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05. Dezember 2009

Geldschwemme außer Kontrolle

BZ-GASTBEITRAG: Wolfgang Kessler meint, dass Zentralbanken und Politik den Nährboden für die Spekulation kräftig gedüngt haben

  1. Wolfgang Kessler Foto: privat

Jetzt hat es auch Angel Merkel gemerkt. "Die Gier ist zurück, das Kasino hat wieder geöffnet", sagte die Kanzlerin. Da sie sich in wirtschaftlichen Fragen immer erst äußert, wenn eine Entwicklung nicht mehr zu bestreiten ist, hat sie ins Schwarze getroffen. Weltweit wird wieder so wild spekuliert, als hätte es nie einen Crash gegeben. Gleichzeitig kommt Merkels Erkenntnis einem Geständnis gleich: Die westlichen Regierungen haben es versäumt, die Finanzmärkte zu regulieren. Und nicht nur dies: Die Zentralbanken und die Politik düngen seit Monaten den Nährboden für den nächsten Crash.

Die Zentralbanken in den USA, in der EU und in Japan haben die Leitzinsen fast gegen Null zurückgefahren. Damit wollten sie den Kreditkreislauf zwischen den Banken sowie zwischen Banken und Wirtschaft wieder in Gang bringen, der unter der Finanzkrise stark ins Stocken geraten ist. Dieses Ziel haben sie kaum erreicht. Stattdessen treibt die Politik niedriger Leitzinsen die neue Zocker-Runde auf dem Kapitalmarkt an. Denn die Banken leihen sich Geld in den Ländern, in denen es am billigsten ist – zurzeit in den USA – und investieren es in Ländern, in denen die Zinsen höher sind und die Anlagen renditeträchtiger. Die Theorie, wonach das Geld auf dem freien Kapitalmarkt immer dorthin fließt, wo es den größten Nutzen stiftet, ist längst widerlegt. Es fließt dorthin, wo die höchsten Renditen locken.

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Dabei scheuen die Spekulanten keine Risiken. Sie kaufen in Asien Aktien, deren Kurse sich in diesem Jahr verdoppelt haben. Auch hochriskante Anlagen wie minderwertige Unternehmensanleihen sind wieder gefragt – ihre Risikoaufschläge sind niedrig, sie gehen weg wie warme Semmeln. Dies meldet die Investmentbank Barclays Capital. Und selbst die als risikobehaftet geltenden Hedgefonds verbuchen wieder hohe Geldzuflüsse. Vielversprechende Renditen scheinen den Anlegern wichtiger als die Risiken.

Das neue Spekulationskarussell ist gefährlich. Denn spekuliert wird mit heißem Geld, das nicht an langfristigen Investitionen interessiert ist. Es fließt in ein bestimmtes Land, in eine bestimmte Währung und verlässt das Land und die Währung wieder, wenn sich der Wind an den Devisenmärkten dreht. Die Folge ist eine instabile Weltwirtschaft. Gefährlich ist auch, was jeden Abend in euphorischem Tonfall mitgeteilt wird: dass sich der Deutsche Aktienindex und der Dow Jones wieder Rekordwerten nähern, während sich die Volkswirtschaften zwar leicht erholen, aber keineswegs auf dem Weg zu einem Boom sind. Wenn jedoch die Finanzmärkte der realen Wirtschaft vorauseilen, ist es eine Frage der Zeit, bis die Spekulationsblase platzt, weil sich die Geldmärkte zu weit von der realen Ökonomie entfernen.

Zwar sind Banken und Finanzinvestoren die Hauptagenten auf dem Spekulationsparkett, doch auch die Politik hat dazu beigetragen. Sie hat über den größten Teil der Banken staatliche Rettungsschirme gespannt. Das war kurz nach Ausbruch der Finanzkrise richtig. Inzwischen signalisiert dies den großen Geldhäusern jedoch, dass sie riskant spekulieren können, weil sie im Zweifel mit Steuermilliarden vor dem Absturz bewahrt werden. Zudem stecken Zentralbanker und Finanzpolitiker in einem Zielkonflikt. Sie haben die Leitzinsen gesenkt, um die Wirtschaft zu beleben. Alle Kritiker der schnell steigenden Geldmenge haben sie damit getröstet, sie könnten das Geld durch höhere Zinsen jederzeit wieder aus dem Umlauf ziehen. Doch wenn sie das tun, werden die Kredite wieder so teuer, dass jeder noch so zarte Aufschwung abgewürgt wird.

Das Finanzsystem gesundschrumpfen, bevor die Welt krank spekuliert wird
Was hilft also gegen die drohende Spekulationsblase? Na das, was die Politik tun wollte, aber sich nicht getraut hat: der ständigen wundersamen Geldvermehrung durch strenge Eigenkapitalvorschriften für Kreditinstitute einen Riegel vorzuschieben; riskante Formen der Spekulation wie Leerverkäufe zu verbieten; den Finanzinvestoren klar machen, dass nicht die Steuerzahler für künftige Verluste aufkommen werden, sondern sie selbst. Und es braucht eine mindestens europaweite Umsatzsteuer von 0,5 Prozent auf alle Finanzgeschäfte, damit weniger kurzfristige und dafür mehr langfristige Investitionen getätigt werden. Es geht um nichts weniger, als das Finanzsystem gesundzuschrumpfen, bevor die Welt weiter krank spekuliert wird. Aber vielleicht brauchte es einen weiteren Crash, bevor die Politik sich traut, Finanzmärkte zu regulieren.

– Wolfgang Kessler ist Wirtschaftspublizist und Chefredakteur der christlichen Zeitschrift Publik-Forum

Autor: Wolfgang Kessler