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28. November 2016 09:14 Uhr

Drogen

Gambier dominieren den Marihuana-Markt in Freiburg

Wenn von der Drogenszene am Stühlinger Kirchplatz die Rede ist, dann heißt es, sie sei in gambischer Hand. Wer die Dealer steuert, ist schwer durchschaubar. Die Strukturen wachsen den Behörden über den Kopf.

  1. Die Drogenszene auf dem Stühlinger Kirchplatz gibt es schon lange – erstmals aber haben alle Händler dieselbe Nationalität. Foto: Thomas Kunz

Im Saal IV des Freiburger Amtsgerichts vergangene Woche. Lamien K. sitzt auf der Anklagebank, weil Zollbeamte ihn und seinen Lkw bei Neuenburg gestoppt und im Fahrzeug rund acht Kilo Marihuana gefunden haben. K. kommt aus Gambia, die Ansprache des Richters wird ihm übersetzt. "Es ist amtsbekannt", sagt der, "dass nicht nur in Baden-Württemberg, sondern bundesweit gambische Staatsangehörige mit Marihuana Handel treiben". Später wird der Staatsanwalt noch sagen: "Das hat Strukturen angenommen, die den Behörden über den Kopf gewachsen sind."

Angesichts des geringen Bevölkerungsanteils, schreibt das Innenministerium in einer Antwort auf eine Landtagsanfrage der FDP nach der Rolle der Gambier in der Kriminalität in Baden-Württemberg, seien die Gambier bei Rauschgiftdelikten stark überrepräsentiert. Tatsächlich ist seit zwei, drei Jahren das Phänomen zu beobachten, dass die Drogenumschlagplätze der Städte plötzlich homogen von Gambiern betrieben werden. Zum Beispiel der Stühlinger Kirchplatz in Freiburg. Seit Jahrzehnten werden hier vor allem Haschisch und Marihuana verkauft. War hier in den 90er Jahren ein Mix an Nationalitäten anzutreffen, waren es später laut Polizei Händler nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. Seit Ende 2014 nun gilt der Platz und der dortige Handel als in gambischer Hand.

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Dealer wohnen nicht in Freiburg

Die Zahl an Personen bewegt sich laut Polizeisprecherin Laura Riske "im niederen zweistelligen Bereich". Nach Informationen der Rauschgiftermittlungsgruppe der Polizei handelt es sich dabei gar nicht unbedingt um in Freiburg wohnende Gambier: "Der Großteil derjenigen, die auf dem Kirchplatz tätig sind, ist nicht in Freiburg wohnhaft", heißt es in einer Antwort auf eine Anfrage von Der Sonntag. Die Händler reisten aus einem Umkreis von rund 50 Kilometern an.

Wie genau der Personalwechsel auf dem Stühlinger Kirchplatz vonstatten ging, ist nicht klar. Zahlreiche Verhaftungen in der Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge vor zwei Jahren könnten "Lücken" geschaffen haben, die neu besetzt wurden. Und ja, heißt es bei der Polizei, es habe auch Auseinandersetzungen in der Szene gegeben. Ob die von einem Verteilungskampf herrührten, wissen die Rauschgiftspezialisten der Polizei nicht. Die dort Angetroffenen seien meist wenig auskunftsfreudig, heißt es.

So auch Lamien K. bei seiner Verhandlung im Freiburger Amtsgericht. K. ist geständig, er war ein Kurierfahrer. Von wo nach wo er liefern sollte, er sagt es nicht. "Bisher liegen keine Erkenntnisse vor, dass gambische Staatsangehörige in organisierter Form nach Deutschland eingeschleust werden", antwortete das Stuttgarter Innenministerium auf die FDP-Landtagsanfrage. In der Verhandlung erläutert Verteidiger Jens Janssen, dass es auch so genügend Gründe gebe, Gambia zu verlassen. "Es ist ein Land, in dem gefoltert wird, in der die Todesstrafe willkürlich verhängt wird." Mit Demokratie und Meinungsfreiheit, verrät der Länderbericht von Amnesty International, ist es dort ebenfalls nicht weit her, Homosexuelle würden verfolgt.

Extra hohe Strafen

Warum treten aber gerade Gambier im Ausland so homogen auf? Es gibt Erklärungsversuche. Gambia ist ein kleines Land, mit 1,7 Millionen Einwohnern halb so groß wie Berlin. Die Gambier im Ausland finden schnell Kontakt zueinander. Über Mobiltelefone seien seine Landsleute gut vernetzt, hat ein Gambier, der sich als Zeuge meldete, der Freiburger Polizei gesteckt. Und da die gambische Amtssprache Englisch ist, können die Westafrikaner ohne große Hürden in fremden Ländern tätig werden.

Wie Stadt und Justiz in Freiburg auf die Szene reagieren, verliest Richter Andreas Leipold zu Beginn des Verfahrens: "Die Staatsanwaltschaft Freiburg hat auf Anregung der Stadt und in enger Zusammenarbeit mit der Polizei ihre Antragspraxis betreffend der gambischen Straßenhändler mit Marihuana geändert", liest er vor. Heißt: Wenn Gambier beteiligt sind, fordern Staatsanwälte besonders hohe Strafen.

Mehr zum Thema: (Dieser Artikel erschien am 27. November in "Der Sonntag in Freiburg)

Autor: Jens Kitzler (Der Sonntag)