Gefühliges nicht nur für die Jazzszene

Thomas Loisl Mink

Von Thomas Loisl Mink

Di, 10. Juli 2018

Rock & Pop

Sarah McKenzie mit Band beim Stimmen-Prolog in Saint-Louis.

Mit einem Prolog in Frankreich eineinhalb Wochen vor dem offiziellen Festivalbeginn und mit einem schönen und packenden Jazzkonzert startete das Stimmenfestival 2018 am Sonntagabend im Théâtre La Coupole in Saint-Louis. Die 1988 in Australien geborene Sängerin und Pianistin Sarah McKenzie wird schon als neue große Stimme des Vokal-Jazz gehandelt, und wer sie am Sonntag auf der Bühne erlebt hat, der hat gespürt, warum das so ist. Ihr Erfolg liegt aber sicherlich auch daran, dass sie eine Musik macht, die weit über die eingefleischte Jazzszene hinaus Gehör findet.

"I’m old-fashioned", bekannte Sarah McKenzie im zweiten Stück des Abends, und dass sie altmodisch ist, zeigt sich auch in der Musik, die sie macht. Avantgarde-Jazz war das keiner. Die Stücke führen vielmehr Jazztraditionen fort. Viel Swing prägt die Lieder, die sich durch weiche Melodien auszeichnen, es gibt Ausflüge in den Blues und den Bossa Nova, und alles ist großzügig instrumentiert. "Es war uns wichtig, dass sie mit großer Band kommt", stellte Eléonora Rossi, die künstlerische Leiterin der Coupole, fest.

So waren außer der Sängerin und Pianistin Gitarre, Bass und Schlagzeug sowie Alt- und Tenorsaxophon und Trompete vertreten. Das sorgte für einen üppigen, aber keineswegs aufdringlichen Klang, denn im Mittelpunkt stand die klare Altstimme der Sängerin, die präzise und gefühlvoll und mit viel Soul ihre überwiegend selbst komponierten Stücke interpretierte. Dass sie mit ihrer Stimme die Zuhörer auch ohne viel Begleitung zu fesseln versteht, bewies Sarah McKenzie zu Beginn der Ballade "We Could Be Lovers", dem Titelstück ihres vorletzten Albums, nur begleitet von ihrem perlenden Klavierspiel. "That’s It, I Quit!" hingegen zeigte die Band wunderbar groovend. Pierre Boussaguet spielte gefühlvoll und sanft grummelnd den Bass, Hugo Lippi trug im folgenden Stück ein inspiriertes Gitarrensolo bei. Insgesamt agierte die Band lebhaft und voller Spielfreude.

"The Secrets Of My Heart", ein ganz neues Stück, fügte sich nahtlos in die Reihe von Sarah McKenzies Kompositionen ein, ein Song, der sich durch seine schöne Melodie auszeichnete und eingängig war, ohne gefällig zu sein. Als ihr Tribut an Brasilien bezeichnete sie "De Nada", einen munteren Bossa mit einem gefühlvollen Flügelhorn-Solo von Julien Alour, der ansonsten die Trompete spielte. "You Must Believe In Spring", das sie alleine am Klavier sang, entpuppte sich als großartige Ballade, zu der die unspektakulär, aber perfekt gestaltete Beleuchtung große Eiskristalle auf die Bühne projizierte, denn natürlich ging es in dem Song um den eisigen Winter, in dem man an den Frühling glauben muss.

Mit gefühligem Smooth-Jazz, wie zum Beispiel "Paris in The Rain", dem Titelsong ihres jüngsten Albums, wusste Sarah McKenzie ihre Zuhörer und Zuhörerinnen zu umgarnen, ohne sie einzulullen, denn die Melodik war durchaus anspruchsvoll, und die Band spielte virtuos und fein aufeinander abgestimmt. Auch Altsaxophonist Plume und Tenorsaxophonist David Sauzay glänzten mit ihren Soli, sogar Marco Valeri am Schlagzeug, während die Musik gegen Ende des Konzerts an Tempo und Energie zulegte, insbesondere mit der instrumentalen Hardbop-Nummer "Road Chops" und dem Blues, den es zum Abschluss gab. Das zu einem großen Teil französische Publikum dankte mit kräftigem Applaus, und so gab es als Zugabe nochmal einen Swing: "Day In Day Out".