das. Denn wenn man als Teenie merkt, dass man selbst schwul oder lesbisch ist, ist das – zumindest eine Zeitlang – zwangsläufig Thema Nummer eins. Wie für Jonas Schneider (Name von der Redaktion geändert), 17 Jahre alt.

"Jonas, sag mal, willst du uns nicht etwas erzählen?" Jonas und seine Mutter sitzen zusammen im Wohnzimmer und gucken Fernsehen, als seine Mutter ihm diese Frage stellt. Dann ist erst einmal Stille, nur der Fernseher läuft.

"Ich hab mich zuerst gefragt, ob ich irgendwas kaputt gemacht habe", sagt Jonas heute, gut eineinhalb Jahre später. "Aber dann hab ich an ihrem Gesichtsausdruck gesehen, dass sie wohl von mir wissen will, ob ich schwul bin." Jonas ist sich zu diesem Zeitpunkt selbst erst seit einigen Monaten sicher, dass er schwul ist. Es hat damit angefangen, dass er sich nicht mehr nur in die Mädchen in seiner Klasse verguckt hat, sondern auch in die Jungs. "Am Anfang habe ich noch gedacht, okay ich bin vielleicht bi, aber dann hat es sich immer mehr gefestigt." Aber das der eigenen Mutter dann zu erzählen? Jetzt? Jonas Mutter fragt nach, druckst herum. Dem damals 16-Jährigen wird die Situation zu blöd, er geht aus dem Zimmer. "Ich war einfach noch nicht bereit für mein Coming-out", sagt Jonas heute.

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Einen Monat später macht seine Mutter einen zweiten Versuch, nach einem Grillabend im Kreis der Familie. "Für uns ist es kein Problem, wenn du schwul bist", sagt sie an diesem Abend, nachdem Jonas Geschwister vom Tisch aufgestanden sind. Diesmal läuft Jonas nicht weg und weicht auch nicht aus. "Ja, ich bin schwul", sagt er. Und fühlt sich ein bisschen befreit.

Kurz darauf erzählt Jonas es auch seinem besten Freund. Aber sonst niemandem. Nicht seinen Klassenkameraden in Lörrach, nicht den Verwandten, und auch nicht den Leuten in der Nachbarschaft. "Ich hab schon überlegt, es mehr Leuten zu sagen, aber ich hab keinen Drang dazu, in die Welt zu schreien ,hurra, ich bin schwul. Schwulsein ist doch ganz normal. Wenn es jemand herausfinden oder mitkriegen sollte, dann ist das halt so."

Das sagt sich allerdings leichter, als es sich lebt. Denn Jonas wohnt in einem kleinen Dorf in Südbaden. 500 Einwohner, viel Vieh, viele Reben. Andere Schwule? Statistisch gesehen müsste es sie geben – nicht nur in seinem Dorf, sondern auch in seiner Schulklasse in Lörrach. Hier ist das Nicht-geoutet-sein ein klarer Nachteil. "Denn er sagt nix, ich sag nix – ist ja klar, dass man da nicht zueinander findet."

Stattdessen findet man im Internet zueinander. Jonas entdeckt beim Googeln dbna.de – Du bist nicht allein (DBNA) – ein Coming-out-Portal des schwul-lesbischen Jugendnetzwerks Lambda. "DBNA ist eine echte Community für schwule und bisexuelle Jungs", sagt Jonas. "Hier kann man Leute kennenlernen – auch wenn man auf dem Dorf lebt." Zuerst verbringt er ganze Nachmittage im DBNA-Forum, tauscht sich endlich mit anderen jungen Schwulen aus. Und es sind Jungs aus Südbaden dabei. Einer erzählt Jonas von den Rainbow Stars, Lörrachs schwul-lesbischem Verein.

"Ich hatte bis dahin noch nie was von denen gehört, und bin dann mit jemandem aus dem DBNA-Forum dorthin gegangen." Durch die Rainbow Stars entdeckt Jonas auch die Rosekids, eine schwule Jugendgruppe aus Freiburg. Sie trifft sich jeden Mittwoch und jeden Freitag in den Räumen der Rosa Hilfe auf dem Grether-Gelände.

An einem Freitagabend im September, kurz nach 20 Uhr, sind rund 40 Jungs und Mädchen beim Rosekids-Treffen. Das Durchschnittsalter liegt etwa bei 20. Es ist wuselig und laut. Manche spielen Brettspiele, auf ein paar Sofas wird rumgehangen, andere hocken im Hof, rauchen und reden. Dort sitzt auch Jonas, zusammen mit seinem Freund. Die Rosekids-Treffen am Freitag sind ein fester Bestandteil seiner Woche geworden. "Meine Mutter fährt mich freitags an den Bahnhof, und dann bleibe ich das ganze Wochenende in Freiburg, entweder bei meinem Freund oder bei anderen Freunden."
Freiburg ist der Ort, an dem Jonas – im Gegensatz zu seinem Heimatort − offen schwul lebt. "Hier kann ich mehr ich selbst sein", sagt er. "Selbst in Lörrach würd’ ich zum Beispiel nie Händchen haltend durch die Straßen laufen, denn dort begegnen mir immer Leute, die ich kenne. Freiburg ist so groß, da wird man in der Masse auch mal übersehen."

Jonas glaubt aber, dass es auch in seinem Dorf bald anders werden kann. "Dass Schwulsein irgendwann wirklich ganz normal wird, ist nicht aufzuhalten. So hart wie das auch klingt: Die Leute, die noch Probleme damit haben, sterben irgendwann aus."

Doch selbst wenn das erstmal nicht passiert: Irgendwann wird auch Jonas Händchen haltend durch Lörrach laufen. Ganz bestimmt.

Autor: Carolin Buchheim